Die erste Nacht des Waffenstillstandes verbrachten die Kriegskorrespondenten der Komsomolskaja Prawda («KP») auf den vordersten Positionen der Regierungstruppen neben der alten Stadt Palmyra.

Vom  27.02.2016

 

Das Krachen der Minen

 

Wir stehen auf einer der Höhen, sieben Kilometer von Palmyra, der antiken Stadt, die an der Straße zwischen Homs und Deir ez-Zor liegt. Im Mai letzten Jahres nahmen die Terroristen des «Islamischen Staates» (ISIS/Daesh ist in Russland als Terrororganisation verboten) dieses Weltkulturerbe-Denkmal der UNESCO ein und fingen an, die architektonischen Relikte systematisch zu zerstören. Sie sprengten die Statue «der Löwe von Al-Lat» (Anfang des I. Jahrhunderts), den Tempel Baalschamin (Baujahr 131) und den Baaltempel (Jahr 32 N. Chr.), sowie mehrere Gräber und Türme aus der Römerzeit…

 

Dabei zerstörte ISIS nur das, was unmöglich war, es auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen oder was nicht als Baumaterial für seine Festungen dienen konnte.

 

1_Palmyra
Bildquelle: www.kp.ru (Alexander Kots und Dmtrij Steschin)

 

Die Festung über Palmyra sprengten die Islamisten nicht. Daraus haben sie einen befestigten Aussichtspunkt gestaltet. Von unserer Position aus können wir die alte Festung gut sehen — die alten mächtigen Mauern hängen über die Felsen. Von dort können alle Zugänge zur Stadt und die Anhöhen in der Umgebung (auch unsere) beobachtet werden. Hier ist auch eine Art Festung, bestehend aus Steinen und Minen- Kisten. Die Verteidigung stellen Hisbollah-Kämpfer, die sich bewusst sind, dass die bevorstehende Waffenruhe für sie nicht gilt. Ihren Gegner, ISIS, hat der Waffenstillstand nicht betroffen. Dazu kommt, dass Palmyra befreit werden muss: Erstens, für die Ermutigung der Syrer und ihrer Mitstreiter. Es wird wohl einer der lautestgefeierten Siege der syrischen Truppen und ihrer Verbündeten werden. Zweitens, hinter der alten Stadt liegt die freie Straße bis nach Deir ez-Zor. Diese Stadt leidet bereits mehr als drei Jahre unter einer vollständigen Umzingelung durch die Islamisten. Lebensmittel für die Einwohner und Munition für die Verteidiger der Stadt können nur aus der Luft abgeworfen werden.

 

2_Palmyra
Bildquelle: www.kp.ru (Alexander Kots und Dmtrij Steschin)

 

 

«Wir hoffen, dass jetzt aus den Gebieten der Versöhnung Verstärkung zu uns kommt», sagt einer der Männer. «Die Verteidigung von Daesh ist schwer zu durchzubrechen, sie haben alles sehr gut strukturiert. Alle Wege sind in Schachordnung mit TNT Fässern vermint. Und mit moderner Kampftechnik haben sie kein Problem: sie versuchen sogar unsere Drohnen zu stören, es gibt dazu entsprechende Geräte desFunkelektronischen Kampfes (FEK) und die Fachleute müssen ständig die Steuerfrequenzen wechseln, weil versucht wird, deren Steuer-Signale zu stören oder zu unterdrücken. Vermutlich bekommen sie ihre technische Ausrüstung und die Spezialisten dafür aus dem Irak. Einige von ihnen sind sicherlich erfahrene Offiziere der ehemaligen Armee von Saddam die durch die Amerikaner aufgelöst wurde. Eine sehr ernstzunehmende Gegnerschaft.

