Die bisherige Bilanz des brutalen Krieges, den die türkische Regierung gegen die kurdische Befreiungsbewegung führt, hat im Südosten der Türkei zu einer humanitären Katastrophe geführt: Hunderte Zivilisten wurden ermordet, Zehntausende Menschen mussten fliehen, Städte wie Silopi oder Cizre sind durch Panzer- und Granatbeschuss zu großen Teilen unbewohnbar geworden.

 

Trotz der rücksichtslosen Kriegführung, die auf Aushungern und Entvölkerung von Hochburgen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) setzt, ist es den Sondereinsatzeinheiten von Polizei und Militär nicht gelungen, den Widerstand der in den vergangenen Wochen gebildeten Zivilverteidigungseinheiten (YPS) zu brechen.

 

Deshalb dehnt Ankara nun die Gebiete aus, in denen Ausgangssperren gelten. Seit Dienstag nacht wurde der Ausnahmezustand über die kurdische Kleinstadt Idil in der Provinz Sirnak verhängt. Damit haben Militär und Polizei die Erlaubnis, auf Menschen zu schießen, die ihre Häuser verlassen. Die Ausgangssperre gilt rund um die Uhr und ist zeitlich unbegrenzt.

 

Der Beginn der Militäroperationen kommt für den kurdischen Widerstand nicht unerwartet. Idil ist zwar mit 24.000 Einwohnern eine kleine Stadt, liegt aber auf der strategisch wichtigen Verbindungslinie zwischen zwei Hochburgen der kurdischen Bewegung: Nusaybin und Cizre. Deshalb haben Kämpfer der YPS bereits im Januar Gräben ausgehoben und Befestigungsanlagen gebaut.

 

Ähnlich wie zuvor in Diyarbakir-Sur, Cizre oder Silopi haben die türkischen Einsatzkräfte den Auftrag, die Barrikaden zu räumen, die Kombattanten zu töten oder festzunehmen. Gleichzeitig terrorisieren sie die Zivilbevölkerung, um durch die erzwungene Flucht den nach wie vor immensen Rückhalt von YPS und PKK in der Bevölkerung zu schwächen. Tausende Menschen haben Idil bereits verlassen.

 

Die Kleinstadt wird nicht die letzte Station des von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner AKP-Administration angeordneten Feldzugs sein. Bereits Anfang Februar erklärte der türkische Innenminister Efkan Ala, man werde neben Idil auch in Nusaybin wieder Ausgangssperren in Kraft setzen, »außer wenn die Terroristen die Waffen niederlegen und die Gräben zuschütten«.

 

Die zumeist jungen Kämpfer, die ihre Nachbarschaften verteidigen, werden diesem Aufruf, sich der Willkür des Regimes zu ergeben, allerdings kaum Folge leisten. »Das ist hier unser letzter Krieg. Wir akzeptieren das Leben in Knechtschaft nicht mehr, das uns dieses System anbietet. Wir werden nicht aufhören zu kämpfen, bis wir ein ehrwürdiges Leben in Freiheit erlangt haben«, erklärte ein YPS-Kommandant in Idil Ende Januar gegenüber junge Welt.

 

Die türkische Regierung scheint indes zu glauben, dass sie eine Bewegung, die Millionen Anhänger hinter sich versammelt, allein mit militärischen Mitteln vernichten kann. Ihre aggressive Strategie sieht die »Säuberung« aller kurdischen Provinzen von Anhängern der PKK vor, ein Projekt das angesichts der Zustimmung zum Programm der kurdischen Arbeiterpartei dem Versuch eines Genozids gleichkommt.

 

Da es keinerlei Angebot des türkischen Staats für einen Waffenstillstand gibt, wird die PKK gezwungen sein, auf diesen Vernichtungskrieg zu reagieren. Der Anschlag auf einen Militärposten in Sker am Montag und die Tötung von fünf Mitgliedern einer türkischen Spezialeinheit in Mardin-Kiziltepe sind Anzeichen dafür, dass der Guerillaarm der Partei, HPG, verstärkt in den Kampf eingreifen könnte.

 

Von Peter Schaber

Quelle: Junge Welt