Nachdem die Türkei einen weiteren Vorwurf der Luftraumverletzung gegen Russland erhoben und eine erhöhte Alarmstufe für ihre Luftwaffe beschlossen hat, beschäftigen sich russische Experten mit möglichen Konsequenzen.

 

Pjotr Dejnekin, Ex-Chef der russischen Luftwaffe, sagte der Onlinezeitung gazeta.ru, der neue türkische Vorwurf gegen Moskau sei eine politische Provokation: „Die Versetzung der türkischen Luftwaffe in eine erhöhte Bereitschaft, die man dort als Alarmstufe Orange bezeichnet, ist nichts mehr als ein billiger Trick. Im November hatte die Türkei ja keine erhöhte Bereitschaft gebraucht, um verbrecherisch einen russischen Su-24-Frontbomber abzuschießen. Nun hat niemand vor, die Türkei anzugreifen, und ihre erhöhte Alarmstufe geht auf keine militärische Notwendigkeit zurück.“

 

Der Streit zwischen Moskau und Ankara war in den letzten Tagen neu entbrannt. Die Türkei behauptete, ein weiterer russischer Kampfjet – diesmal eine Su-34 – habe den türkischen Luftraum verletzt, und ordnete die Alarmstufe Orange für ihre Luftwaffe an. Dementsprechend dürfen türkische Kampfpiloten illegal eingedrungene ausländische Flugzeuge abschießen, ohne auf einen speziellen Befehl zu warten.

 

Dejnekin ist allerdings davon überzeugt, dass ein Kampfpilot ohne Befehl „nicht einmal Zug-Gänse“ abschießen werde: „All dies ist nichts mehr als ein taktloser politischer Ausfall gegen Russland, der auf wirtschaftliche Interessen der Türkei zurückzuführen ist.“ Nach dem damaligen Su-24-Abschuss hatte Russland seine wirtschaftliche Kooperation mit der Türkei gedrosselt – vor allem im Tourismusbereich.

 

Im November hatte die Türkei erklärt, die Su-24 sei über ihrem Territorium abgeschossen worden. Laut Moskau erfolgte der Abschuss über Syrien. Den neuen türkischen Vorwurf einer Luftraumverletzung weist Russland ebenfalls strikt zurück. Militärsprecher Igor Konaschenkow sagte in der laufenden Woche: „Die Hysterie der türkischen Seite ist nicht nur eine haltlose Propaganda, sondern trägt auch deutliche Züge einer durchgeplanten Provokation.“
 
Der russische Militärexperte Viktor Murachowski kommentierte nun für gazeta.ru, die türkische Alarmstufe Orange entspreche ungefähr einem Stand, der in Russland als „Kriegsgefahr“ gelten würde: „Doch nach jenen Maßnahmen zu urteilen, die in der Türkei jetzt getroffen werden, ist diese türkische Alarmstufe weniger schwerwiegend als das russische Pendant. Dort werden ja keine Reservisten einberufen, keine zusätzlichen Verbände und Einheiten alarmiert, keine Flugabwehrwaffen in unmittelbare Kampfstellungen gebracht. Es geht eher um einen moralischen Faktor.“ Murachowski prognostizierte, die neue türkische Alarmstufe werde nicht länger als einige Tage dauern. Seine Parallele zu den russischen Streitkräften war übrigens rein theoretisch: In Russland wurde keine erhöhte Alarmbereitschaft angeordnet.

 

Am Samstag hatte Recep Tayyip Erdogan gesagt, er wolle mit Wladimir Putin persönlich die Situation besprechen. Der russische Politik-Experte Valeri Chomjakow kommentierte im Radiosender Kommersant FM: „Die Türkei sucht derzeit einen Anlass, um sich mit Russland an den Verhandlungstisch zu setzen, denn die türkische Wirtschaft ist ziemlich hart von den russischen Sanktionen betroffen.“

 

Generell sagte Chomjakow: „Die Spannungen zwischen den beiden Staaten, die über genug militärische Kapazitäten verfügen, könnten natürlich nicht nur für das russisch-türkische Verhältnis folgenschwer sein. Diese Spannungen beeinflussen auch den russischen Anti-Terror-Einsatz in Syrien negativ und gefährden die internationale Sicherheit.“

 

 

Quelle: Sputniknews