 

3_Palmyra
Bildquelle: www.kp.ru (Alexander Kots und Dmtrij Steschin)

 

Zunehmendes Krachen in der Luft zwingt dazu, unseren ganzen Körper an den steinigen Boden zu pressen. Eine Mine explodiert 100 Meter von uns entfernt unten, und die Splitter schlagen durch bis hoch zum Berg. «Sie haben Kenntnis von euren Geräten», sagt uns ein Kämpfer. «Es ist besser euch jetzt zurückzuziehen, jetzt werden wir «eingedeckt».»

 

4_Palmyra
Bildquelle: www.kp.ru (Alexander Kots und Dmtrij Steschin)

 

Aus dem Flachland, aus den Positionen der syrischen Armee beginnt nun unsere Artillerie auf die Terroristenattacke mit einem Gegenbombardement zu antworten. Wir rennen zu den Autos und können mithören, wie die Geschosse irgendwo über unsere Köpfe fliegen. In Wolken staubigen Sandes brechen wir aus hin auf die schöne Strasse und geben Gas in Richtung unserer Basis-Stellungen, genau zwischen den Bergketten. Der Draht der Stromleitungen entlang der Straße ist häufig zerfetzt durch Granatsplitter und Projektile und die Fragmente hängen stellenweise herunter wie zum Trocknen aufgehängte selbstgemachte Nudeln.

 

5_Palmyra
Bildquelle: www.kp.ru (Alexander Kots und Dmtrij Steschin)

 

 

 

Sie kennen kein solches Wort: «Frieden»

 

Die Wüsten-Landschaften Syriens sind mit vielen kleinen Häuser geschmückt. In der Nähe der Häuser liegt in der Regel ein Haufen weißen Sandes, aus einem der artesischen Brunnen entnommen. Aber die Olivenhaine sind verschwunden, sie sind noch im ersten Jahr des Krieges ohne Bewässerung eingegangen, wurden schließlich abgeholzt und als Brennholz verwendet. Die Nächte hier sind kalt. In einem der Gartenhäuser breitet Oberst Osman auf den zwei Militär-Feld-Betten eine riesige Mappe aus. Fährt mit abgedeckter Bleistiftspitze auf der Frontlinie entlang, die hier aus befestigten Posten besteht. Sie werden in der Wüste in ein paar Stunden von einem Bulldozer zusammengeschoben. Solche Anlagen stehen ziemlich nah nebeneinander, weniger als eineinhalb Kilometer voneinander entfernt. Blickkontakt ist wünschenswert, so wird es für alle sicherer:

 

«Ich kann nur eines sagen, wir befinden uns hier gegenüber einer wehrhaften und ungewöhnlich selbstbewussten Verteidigung», sagt uns der Oberst und die Spitze seines Bleistifts verharrt auf einem der Höhenpunkte. «Das hier ist die problematische Stelle. Hier kämpfen andere Menschen. Daesh im Allgemeinen ist nicht so stark wie man sagt, dort sind zur Hälfte ehemalige Bauern und Bürgerliche, die nicht imstande sind, wirklich Krieg zu führen. Aber auf diesem Stück hier, sind gemäß unseren Daten Tschetschenen.»

 

KP: «Bereiten die Ihnen Sorgen?»

 

«Sie kämpfen ganz anders…»

 

6_Palmyra
Bildquelle: www.kp.ru (Alexander Kots und Dmtrij Steschin)

 

Wir sehen, dass der Oberst sich nicht weiter erklären will, aber wir bleiben hartnäckig.

 

«Vor ein paar Monaten wollten wir diese Höhe einnehmen und den Korridor der Verteidigung erweitern. Alles haben wir nach militärwissenschaftlichen Grundsätzen und Erfahrungen gemacht… Wir haben Munition für starken Beschuss gewählt. Für den Einsatz von Panzern und Artillerie. Dann haben wir beobachtet, wie die Terroristen ihre Verwundeten holten und sich anscheinend zurückzogen. Wir liessen sie gewähren, damit sie verschwinden konnten. Dann haben wir noch zwei Tage gewartet, weiter intensiv beobachtet. Aber eine Gruppe von uns, die dorthin ging die Stellungen zu besetzen, geriet unter schweres Feuer.

