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FOCUS Online/Wochit «Piloten haben ihre Pflicht erfüllt»: Erdogan will sich nicht bei Russland entschuldigen

 

Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei schaut die Welt auf Wladimir Putin. Wagt er die direkte militärische Konfrontation? Nahost-Experte Abdel Mottaleb El Husseini ist sicher: «Putin kann in der Türkei nicht angreifen, aber er wird die kurdische Karte spielen.»

Quelle: FOCUS

 

FOCUS Online: Herr Husseini, die ganze Welt wartet darauf, wieWladimir Putinauf den Abschuss seines Kampfjets durchdie Türkeireagieren wird. Womöglich hat er am Donnerstagmorgen als Rache einen türkischen LKW-Konvoi beschossen. Sieben Fahrer kamen dabei ums Leben. Was erwarten Sie jetzt von Putin?

 

Husseini:Russland wird reagieren, da bin ich mir sicher. Putin wird zwar keine massive militärische Reaktion einleiten. Aber er hat einige sehr starke Karten in der Hand.

 

FOCUS Online:Welche Möglichkeiten hat er, Erdogan zu treffen?

 

Husseini: Zum einen haben die Türken sehr stark von den EU-Sanktionen gegen Russland profitiert. Seitdem exportieren sie sehr viele Waren nach Russland. Hier kann Putin Erdogan hart bestrafen, indem er die milliardenschweren Exporte stoppt oder einschränkt. Genauso kann er dafür sorgen, dass keine russischen Touristen mehr in die Türkei reisen. Auch da würde ein Milliardengeschäft wegbrechen.

 

FOCUS Online:Wird es Putin reichen, Erdogan wirtschaftlich zu schwächen?

 

Husseini:Nein. Er kann außerdemErdogans Hoffnung auf eine Sicherheitszone in der Region zerstören. Indem Russland nun Luftabwehrraketen und Raketenkreuzer in der Region stationiert und seine Angriffe an der türkisch-syrischen Grenze intensiviert, ändert Putin die Machtverhältnisse in der ganzen Region.

 

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FOCUS Online:Hätte er das nicht ohnehin tun können?

 

Husseini:Erdogan hat mit dem Abschuss einen fatalen Fehler begangen, den Putin nun schnell ausnutzt. Ob Putin diesen Fehler sogar gezielt provoziert hat, weiß ich nicht. Aber er schafft nun vollendete Tatsachen, die er nur schaffen kann, weil er die militärische Aufrüstung in der Region nun als Reaktion auf den Abschuss rechtfertigen kann.

 

FOCUS Online:Was hat das für Folgen für die Türkei in der arabischen Welt?

 

Husseini:Russland ist eine Großmacht, ob man will oder nicht. Diese Großmacht sorgt jetzt für eine neue politische Lage in der Region. Die Türkei hat dort inzwischen größtenteils Feinde. Sie verliert an Einfluss – auch wegen der neuerlichen Annäherungen zwischen Russland und dem Iran. Und die Nato ist zwar zum Bündnis mit der Türkei verpflichtet, aber sie wird wegen Erdogan sicher keine Konfrontation mit Russland eingehen. Man muss sagen: Erdogan hat sich selbst und den internationalen Bemühungen im Kampf gegen den IS mit dem Abschuss einen Bärendienst erwiesen.

 

FOCUS Online:Wird es Putin dadurch gelingen, Erdogan auch innenpolitisch zu demontieren?

 

Husseini:Dafür hat Putin noch eine weitere Karte, die er spielen kann. Er kann Erdogan richtig ärgern, in dem er die Kurden in der Türkei in ihren Autonomiebestrebungen unterstützt. Dafür könnte er im Extremfall die PKK mit Waffen ausstatten. Mit einer direkten Hilfe an die nach Autonomie strebenden kurdischen Kräfte – auch auf der syrischen Seite der Grenze – könnte Putin für große Probleme in der türkischen Regierung sorgen.

 

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