Die Frauenverteidigungseinheit (YPJ) der kurdischen Streitkräfte kämpft nicht nur gegen den IS, sondern auch, „um die patriarchalische Mentalität der Armee zu ändern“, sagte die frühere Journalistin und heutige YPJ-Befehlshaberin Nesrin Abdalla in einem Sputnik-Interview in Paris.

„Wir leben in einer Feudalgesellschaft, wo jeden Tag die Rechte der Frauen angegriffen werden, wo wir unterdrückt und vergewaltigt werden. Wir mussten uns organisieren, um gegen die feudale Denkweise zu kämpfen“, so Abdalla.

 

Bevor Abdalla der YPJ beitrat, war sie als freie Journalistin tätig. Später habe sie aber den „militärischen Beruf erlernt“. Dies sei Tradition unter den Kurden, sagte sie. „Es gab 28 Aufstände. Und jedes Mal haben sich die Frauen erhoben, um den Feind zu bekämpfen oder um sich einfach zu verteidigen.“ Es sei wichtig, dass die Frau ihren Platz im Kampf findet, aber nicht nur in den Streitkräften. Frauen müssen auch auf der sozialen, bürgerlichen und rechtlichen Ebene vertreten sein, um die Gleichberechtigung in der Gesellschaft zu erlangen, so Abdalla.

 

 

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YPJ-Befehlshaberin Nesrin Abdalla bei ihrem Paris-Besuch

 

Die YPJ wurde noch vor den Angriffen der Terrormiliz Daesch („Islamisher Staat“, IS) gegründet. Frauen seien in den Verteidigungstruppen seit der Revolution 2011 präsent, es habe jedoch nie so viele wie heute gegeben. Offiziell wurde die Frauenabteilung im April 2013 gegründet. „Die YPI hat aber eine eigene Leitung und ein eigenes Verwaltungssystem, wir treffen selbst Entscheidungen und erarbeiten selbst Angriffspläne. Es gibt jedoch Sachen, die wir gemeinsam mit der YPG machen“, sagte Abdalla.

 

In den Reihen der YPJ gäbe es auch Ausländerinnen, darunter aus europäischen Staaten. Ihre Mitgliederinnen wollen eine demokratische und gleichberechtigte Gesellschaft aufbauen. Daesch habe nichts mit Moslems und dem Islam zu tun. „Einerseits nutzen sie die Religion und andererseits die Angst, um ihre Aktivisten zu überzeugen.“

 

„Als es zu den ersten Kämpfen mit Daesch kam und viele von ihnen ums Leben kamen, haben wir bei den Toten Löffel oder Schlüssel in der Kehle gefunden“, erzählt Abdalla. Wie die Frauen später von einem Gefangenen Daesch-Kämpfer erfuhren, soll der Schlüssel die Tür ins Paradies öffnen, und der Löffel sei nötig, um mit dem Prophet Mohammed zu speisen.

 

Die Terroristen passen ihre Religion und Ideologie an die Umstände an. Die YPJ hatte sie Abdalla zufolge per Funkgerät abgehört. So hätten sie zunächst ihren Anhänger zunächst gesagt, dass ein von einer Frau getötete Kämpfer nicht ins Paradies kommen würde. „Später, als sie immer mehr Verluste erlitten, begannen sie anders zu reden – wer von einer Frau getötet wird, soll verbrannt werden, weil er nicht zu Grabe getragen werden darf, da die Erde heilig sei.“

 

„Die Terrormiliz Daesch ist ein Feind der Frauen, sowohl der Ideologie nach als auch im Leben.“ Die Frau sei „für diese Barbaren und Terroristen“ ein Gegenstand. Vielweiberei, Gruppenvergewaltigungen und Mord an Frauen seien erlaubt. Diese Gefahr bestehe auch für westliche Frauen, die sich den Dschihadisten anschließen. Sie wollen ihre Frauen werden, eine religiöse Ehe mit ihnen schließen.

 

„Im Endeffekt befriedigen sie einfach ihre Naturtriebe. Das ist gefährlich und erniedrigend.“ Diese Frauen suchen Abdalla zufolge Abenteuer. „Sie verfügen über Vermögen, halten sich für frei und so weiter. Wenn es aber keinen moralischen und ideologischen Bestandteil wie bei Daesch gibt, macht das alles nicht satt, und sie schließen sich den Terroristen an, um Abenteuer zu finden oder sich selbst etwas zu beweisen“, meint Abdalla.

 

Wenn diese Frauen in die Reihen der Islamisten geraten, gäbe es keinen Rückweg. „Stellen sie sich eine Frau vor, die gezwungen wird, zehn Männer in der Nacht zu befriedigen. Kein Tier könnte so etwas tun.“ Keine von diesen Frauen könne jedoch weggehen, selbst wenn sie es wollte. „Der Preis für ein Rückticket ist der Tod.“

 

Jede Frau, die sich der Terrormiliz anschließe, werde zur Mörderin an Frauen, weil die Terrormiliz Daesch ein System der sexuellen Sklaverei von Frauen schaffen wolle.

 

Abdalla zufolge besteht die Daesch-Armee aus lebenden Toten, weil ihre Kämpfer keine Lebenspläne hätten, „um dem Leben etwas Sinn, Farbe und etwas Freude zu geben“. „Ihr einziger Plan ist, zu sterben und ins Paradies zu kommen“, sagte sie. Um diese Terror-Organisation zu vernichten, müsse man ihre „Anführer finden und angreifen“.

 

Quelle: Sputniknews