Zum ersten Mal in der Geschichte versucht ein Team, das auf psychologische Operationen spezialisiert ist, einen Kandidaten für die US-Präsidentenwahl aufzubauen und ihn ins Weiße Haus zu bringen. Wenn dies gelingt, wird sein Sieg die Möglichkeit belegen, den Wahlprozess an sich zu fälschen. Darüber hinaus würde er die Frage nach der Macht des Militärs über die bürgerlichen Institutionen aufwerfen.

 

Die „psychologischen Operationen“ (Psy-Ops) sind „Kriegslisten“ von der Art des Trojanischen Pferdes. Auf Betreiben von General Edward Lansdale haben die Vereinigten Staaten ihre Streitkräfte und die CIA mit darauf spezialisierten Einheiten versehen, zunächst auf den Philippinen, in Vietnam und gegen Kuba, dann dauerhaft [1].

 
Die psychologischen Operationen sind viel komplexer als die Propaganda, die nur die Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerren will. Zum Beispiel bestand während des Krieges gegen Syrien in 2011 die alliierte Propaganda darin, die Bevölkerung zu überzeugen, dass Präsident al-Assad fliehen würde, so wie Präsident Ben Ali es vor ihm in Tunesien getan hatte. Die Syrer müssten sich deshalb auf eine neue Regierung vorbereiten. Anfang 2012 sah eine psychologische Operation vor, die nationalen Fernsehkanäle durch falsche Programme zu ersetzen, die den Sturz der Arabischen Republik Syrien inszenierten, damit der Widerstand der Bevölkerung gebrochen würde [2].

 

So wie es heute Söldnerarmeen wie Blackwater/Academi, DynCorp oder CACI gibt, existieren auch Privatfirmen, die auf psychologische Operationen spezialisiert sind wie die britische SCL (Strategic Communications Laboratories) und ihre US-Tochterfirma Cambridge Analytica. Unter größter Geheimhaltung helfen sie der CIA bei der Organisation der „Farbrevolutionen“ und versuchen sich seither mit der Manipulation der Wähler. Seit 2005 nehmen sie an der britischen Messe Defense Systems & Equipment International (DSEI) teil und verkaufen ihre Dienste dem Meistbietenden [3]. Bei dem syrischen Beispiel hat SCL Anfang 2011 im Libanon gearbeitet und dort die Möglichkeiten zur Manipulation der Bevölkerung Gemeinde für Gemeinde untersucht.

Psychologische Operationen und die Wählerschaft

 

In den modernen Gesellschaften werden die politischen Amtsinhaber auf dem Weg der Wahlen bestimmt. Das kann von einfachen Wahlen – entsprechend ihren persönlichen Qualitäten – zwischen zuvor ausgewählten Personen bis zur Ernennung von Funktionsträgern für ein bestimmtes politisches Vorhaben gehen. In jedem Fall müssen sich die Kandidaten imWahlkampf auf Aktivisten oder auf Angestellte stützen. Es ist bekannt, dass der Sieger fast immer derjenige ist, der die meisten Aktivisten hinter sich bringen konnte. Es ist also zweckmäßig, nicht nur einen Kandidaten aufzubauen, sondern auch eine Partei oder eine Bewegung zu seiner Unterstützung. Nun zögern die Wähler heutzutage, einer Organisation beizutreten, und Angestellte sind teuer. SCL hatte die Idee, die verhaltenssteuernden Techniken einzusetzen, um eine politische Partei aufzustellen, die den Auftraggeber an die Macht bringt. Die Psychologen von SCL haben das typische Persönlichkeitsprofil des aufrichtigen und manipulierbaren Aktivisten erstellt, dann die Daten der Zielgruppe gesammelt, daraus diejenigen ermittelt, die dem Profiltyp entsprechen und schließlich die wirksamsten Botschaften festgelegt, um sie zur Unterstützung des Klienten zu bringen.

