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Das gerade begonnene Jahr wird ein schweres Jahr werden – aber in den politisch-diplomatischen Schlachten auch siegreich für Russland. Von denen wird jede nicht nur ein Schritt auf dem Weg zum unvermeidlichen Sieg sein, sondern sie machen auch den Sieg für alle immer offensichtlicher, sagt Rostislaw Ischtschenko.

Von Rostislaw Ischtschenko, Übersetzung Thomas Roth

Quelle: Contra Magazin

 

 

Vor einem Jahr, gleich am Anfang 2015, hatte ich die Gelegenheit in einem der Kommentare zu sagen, dass 2015 ein Jahr grundlegender Veränderungen wird und konnte eine Analogie zum Jahr 1943  herstellen. Diese Analogie kann im Bezug auf 2016 fortgesetzt werden.

 

 
Die Geschichte lehrt uns…

 

Im Großen Vaterländischen Krieg ist der grundlegende Umschwung gerade im Jahr 1943 geschehen: Nach der Zerschlagung und Vernichtung der 6. Armee von General Paulus bei Stalingrad gelang es dem besten Strategen des Reiches, dem Generalfeldmarschall Erich von Manstein, vom Kaukasus die halbeingeschlossenen Verbände der Armee-Gruppe «A» herauszuziehen, die Front zu stabilisieren und auf die sowjetischen Gruppierungen in Richtung Dnepropetrowsk und Saporoschje einen empfindlichen Gegenschlag zu führen, der mit der erneuten Besetzung Charkows durch die Nazis endete. Er hatte die Pläne des neuen strategischen Angriffs vorbereitet, der ursprünglich für Ende April / Anfang Mai 1943 im Raum des Kursker Bogens geplant war, der nachher noch große Berühmtheit erlangen sollte.

 

Die Pläne Mansteins ließen sich jedoch nur unvollständig realisieren. Der Angriff der deutschen Truppen begann erst am 5. Juli und kam dann relativ schnell zum Erliegen. Die sowjetische Armee ist in die Gegenoffensive übergegangen und hat bis zum Ende des Jahres die linksufrige Ukraine auf breiter Front befreit, den Dnepr in seinem Mittel- und Unterlauf forciert, die strategischen Brückenkopfe auf dem rechten Ufer und die Voraussetzungen für die Befreiung des gesamten Territoriums der Sowjetunion im Jahr 1944 geschaffen (bis auf den bis zum letzten Tag des Krieges blockierten Kurland-Kessel).

 

Nach dem Scheitern des Angriffs im Kursker Bogen versuchte die deutsche Armee bis zum Ende des Krieges nicht mehr, die strategische Initiative zu gewinnen, sondern begann einfach, auf Zeit zu spielen, da die Führung des im Sterben liegenden Reiches damit rechnete, auf der Basis der Widersprüche zwischen den Verbündeten innerhalb der Antihitlerkoalition, für sich vorteilhafte Bedingungen für den Frieden zu erreichen.

 

Die Unvermeidlichkeit der Niederlage war den deutschen Strategen bereits Anfang 1943 klar. Nach der Vernichtung der 6. Armee waren die Möglichkeiten Deutschlands, die Verluste an Menschen und technischen Kampfmitteln aufzufüllen, nicht mehr vorhanden. Und letzten Endes war die Verzögerung bei der Vorbereitung des Angriffs im Kursker Bogen ausschließlich von der Unfähigkeit Berlins hervorgerufen, rechtzeitig (bis zum Mai) die Auffüllung der Divisionen des Südflügels der Front mit Personal und technischen Kampfmitteln zu gewährleisten, die dort riesige Verluste erlitten hatten.

 

Das heißt, grundsätzlich war das strategische und ökonomische Ergebnis des Krieges bereits im Frühling 1943 klar und keine Bemühungen der politischen Führung und das Militärkommando des Reiches konnten es ändern oder aufheben. Darin liegt das Wesen des grundsätzlichen Umschwungs – das Endergebnis ist von ihm vorherbestimmt. Aber die Agonie dauerte noch zwei Jahre.

 

 

Die moderne globale Opposition

 

Ich meine, dass der erwartete grundlegende Umschwung in der globalen Opposition Russlands und den USA im Jahr 2015 geschehen ist. Der sichtbare Ausdruck dafür (materiell, äußerlich) wurde die offene militärische Einmischung Russlands in den syrischen Konflikt.

 

Daraufhin waren schon zum Dezember 2015 die USA gezwungen, die Forderung nach dem Rücktritt von Assad, bis dahin Vorbedingung für den Beginn von Verhandlungen mit der syrischen Regierung und das aus der Diskussion rauszunehmen, was sich unter dem Euphemismus die «gemäßigte Opposition» versteckt. Wenn man berücksichtigt, dass diese Forderungen Schlüssel für die Lösung waren – vom Beginn der syrischen Krise an – dann haben die USA anerkannt, dass das ausgegebene Ziel nicht mehr realisierbar ist, das heißt, sie haben ihre Niederlage tatsächlich anerkannt.