 

Die Terroristen waren gar nicht weg von dieser Höhe. Sie sassen dort fast zwei Tage versteckt und haben sich auch kein kleines Bißchen bemerkbar gemacht. Wir hatten große Verluste, sehr große. In den Tschetschenen haben wir einen sehr geschickten Gegner gefunden. Sie wissen, was für eine gute Tarnung notwendig ist, sie sind in der Lage, mit dem Feuer zu manövrieren. Sie erstellen Rauch-Vorhänge. Zwei-drei Jeeps flitzen dabei durch die Wüste vor unseren Stellungen hin und her und hinter der Wand von Staub entladen sie aus einem dritten Jeep Mörser und Munition. Sie schiessen schnell auf uns, die Jeeps rasen danach zurück, und das dritte Auto nimmt schließlich Überflüssiges mit zurück. Daesh kann nicht so clever kämpfen.

 

KP: «Wollen Sie nicht mit ihnen Frieden schliessen?»

 

Der Oberst antwortet kurz: «Sie kennen solche Wörter wie Frieden nicht.»

 

7_Palmyra
Bildquelle: www.kp.ru (Alexander Kots und Dmtrij Steschin)

 

 

Die Spreu vom Weizen trennen

 

Am ersten Tag der Waffenstillstands hatten die Luft- und Weltraumkräfte der Russischen Föderation lang ersehnten Urlaub, sie flogen an diesem Tag nicht. Auf der Flugbase «Hmeimim» begann die Trennung der Körner von der Spreu: der Gruppen, gegen die der Krieg fortgesetzt wird, und denjenigen, bei denen zumindest einige hoffnungserweckende Anknüpfungspunkte für den Beginn von Friedensverhandlungen gefunden werden konnten. In die erste Kategorie der «Unversöhnlichen» gehören die Befürworter der Daesh und Al-Nusra (Al-Nusra ist in Russland als Terrororganisation verboten) und etwa ein Dutzend kleinerer radikaler Gruppen. Diejenigen, die bereit waren, mit dem Feuer aufzuhören und Verhandlungen unter der UN-Schirmherrschaft anzufangen sind verschwindend Wenige. Nur 17 bewaffnete Gruppen unterzeichneten die notwendigen Dokumente. Die Kämpfe haben in 34 Ortschaften aufgehört. Wir können davon ausgehen, dass einige Gruppierungen nur erste Ergebnisse abwarten und nicht wirklich den Initiatoren des Waffenstillstands glauben. Das Problem ist, dass die wichtigsten Organisatoren der Verhandlungen, Russland und USA, objektiv gesehen, auch einander nicht so wirklich vertrauen. Aber der Prozess scheint sich trotzdem warmzulaufen.

 

In den kommenden Wochen, wenn der Waffenstillstand halten würde, erwarten wir innerhalb des kunterbunten Gemenges, das sich gegen die syrische Armee stellte, mit Sicherheit Streit und Kämpfe untereinander. Die Banden werden garantiert kämpfen und zwar mit denen, die sich für Friedens- und Abzugsverhandlungen entschieden hatten. Der Syrischen Armee, die von den Kämpfen erschöpft ist, würde dies in die Hand spielen. Vielleicht sind dadurch Manöver woanders möglich und Ressourcen frei für die Durchführung der längst überfälligen Groß-Offensive gegen Daesh und Al-Nusra. Der Vorteil ist, dass diese radikalen Gruppierungen bereits heute eine deutliche Antwort auf alle Friedensinitiativen gegeben haben: Neben der Stadt Salamiyya sprengte ein Selbstmordattentäter von Daesh einen syrischen Block-Posten. Dort, am Straßenrand, hat er sich nicht für einen Waffenstillstand, sondern für seinen eigenen und den Tod von Mitbürgern entschieden.

 

 

Von Alexander Kots und Dmitrij Steschin,

Quelle: www.kp.ru

Übersetzung: fit4russland.com