Kaum hatte der britische Premier David Cameron zu Wochenbeginn das Datum für das Referendum über einen EU-Ausstieg bekannt gegeben, da fuhren die Transatlantiker ihre Sturmgeschütze aus, um die Briten so richtig einzuschüchtern. Ein »Brexit« wird als Armageddon-Szenario für das Land beschrieben, der schlimmste Fall, den sich die völlig verunsicherten Briten ausmalen können. So manipuliert man ganze Gesellschaften. Und die Medien machen – wie hierzulande – willig mit.

 

Die auflagenstarke Daily Mail feuerte eine der ersten Breitseiten. Moody‘s, eine der führenden US-Ratingagenturen, habe gewarnt: Sie müsse leider die britische Kreditwürdigkeit herabstufen, sollte sich das Volk gegen den Verbleib in der EU entscheiden. Das war ein unmissverständlicher Warnschuss. Denn eine geringe Kreditwürdigkeit bedeutet mehr Zinslast für die öffentlichen Schulden und damit höhere Steuern oder Abgaben.

 

Nur kurz zuvor war berichtet worden, dass es definitiv fünf Minister im Kabinett von Premier David Cameron sind, darunter Justizminister Michael Gove, die sich für den Brexit stark machen wollen. Eine ansehnliche Opposition, die erst einmal gebrochen sein will.

 

Doch die Artillerie auf die EU-Gegner hat gestern aus allen Rohren geschossen. DerGuardian berichtete, das Britische Pfund habe den niedrigsten Wechselkurs seit dem März 2009 erreicht.

 

Ein unverhohlener Wink mit der Finanzkrise. Und ein Hinweis an alle Briten, dass ein Urlaub auf dem Kontinent teurer wird, ebenso wie Einfuhrprodukte vom Kontinent.

 

Reuters meldete währenddessen, dass laut der US-Bank Citigroup die Wahrscheinlichkeit eines EU-Ausstiegs der Briten seit dem Wochenende von 20 bis 30 Prozent auf nunmehr 30 bis 40 Prozent geklettert sei.

 

Die Brexit-Warnung wurde kräftig untermalt mit einem schroffen Statement vom Chefökonomen der Citigroup für Großbritannien, Michael Saunders. Dieser sagt den Briten »große und schmerzhafte wirtschaftliche und politische Folgen« eines Brexits vorher.

 

Der Telegraph schoss ebenfalls eine gepfefferte Breitseite auf die EU-Gegner ab. »Mehr als ein Dutzend« der höchsten militärischen Führer des Landes würden in einem Brief darauf drängen, dass Großbritannien »aus Gründen der nationalen Sicherheit« in der EU bleiben solle.

 

Die nationale Sicherheit wird, wie wir wissen, stets bemüht, wenn irgendwelche kritischen Töne oder Widerstand gegen eines der »alternativlosen« Projekte in Europa in die Schranken gewiesen werden soll, egal, ob es um das Bargeldverbot geht, um den Euro, die Griechenlandhilfe oder die Flüchtlingskrise.

 

Immer lauern angeblich Terroristen oder andere Staatsfeinde um die nächste Ecke, wenn der politischen Kaste die Argumente ausgehen und wachsender Widerstand gegen das vorherrschende Mantra gebrochen werden muss.

 

Weil auch die BBC als größte Rundfunkanstalt auf dem Kontinent bei derartigen Einschüchterungskampagnen stets an vorderster Front mitmacht, sah sich gestern selbst der im Mainstream mitschwimmende Guardian genötigt, ein paar kritische Töne an die eigene Front abzusetzen: Die BBC, so hieß es in einem Kommentar, denke, »dass alle Euroskeptiker aufschäumende Extremisten sind. Wie können wir erwarten, dass die BBC da neutral ist?«

 

Nach dem gestrigen Orkan im britischen Medien-Mainstream erwartet das sowieso niemand mehr, kann man da nur sagen.

 

Für den aufmerksamen Beobachter wird einmal mehr deutlich, mit welcher Wucht, Präzision und Skrupellosigkeit – aber auch mit welchem Tempo – die transatlantischen Propaganda-Brigaden ihr Arsenal mobilisieren, wenn von irgendwoher eine Gefahr für den Einigungsprozess lauert, oder wenn es gilt, den unseligen – immer stärker gegen Brüssel aufbegehrenden – Volkswillen plattzumachen.

 

Wie hat uns Zbigniew Brzeziński doch in seinem Buch Die einzige Weltmacht erklärt: Die USA brauchen ein geeintes Europa, damit sie weniger Adressen haben, bei denen sie anklopfen und ihren Einfluss geltend machen können, um Europa als Brückenkopf für die Kontrolle von Eurasien zu nutzen.

 

Dafür können binnen weniger Stunden die kompletten Medien-Bataillone in Stellung gebracht werden. Wie stark und ungewöhnlich die Propaganda-Maschinerie aufgestellt ist, hat sich gestern erneut gezeigt. Und sie wird auch hierzulande regelmäßig eingesetzt.

 

Von Markus Gärtner

Quelle: KOPP