 

In Ergänzung dazu, hat die Einmischung Russlands in den syrischen Konflikt zur Öffnung der strategischen Widersprüche zwischen den USA und ihrem türkischen Verbündeten geführt. Früher beabsichtigten Washington und Ankara, die gegebenen Widersprüche auf Kosten von Assad und Syrien zu tolerieren.

 

Jetzt bleibt der einzige Platz, auf dem sie noch mehr oder weniger selbständig spielen können, das Kurdengebiet Syriens und des Iraks (und jenes auch nur vorübergehend). Unter der Berücksichtigung der diametral entgegengesetzten Positionen Washingtons und Ankaras in der Kurdenfrage, sollten die Widersprüche und die Positionen beider Länder im Nahen Osten entsprechend eher anwachsen als abnehmen.

 

Zum guten Schluß bedeuten die Verpflichtungen Washingtons, die sie im Rahmen der auf Antrag Russlands verabschiedeten Resolution der UNO eingegangen sind, einen eklatanten Widerspruch zu den Interessen und den Handlungen ihrer Verbündeten aus einer Zahl von Ländern des Golfes (Saudi-Arabien, Katar), woraufhin die mit der Bildung einer selbständigen «islamischen Koalition» begonnen haben.
Dieser Fakt schwächt auch die Kontrolle der USA über die Prozesse ab, die in der Region laufen.

 

Die Hauptsache ist, die noch im Sommer als scheinbar einheitliche antisyrische Front auftretenden USA, EU, Türkei und die Monarchien des Golfes haben sich als auf allen vier Komponenten ermüdet erwiesen, ihre Interessen laufen immer stärker auseinander. Damit hat Russland ausgedehnten Raum für das politisch-diplomatische Manöver bekommen und von Tag zu Tag verstärken sich damit auch die Widersprüche.

 

Über das Ausweichen der USA auf Nebenkriegsschauplätze schrieb ich schon, aber ich werde daran erinnern, dass die Entblockierung der Reformen des Internationalen Währungsfonds und die unzweideutig geäußerten öffentlichen Forderungen des Vizepräsidenten der USA, Joseph Biden, an die ukrainischen Behörden «Minsk zu erfüllen» und endlich mit der Föderalisierung zu beginnen, ist eine kritisch wichtige Abweichung von ihrer Politik der letzten fünf Jahre.

 

 

Die ukrainische Frage

 

Während für das breite Publikum die Situation um den Internationalen Währungsfonds schwer zu verstehen ist, schließlich gibt es nur wenige Experten, die sich mit den Funktionsmechanismen des Fonds selbständig zurechtfinden können, so ist die neue Politik in Bezug auf die Ukraine für alle offensichtlich.

 

Hat doch gerade derselbe Biden im Rahmen der für die USA traditionellen Politik der Unterstützung der ukrainischen Einheitlichkeit dem Kiewer Regime den Wink zum Beginn der Strafoperation im Donbass gegeben, die in den langwierigen blutigen Bürgerkrieg mündete, der die ukrainische Wirtschaft und die Staatlichkeit zerstörte.

 

Vor allem ist noch die Eröffnungssitzung mit der ganzen ukrainischen Führung in Erinnerung (es waren noch nicht mal alle Posten und Ämter verteilt) im Jahr 2014 in der Werchowna Rada, auf dem Biden den Vorsitz inne hatte und nach dem die heftigen Kämpfe im Donbass angefangen haben.

 

Kaum anderthalb Jahre später sagte derselbe Biden, in derselben Rada, denselben Menschen von der Tribüne herunter, dass die Regionen der Ukraine (nicht nur der Donbass) wesentlich mehr Selbstständigkeit erhalten müssen, als seinerzeit im Frühling des Jahres 2014 der Donbass (damals noch nicht DNR/LNR sondern nur die Donezker und Lugansker Gebiete) forderte.

 

Man fragt sich: wofür kämpfte die Ukraine mit der Unterstützung der USA eigentlich anderthalb Jahre lang und wie kann man die Ergebnisse des Krieges bewerten, wenn es nach einem Zwischenergebnis erforderlich sein sollte, viel mehr Vollmachten und eine größere Zahl von Subjekten zu überlassen, als es ursprünglich notwendig war?

 

 

Die Hauptsache – das sind die Manöver

 

Tatsächlich nehmen auf allen militärischen, politischen, diplomatischen und sogar auf den finanziellen Fronten die USA ihre ursprünglichen Forderungen zurück, wegen denen die Kriege angefangen haben und versuchen, ins Regime des Verhandelns hineinzukommen.

 

Die USA haben die Krisen selbst geschaffen, haben es zur von ihnen gewählten Zeit und an den von ihnen gewählten Stellen gemacht. Sie verwendeten für die Lösung dieser Krisen zu ihrem Vorteil im Voraus die von ihnen bestimmten Kräfte und Mittel. Und jetzt erkennen sie an, dass die Einschätzungen falsch waren, die Kräfte und die Mittel fehlen und die Krisen der amerikanischen Kontrolle immer mehr entgleiten. Jetzt braucht Washington mindestens eine operative Pause (oder besser noch einen Waffenstillstand), um so versuchen zu können, verlorenes Terrain am Verhandlungstisch zurückzugewinnen, oder aber sich neu zu sortieren, das Hinterland fester einzubinden und von Neuem zu beginnen. Wenn das nicht die Anerkennung der Niederlage ist, was ist es dann?

