Hälfte der syrischen Bevölkerung auf der Flucht. UN-Organisationen fordern Ende des Krieges. Opposition droht mit Boykott der Gespräche in Genf

 

 

Die Vereinten Nationen warnen vor der »schlimmsten humanitären Krise seit Ende des Zweiten Weltkrieges«, die sich derzeit in Syrien ereigne. Der UN-Vertreter in Damaskus, Yacoub El Hillo, berichtete am Dienstag in Genf, dass in der Arabischen Republik bereits die Hälfte der Bevölkerung ihre ursprünglichen Wohnorte habe verlassen müssen. 60 Prozent lebten infolge des Krieges in bitterer Armut. 4,5 Millionen Notleidende seien in den Kampfgebieten nicht für Helfer erreichbar. Die Welt sei auf des Elend dieser Menschen jedoch erst aufmerksam geworden, als Zehntausende Flüchtlinge Schweden und Deutschland erreicht hätten. Er wolle aber klarstellen: »Die Mehrheit der Syrer lebt in ihrer Heimat. Die Menschen leiden still, sie wollen ihr Land nicht verlassen.« Die Syrer erwarteten, dass die »internationale Gemeinschaft« endlich über sie und ihr Schicksal spreche. Es dürfe nicht länger zugelassen werden, dass sie »den Preis für das Scheitern der Politik bezahlen«, forderte Hillo. Auch John Ging, Direktor des UN-Büros für die Koordination der humanitären Hilfe (OCHA), forderte von den Verhandlungsparteien, eine politische Lösung zu finden.

 

Vor dem für Freitag geplanten Beginn der Syrien-Friedensverhandlungen in Genf hatte UN-Sondervermittler Staffan De Mistura am Montag gewarnt, dass eine Beendigung des Krieges schwer werde. Das bisherige Konzept der auf sechs Monate angesetzten Gespräche sei der neuen Situation angepasst worden, so dass man nicht mehr von zwei oder mehreren Delegationen ausgehe, sondern vielmehr von »Nachbarschaftsgesprächen«. Diese würden »von vielen Teilnehmern in vielen Räumen« geführt, so De Mistura. Er und seine Mitarbeiter würden zwischen den verschiedenen Gruppen vermitteln. »Oft werden Leute die Gespräche verlassen, wenn irgendwo eine Bombe gefallen ist oder jemand einen Angriff verübt hat, und dann wiederkommen.« Davon solle man sich »weder beeindrucken noch deprimieren« lassen.

 

Die im saudiarabischen Riad tagenden Vertreter der verschiedenen Gruppen von Aufständischen drohten am Dienstag erneut mit einem Boykott der Verhandlungen. Ihr Sprecher Assad Al-Subi sagte der NachrichtenagenturReuters, ohne die Umsetzung vertrauensbildender Maßnahmen wie der Freilassung von Gefangenen werde es keine Gespräche geben. In Syrien selbst gehen die Kämpfe unvermindert weiter. Im Süden des Landes konnten Regierungstruppen mit Unterstützung russischer Luftangriffe die strategisch wichtige Stadt Scheich Maskin einnehmen. In Homs wurden am Dienstag bei zwei Bombenanschlägen mindestens 19 Menschen getötet, meldete die staatliche Nachrichtenagentur SANA. Den Regierungsgegnern nahestehende Quellen bestätigten die Attentate.

 

Noch immer war am Dienstag unklar, wer als Vertreter der syrischen Opposition zu den Gesprächen eingeladen werden solle. De Mistura betonte lediglich, dass es von großer Bedeutung für den Friedensprozess sei, dass »die Frauen und die Zivilgesellschaft Syriens« einbezogen würden. In Moskau forderte der russische Außenminister Sergej Lawrow auf seiner Jahrespressekonferenz, die kurdischen Kräfte nicht von den Gesprächen auszuschließen. »Diese Gruppe nicht einzuladen wäre der größte Fehler«, sagte er. Dagegen versucht die Türkei, eine Beteiligung der »Volksverteidigungseinheiten« (PYD) zu verhindern.

 

Quelle: Junge Welt