Was Russland sagt und was der Westen hören will, – dazwischen liegen Welten — und eine Lügenpresse. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz verhackstückten ARD und ZDFeinen Satz von Premierminister Dmitri Medwedew und bastelten daraus eine russische Drohung an den Westen: »Wir sind in die Zeiten eines neuen Kalten Krieges abgerutscht.« Stimmt nicht. Das ist aber nur die jüngste Episode in einer langen Paranoia-Kampagne, die Putin zum Sündenbock für wirklich alles macht.

 

Der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew spricht am 13.02.2016 während der 52. Sicherheitskonferenz in München (Bayern). Die 52. Sicherheitskonferenz dauert bis zum 14.02.2016. Foto: Sven Hoppe/dpa
Der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew spricht am 13.02.2016 während der 52. Sicherheitskonferenz in München (Bayern). Die 52. Sicherheitskonferenz dauert bis zum 14.02.2016. Foto: Sven Hoppe/dpa

 

Putin-Bashing hat im Medienzirkus wieder Saison. Unsere grenzenlose Kanzlerin lud Syrer ein. Gekommen sind aber alle Flüchtlinge – auch selbsternannte. Seien Sie Merkel aber nicht mehr böse, denn jetzt wissen wir es besser: Putin war es! Er schickt Flüchtlinge als Geheimwaffe, um Europa zu vernichten.

 

Sogar die Terrormiliz IS gilt ab sofort als Chor der Waisenknaben, weil Putin so viel schlimmer ist. Sie nennen diese zwei Behauptungen zynischen Blödsinn? Putinhasser George Soros nennt das »Wahrheit«. Westliche Medien verbreiten Soros »Wahrheit« und NATO oder US-Regierung wiederholen den Irrsinn im Chor:Merkels Flüchtlinge = Putins Waffe.

 

Die deutschen Medien sind beim hausgemachten Putin-Bashing aber auch nicht besser: Sie haben dem Finsterfürsten aus dem Kreml praktisch Telepathie angedichtet. Jedenfalls konnte Putin in Berlinein 13-jähriges Mädchen fremdsteuern oder auch nicht. Das Mädchen wurde angeblich von Flüchtlingen gekidnappt oder auch nicht. Sie hatte angeblich Gruppensex mit ihren Entführern oder auch nicht. Was in diesem paranoiden Durcheinander noch echt ist, wissen nicht mal unsere Medien. Hauptsache: Putin war mal wieder irgendwas.

 

 

Jagdsaison in den Leitmedien: Putins Werk und Teufels Beitrag

 

Das ZDF hat seine Putin-Doku nicht selber gefälscht. War auch Putin. Der Ukrainekonflikt? Putin, Putin, Putin! Mit der AfD steuert Putin eine fünfte Kolonne – und mit PEGIDA gleich nochmal eine. Nebenbei unterwandert er ganz Europa – ach was, die freie Welt –, denn raten Sie mal, wer jede islamkritische Partei auf dem Erdball manipuliert. Putin!

 

Selbst das Wort »Lügenpresse« hat dieser russische Teufelskerl erfunden. Glaubt Tagesthemen-Legende Ulrich Wickert: »Wir müssen darüber nachdenken!«

 

Fünf Jahre lang sahen Europa und die USA zynisch dabei zu, wie in Syrien Hunderttausende starben, Millionen flohen, eine ganze Region kollabierte, der IS wuchs und gedieh. Seit Russland durch Bomben aus dem endlosen Schrecken wenigstens ein Ende mit Schrecken macht – ist Putin der Schlächter.

 

Der selbsternannte Friedensförderverein NATO rüstet hingegen gerade Osteuropa für einen neuen Kalten Krieg auf.