 

Die USA haben die Unmöglichkeit anerkannt, die laufenden Krisen ohne direkte Verhandlungen mit Russland zu lösen. Die Supermacht, die die Rolle des einzigen weltweiten Hegemons beansprucht, erklärt sich bereit, auf gleichberechtigter Ebene und ohne Vorbedingungen mit einem anderen Staat zu verhandeln und erkennt damit automatisch bei dem anderen Staat den Status einer gleichwertigen Supermacht an.

 

Das ist genau das, was die USA seit den Zeiten des Zerfalls der UdSSR versuchten zu vermeiden, was eine der Grundlagen ihrer außenpolitischen Doktrin war – die Niederhaltung des Staates, der fähig sein könnte, die USA in ihre Schranken zu verweisen. Russland war am Boden und die USA haben versucht, Russland weiter niederzuhalten und dabei seine Interessen komplett zu ignorieren. Und am Ende des Jahres 2015 waren sie gezwungen, ihre eigene Unfähigkeit anzuerkennen, die außenpolitische Doktrin mit dem zur Verfügung stehenden Instrumentarium, mit Hilfe der vorhandenen Kräfte und Mittel zu realisieren.

 

Außerdem besteht eine Riesengefahr darin, dass wenn in der Politik der Hegemon seine Unfähigkeit anerkennt, die Kontrolle über die Welt auszuüben, das zu dem schnellen, fast momentanen Ausgang der Vasallen aus der Unterordnung führt. Warum soll man die eindeutigen Forderungen des einheitlichen Machtzentrums erfüllen, wenn man jetzt zwei solche Zentren hat und damit die Möglichkeit, zwischen ihnen zu manövrieren. So eine Situation führt zu einer rapiden Kürzung der verfügbaren Ressourcen.

 

Für alles, was die USA früher umsonst bekam (einschließlich der Loyalität der Vasallen) müssen sie jetzt bezahlen. Und jedes Mal immer mehr und mehr. Und man beginnt sich zu erinnern, sowohl an die vorherigen Kränkungen als auch an die Unaufmerksamkeiten, an die groben persönlichen Erpressungen der Politiker und die Missachtung der Interessen der Verbündeten. Und wenn sie sich erinnern, werden sie beginnen, Washington die Rechnungen für die Vergangenheit in voller Höhe auszustellen.

 

Der Hegemon, der auf die rohe Gewalt setzte, weil er nicht freiwillig zurücktreten wollte, bekam dieses Mal die Unfähigkeit vorgeführt, das Problem aus eigener Kraft zu entscheiden. Damit öffnete er das Tor für die unkontrollierbaren Prozesse, die sich wie ein Lauffeuer ausbreiten und mit der Kraft einer Lawine zum schnellen Zusammenbruch der Möglichkeiten des Hegemons führen. Die USA sind zurückgetreten. Jetzt werden sich ihre Probleme vermehren.

 

 

Unvermeidliches wird nicht sofort offensichtlich

 

Eine Schneelawine scheint zuerst auch harmlos und nicht gefährlich. Aber die Zeit in der modernen Welt läuft schneller als vor siebzig Jahren. Ob sich die USA für den offenen militärischen Zusammenstoß entscheiden werden oder ob sie die Taktik der Zerstörung der Wirtschaft der modernen Welt anwenden werden (nach dem Prinzip «wenn ich es nicht bekomme, warum dann Du?») oder ob bei den amerikanischen Eliten der gesunde Menschenverstand ausreichen wird, um sich mit der Rolle eines der vielen Zentren der Macht – aber dem bei weitem einflussreichsten – in der modernen Welt zufrieden zu geben?

 

Aber daran, das 2016 ein schweres Jahr wird, dass siegreich für Russland in den vielen politisch-diplomatischen Schlachten endet, von denen  jede Einzelne näher zum unvermeidlichen Sieg führt und dabei alles immer offensichtlicher macht — daran muß niemand mehr zweifeln.

 

Unabhängig davon, wie sich die Ereignisse an den Fronten der globalen Opposition entwickeln, am schlimmsten kommt es für die im Verlauf des globalen Konfliktes bereits zerstörten Ländern (Libyen, Syrien, Irak, Ukraine) und ihre Bevölkerung.

 

Schließlich war das Jahr 1944 auch nicht nur das Jahr der großen Siege aller Teilnehmer der Antihitlerkoalition, sondern auch das Jahr der großen Verluste aller Teilnehmer des Zweiten Weltkriegs. Der im Sterben liegende Feind ist gefährlich. Er versteht, dass er stirbt und versucht noch, selbst schon tödlich verletzt, den Sieger mit einem letzten Biss zu vergiften.

 

 

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