 

Zum ersten Mal hat dies in großem Maßstab stattgefunden – in den Vereinigten Staaten mit Ted Cruz.

Die Finanzierung der Operation

 

Robert Mercer, einer der zehn wichtigsten Geldgeber des öffentlichen Lebens in den Vereinigten Staaten, zahlte indirekt mehr als 15 Millionen Dollar an SCL/Cambridge Analytica, damit sie den Wahlkampf von Ted Cruz übernimmt [4].

 

Mercer, der Erfinder einer Software zur Spracherkennung, ist heute Chef von Renaissance, einer Firma, die zu den weltweit effizientesten zählt. So hat sein berühmter „Medallion Fund“ von 1989 bis 2006 im Durchschnitt jährlich 35 Prozent Gewinn gemacht, indem er für seine Kunden ein System zur Steuerflucht entwickelte [5].

 

Robert Mercer hat sich nie öffentlich über seine politischen Ansichten geäußert und die US-Kommentatoren wissen nicht recht, wie sie diesen „Republikaner“ einordnen sollen. Man kennt zum Beispiel nicht seine Einstellungen zu gesellschaftlichen Problemen wie dem Recht auf Abtreibung und der Homo-Ehe. Allerhöchstens weiß man von seiner Überzeugung, dass die Klimaveränderungen nicht die Auswirkung menschlichen Handelns sind. Auf jeden Fall kämpft er deutlich gegen Hillary Clinton und seinen Freund Donald Trump und steht John Bolton nah.

 

 

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Quelle: Bloomberg

 

 

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Quelle: The Guardian

 

 

Das Sammeln der personenbezogenen Daten

 

Für die Auswahl von Bürgern, die als Aktivisten in Betracht kommen, hat SCL/Cambridge Analytica im Geheimen persönliche Daten von Millionen Wählern gesammelt [6].

 

Dr. Alexander Kogan hat die Daten von Amazon, dem Online-Verkaufsriesen in den Vereinigten Staaten, gekauft, außerdem etwa 1 Dollar pro Klient zusätzlich gezahlt für einen Erhebungsbogen, der ihm über Mechanical Turk (MTurk) zugestellt wurde. Wenn ein Internetnutzer zustimmt, sich über Facebook anzumelden, gibt er MTurk Zugang zu seinen persönlichen Daten; der gleicht sie mit denen von Amazon ab und leitet sie über die Firma von Kogan, Global Science Research (GSR), an SCL weiter. Obwohl Dr. Kogan dem Guardian versichert hat, er arbeite nur zum Zweck der wissenschaftlichen Forschung und einzig mit anonymen Daten, sind sie heute im Besitz von SCL [7].

 

In einigen Monaten wird SCL über eine Datenbank mit Details von mehr als 40 Millionen US-Wählern verfügen, ohne dass diese es merken.

2008 hat der Internationale Gerichtshof entschieden, die Vereinigten Staaten zur Revision des Prozesses gegen einen Mexikaner, der ohne konsularischen Rechtsbeistand verurteilt wurde, zu zwingen. Ted Cruz hingegen, damals Generalstaatsanwalt für Texas, plädierte vor dem Obersten Gerichtshof dafür, dass ein Bundesstaat nicht verpflichtet wäre, sich einem ausländischen Gericht zu fügen, solange der von Washington unterschriebene Vertrag nicht in innerstaatliches Recht übernommen wäre. Er gewann, die Vereinigten Staaten lehnten das Zusatzprotokoll zur Wiener Konvention ab und der Verurteilte wurde hingerichtet.