 

 

Basta: Weil der Russe böse ist, kann er nur drohen

 

Apropos Kalter Krieg: Putin-Bashing geht sogar, wenn Putin nicht mal da war. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz mahnte (!) Putins Premierminister Dmitri Medwedew vor einem Rückfall in den Kalten Krieg. Wie verkauften ARD, ZDF und die Deutsche Presseagentur (dpa) aber Medwedews Rede? So: Der polternde Russe habe wieder mal gedroht und den Kalten Krieg herbei geredet – was soll man vom finsteren Buben schon anderes erwarten. Eine ganz einfache Wahrheit für das Publikum.

 

Zu einfach: Beim Übersetzen der Rede kam nämlich die überflüssige Wahrheit abhanden. Wörter wurden unterschlagen, bis Medwedews Satz ins Feindbild passte.

 

In der ARD-Tagesschau zitierte Arnd Henze den russischen Premierminister so: »Wir sind abgerutscht in die Ära eines neuen Kalten Krieges.« Beim ZDF spitzte Anne Gellinek es in den heute-Nachrichten noch dramatischer zu: »Ich kann es auch noch deutlicher sagen: Wir sind in einen neuen Kalten Krieg zurückgerutscht.« Diedpa verbreitete in den Agenturmeldungen diese Version: »Wir sind in die Zeiten eines neuen Kalten Krieges abgerutscht.«

 

 

Es geht auch noch kürzer: Putin, »der Böse«

 

Spiegel Online konnte es sogar noch kürzer: Medwedew spricht unter der Schlagzeile »Putin reloaded« und mit einer finsteren Grimasse im Bild bloß noch »vom Kalten Krieg«. Putin wird dort

übrigens auf zwei Wörter reduziert – »der Böse«.

 

Bei Focus Online dreht dann der Parteibetrieb an der Eskalationsschraube. Norbert Röttgen, inzwischen vom Umweltminister zum Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses hinunterbefördert, darf zurückdrohen: »Putin wird bezahlen müssen.«

 

Und das für eine Drohung, die es nie gab! Medwedew hat in Wahrheit nämlich dies gesagt: »Man kann es auch schärfer sagen: Im Grunde sind wir in die Zeit eines neuen Kalten Krieges gerutscht.« Das ist ein Satz aus einer 22 Minuten langen Rede.

 

Darin vergleicht der Premierminister die Welt von 1962 (Kubakrise) mit der von 2016. Er mahnt (!), dass beide Seiten auf dem besten Weg zurück sind in die Vergangenheit. Wegen der wachsenden Spannungen zwischen Russland und der NATO.

 

Statt Drohung gab es ein Angebot zur Kooperation

 

All das fiel in den deutschen Medien aber unter den Tisch. Auch dieser Satz Medwedews hat es nicht mehr zum deutschen Publikum hinübergeschafft: »Wir brauchen dringender als je zuvor intensiven Dialog über die künftige Architektur der euro-atlantischen Sicherheit, zur globalen Stabilität und den regionalen Bedrohungen.« Der Satz mit dem »Kalten Krieg« war ursprünglich also gar keine Drohung. Umso entlarvender ist das, was davon übrig blieb.

 

Das verrät viel über die Voreingenommenheit und Doppelmoral in den deutschen Medien: Die Wahrheit wird so lange verkürzt, bis der Russe in das neue, alte Feindbild des Westens passt. Weil ein Russe nicht mahnt. Er wirbt auch nicht um Kooperation, er zitiert auch nicht John F. Kennedy. Der Russe »droht«. Basta!

 

Tatsächlich baute Medwedew aber Kennedys mahnendes Zitat aus den 60er  Jahren in seine Rede ein: »Ich glaube, dass wir heute alle klüger und erfahrener und verantwortungsvoller sind.« Ein Blick auf unsere verzerrenden Medienberichte zeigt: Nein, 54 Jahre später sind wir wieder da, wo die Welt nicht sein wollte. Inzwischen ist die Wahrheit wieder nur das, was der Propaganda nicht widerspricht.

 

 

Von Markus Mähler

Quelle: KOPP