Ein Austritt Großbritanniens aus der EU ist unwahrscheinlich. Zurzeit ist er weder für Grossbritannien, noch für die Union vorteilhaft.

 

Der britische Finanzminister George Osborne hat versprochen alles zu tun, um zu verhindern, dass das Land aus der EU austritt. Ihm zufolge hätte ein solcher Schritt schwere Folgen für die Wirtschaft, die gerade jetzt mit den schlimmsten Risiken seit der Finanzkrise des Jahres 2008 konfrontiert ist. Etwa 80 Prozent der britischen und deutschen Unternehmen sind auch gegen den Brexit, berichtet die BBC. Sie befürchten negative Auswirkungen einer solchen Entscheidung auf den Arbeitsmarkt, das Handelsvolumen und die Investitionen im Allgemeinen und für ihre eigenen Unternehmen im Besonderen.

 

Das Datum des Referendums ist bekannt, es wird am 23. Juni 2016 durchgeführt. Das kündigte der britische Premierminister David Cameron nach seinen erfolgreichen Verhandlungen mit den anderen Ländern der EU an, wo GB von der Union gewichtige Präferenzen aushandelte. Dieser Kuhhandel um günstigere Bedingungen für den Verbleib Großbritanniens in den Reihen der Europäischen Union wurde bereits seit Ende letzten Jahres betrieben.

 

Derzeit ist die britische Öffentlichkeit etwa zu gleichen Teilen zwischen den Anhängern und Gegnern des Austritts gespalten, erklärte der leitende wissenschaftliche Mitarbeiter des Russischen Instituts für strategische Studien (RISS) Pawel Zacharow.

 

«Die britischen Behörden haben erst nachgegeben dieses Referendum überhaupt durchzuführen als sie endlich einen Trumpf im Ärmel hatten, nämlich den des ausgehandelten Abkommens mit der EU über einen «privilegierten Modus» Großbritanniens, der mittels eines Pakets an Reformmaßnahmen Großbritannien weitere Sonderrechte einräumt.»

 

Vor dem Referendum wird Cameron nun seinen Mitbürgern mit diesen Zugeständnissen seitens der EU-Führung zu beweisen versuchen, dass die EU die Meinung Londons angehört und akzeptiert hat. Deshalb sollten die britischen Bürger nicht bis zum Äußersten gehen und alle Brücken hinter sich abreißen.

 

Die Propaganda-Kampagne von Cameron scheint es, hat bereits begonnen. In The Daily Telegraph ist der Bericht des Premierministers erschienen, wo er mehrere Gründe nannte, warum es für Großbritannien heute profitabler als je zuvor sei, in der EU zu verbleiben ist. Darunter sind: Die russische Beteiligung an den Kämpfen in der Ukraine, Irans Atomprogramm, die Migrations-Krise und der islamistische Terrorismus.

 

Laut Cameron müssen die europäischen Länder an der Bewältigung der genannten Herausforderungen zusammen arbeiten und darüber hinaus die Interessen der USA und der NATO berücksichtigen.

 

«Mit unserer Mitgliedschaft in der europäischen Union hat Großbritannien geholfen, auf diese Herausforderungen eine europäische Antwort zu geben, aber die Probleme würden bestehen bleiben, wenn Großbritannien aus der EU austreten würde. Das wird nicht bedeuten, dass wir nichts Gemeinsames mit der NATO oder mit den USA tun können, aber es gibt Gründe dafür, dass unsere NATO-Verbündeten wollen, dass wir in der EU bleiben sollen», — betonte der Premierminister.

 

Solche Wünsche der Verbündeten erklärte Cameron damit, dass die NATO und die USA glaubten: Grossbritannien würde durch die Mitgliedschaft in der EU gestärkt. Deswegen «ist es jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für die Spaltung der westlichen Ländern».

 

Wiederum werden alle anderen europäischen Länder im gemeinsamen Chor Großbritannien zu seinem Verbleib überzeugen wollen. Also scheint das Szenario «Verlust eines Mitstreiters» jetzt unwahrscheinlich, bemerkt Pawel Zacharow.

 

Laut des Direktors des Instituts für angewandte politische Forschungen, Grigorij Dobromelow, ist der Austritt aus der EU nur in jenem Fall wahrscheinlich, wenn die nächste Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Schottlands erfolgreich sein würde. Dann hätte London nichts mehr zu verlieren. Jetzt erwärmen die Gespräche über einen Brexit auch nur automatisch separatistische Stimmungen in Schottland. Großbritannien aber ist nicht wirklich bereit für ein solches Szenario.