 

 

Die Interpretation der personenbezogenen Daten

 

Cambridge Analytica hat dann jedes Profil mit der OCEAN-Methode ausgewertet, das heißt folgende Persönlichkeitsmerkmale ermittelt:
- „Offenheit“ (Wertschätzung von Kunst, Gefühl, Abenteuer, ungewöhnlichen Ideen, Neugier und Fantasie);
- „Gewissenhaftigkeit“ (Selbstdisziplin, Einhaltung von Verpflichtungen, eher Organisation als Spontaneität, Zielorientiertheit);
- „Extraversion“ (Energie, positive Gefühle, Tendenz zur Suche von Stimulierung und Gesellschaft durch andere, Tatendrang)
- „Verträglichkeit“ (Neigung zu Mitgefühl und Kooperation stärker ausgeprägt als zu Misstrauen und Konkurrenz gegenüber anderen);
- „Neurotizismus“ (Tendenz zu hoher Empfänglichkeit für unangenehme Gefühle wie Zorn, Unruhe oder Depression, Verletzlichkeit).

 

 

Für jedes Subjekt gelang es, ein Persönlichkeitsprofil zu erstellen, indem die 240 Fragen des Persönlichkeitstests NEO PI-R (Neurotizismus-Extraversion-Offenheit-Persönlichkeitsinventar, revidierte Fassung) benutzt wurden.

 

Auf dieser Basis hat SCL die Personen identifiziert, die aufrichtige und manipulierbare Aktivisten darstellen, und dann maßgeschneiderte Argumente ausgearbeitet, um sie zu überzeugen.

 

Man sollte meinen, dass Persönlichkeitsstudien, die ohne Wissen der Subjekte erstellt werden, zu ungenau sind. Und dennoch …

Als brillanter Jurist hat Ted Cruz das Denkmal der Zehn Gebote verteidigt, das am Kapitol des Staates Texas angebracht ist. Er hat den Schriftsatz für die Generalstaatsanwälte von 31 Staaten verfasst, demzufolge das Verbot von Handfeuerwaffen das Recht zum Tragen von Waffen verletzt, das durch den zweiten Zusatz zur Verfassung der Vereinigten Staaten garantiert wird. Er hat auch das Aufsagen des Treuegelöbnisses auf die Flagge der Vereinigten Staaten, „eine Nation unter Gott”, in den öffentlichen Schulen verteidigt.

 

Der Kandidat Ted Cruz

Der Kandidat, der ins Weiße Haus gebracht werden soll, Ted Cruz, ist ein hervorragender Jurist, ein glänzender Redner und Debattierer. Insbesondere hat er mehrere Male erfolgreich vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten plädiert. Er ist eher ein Libertärer als ein Konservativer.

 

Sein Vater, der evangelische Pastor Rafael Cruz, ist kubanischer Emigrant, dessen Predigt zufolge Gott den gläubigen Menschen das Recht gegeben hätte, „Amerika“ zu regieren. Er versichert, dass am Ende der Zeiten, das kurz bevorstünde, Gott den Gerechten die Reichtümer der Bösen geben wird [8].

 

Die Ehefrau von Ted, Heidi Cruz, war in der Ära von Condoleezza Rice Direktorin für Südamerika im Nationalen Sicherheitsrat, dann Vizepräsidentin von Goldman Sachs, beauftragt mit der Vermögensverwaltung der Kunden aus dem Südwesten des Landes [9].

 

Zu Beginn der Präsidentschaftskampagne kam Ted Cruz nur auf wenige Befürworter und die Presse berichtete mit sehr wenig Wertschätzung über seine Person. Nun allerdings, dank der Hilfe von SCL/Cambridge Analytica, hat er sich rasch eine breite Unterstützergruppe aufgebaut und die republikanischen Vorwahlen in Iowa gewonnen.

1988 bestätigte Ted Cruz sein Lebensideal: „Die Kontrolle über die Welt übernehmen. Die Beherrschung der Welt, alles leiten, reich sein, mächtig, solche Sachen“.

 

Sein möglicher Eintritt ins Weiße Haus würde beweisen, dass es möglich ist, durch Anwendung von psychologischen Operationen einen Wahlkampf umzustürzen.

 

 

Quelle: Voltairenet

Autor: Thierry Meyssan

Übersetzung: Sabine