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Foto: Constanze Reuscher/ Ignatius Youssif III. Younan ist syrisch-katholischer Patriarch im Libanon

Der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Youssif III. wirft dem Westen Opportunismus und mangelnde Strategie in der Flüchtlingsfrage vor. Den arabischen Christen drohe Untergang und Massenflucht.

 

Der Patriarch der syrisch-katholischen Kirche gibt dem Westen die Hauptschuld an der Dauerkrise in Nahost: «opportunistisch» und «materialistisch», sei er, mehr am Erdöl interessiert als am Frieden und dem Wohl von verfolgten Minderheiten wie den Christen.

 

Ignatius Youssif III. Younan ist selbst Syrer. Man erkennt es an seinem leidenschaftlichen Plädoyer für seine Heimatregion, bei dem er es nicht bei seiner Rolle als geistiges Oberhaupt belässt. Zu einer verschwindenden Minderheit sind die Christen in Syrien und im Irak inzwischen geschrumpft, sie stellen gerade noch fünf Prozent der Bevölkerung in Syrien – vor 100 Jahren waren es noch 30, vor 70 Jahren noch knapp 20 Prozent. Im Irak seien christliche Bürger heute kaum noch zählbar.

 

Das alles geschehe unter den Augen eines Westens, der nicht hingucke, weil die Christen «zahlenmäßig auf der internationalen Bühne kein Gewicht haben, keine finanziellen Mittel, kein Erdöl, auch keine Terroristen, um unsere Ziele durchzusetzen». Der Islam könne auf einen Weltstaat setzen, die Christen nur auf ihre Brüder im Westen, die aber «ihren Glauben zugunsten des Materialismus» abgegeben hätten.

 

Die «Bluts-Ökumene» rückt näher zusammen

 

Der Patriarch spricht so viele Sprachen wie er Brüder hat, neun, darunter auch Deutsch und Syrisch-Aramäisch, die der Sprache ähnelt, die Jesus sprach. «Seine Seligkeit», wie er angesprochen wird, hat in Rom studiert, in New York gelebt, und nennt die Juden im Nahen Osten alttestamentarisch «unsere älteren Brüder». Trotzdem habe der Westen nicht das Recht, zum Schutz Israels «alle Länder drumherum zu zersprengen, Zivilisation und Kultur zu zerstören, Menschenleben wie die von Fliegen zu behandeln und Kinder im Mittelmeer zu ertränken».

 

In Rom empfängt er im Sitz seiner Kirche am Campo Marzio, gleich hinter dem italienischen Parlament. Younan hat es eilig, er will in den nächsten Wochen alle Patriarchen der Ostkirche mit dem Papst an einen Tisch bringen. Der Konflikt im Nahen Osten dauere zu lange an. «Noch ist die Kirche nicht von der Verfolgung durch islamische Extremisten besiegt – Christen, Katholiken, Orthodoxe und Protestanten sind näher zusammengerückt.» Papst Franziskus habe das die «Bluts-Ökumene» genannt, weil Christen der Gegend Ziel terroristischer Angriffe seien, «nicht nur Katholiken oder Orthodoxe». Doch es ist ein schwacher Trost.

 

«Die Christen sind überall auf der Flucht, leben in humanitärem Notstand, ihre Moral schwindet», berichtet der Patriarch aus seinem Alltag. Aus der Ninawa-Ebene um Mossul wurden im August rund 140.000 Christen vertrieben. Er sei in stetigem Kontakt mit dem dortigen Bischof, den Priestern und Schwestern, die mit der Bevölkerung geflohen sind. «Es herrscht humanitärer Notstand, sie ziehen in Karawanen umher.» Wer kann, flieht in den Westen. «Unsere Gemeinden sind vom völligen Untergang bedroht.»

 
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