 

Der Verlust Großbritannien würde eine katastrophale Auswirkung auf die EU haben. Dadurch würde der Dollar drastisch gestärkt werden. Die Stärkung der US-Währung wiederum führte zum Absturz des britischen Pfundes, obwohl das Pfund eine der wenigen Währungen ist, die zwar nicht an den Dollar gebunden jedoch von ihm beeinflusst wird, sagt Grigorij Dobromelow.

 

Für Großbritannien wäre es für den Fall von Vorteil aus der EU auszutreten, wenn es ein Szenario der Rückkehr zur ehemaligen britischen Grossmacht hätte und das klare Verständnis, was es selbst der Welt bieten könnte, meinte er.

 

«Dann würde es ein verständlicher Schritt. Aber ein solches Szenario gibt es nicht, und das Land selbst versteht nicht wirklich, was es mit diesem Brexit anfangen könnte. Jetzt ist die Mitgliedschaft in der EU für Großbritannien kein Ballast, sondern im Gegenteil ein Anker, der es gegen ein Abdriften in Richtung der weniger einflussreichen Länder abhält», meinte der Experte.

 

Aus politischer Sicht würde der Verlust eines der größten und bedeutendsten Mitglieder für die europäische Union schmerzlicher als für Grossbritannien selbst sein. Mit Sicherheit wäre das ein Schlag auf das Image der europäischen Integrationsgemeinschaft und würde ihre Position in der globalen politischen Arena deutlich schwächen.

 

Darüber hinaus würde nach einem Brexit der Kartenhaus-Effekt eintreten. Wenn Großbritannien austreten darf, werden auch viele EU-Länder, die in erster Linie mit der Migrations-Politik von Brüssel sowie mit der wirtschaftlichen Lage in der Eurozone jetzt extrem unglücklich sind, aussteigen wollen. Dann beginnt der Prozess für einen Ausstieg aus der Union automatisch zahlreicher, glaubt Grigorij Dobromelow.

 

«Das könnte dann, wie im Nahen Osten, zu globaler Instabilität führen».

 

Pawel Zacharow (RISS) ist ebenso der Auffassung, dass der Austritt Großbritanniens zentrifugale Tendenzen in der EU verstärken könnte, aber nicht, dass dann eindeutig der Zusammenbruch der Union folgte.

 

Im Gegenteil sei es nicht auszuschliessen, dass der Verlust des Inselstaates, diejenigen noch stärker zum Zusammenrücken treibt, die sich auf dem Kontinent befinden, eine Wagenburgmentalität beförderte.

 

«Großbritannien ist ein Zentrum der zentrifugalen Kräfte in der EU und ohne dieses Landes in der EU würde der Prozess der Integration der verbliebenen Länder vielleicht sogar noch beschleunigt», sagt Pawel Zacharow. «Natürlich ist Großbritannien ein großes und wichtiges Land, aber man kann nicht sagen, dass die EU ohne es nicht überlebt.»

 

Falls man die EU jedoch weiterhin mit einem Kartenhaus vergleicht, stellt man fest, dass es nur zwei hauptsächlich tragende Karten gibt, ohne die EU sofort zusammengebrechen könnte. Das sind Deutschland und Frankreich. Falls einer von ihnen aus der Union austräte, dann könnte man begründet sagen, dass dies das Ende der europäischen Union wäre. Ohne Großbritannien kann sie weiterhin in einer abgeschwächten, in erster Linie als einer Vereinigung von kontinentalen Ländern weiterbestehen.

 

Aus der Sicht der Wirtschaft sind keine schwerwiegenden Folgen zu erwarten. Natürlich wird die EU-Wirtschaft selbst stark schrumpfen, Brüssel wegen des Abzugs vom extrem großen britischen Anteil einen Teil seines Budgets verlieren, aber die wirtschaftlichen Beziehungen jedoch bestehen bleiben. «Geschäftsbeziehungen untereinander, wie sie z.B. jetzt zwischen der EU und Norwegen existieren, bleiben erhalten. Norwegen ist formell kein EU-Mitglied, aber in wirtschaftlicher Hinsicht eng mit ihr verbunden. Das Gleiche passierte offenbar beim Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU», resümiert Pawel Zacharow.

 

 

Quelle: riss.ru

Übersetzung: fit4Russland