Der RT-Journalist William Whiteman sammelte vor Ort Hintergrundmaterial für ein angebliches Massaker an Dutzenden kurdischen Zivilisten in der südöstlichen türkischen Stadt Cizre in der Provinz Şırnak. Bereits im Februar waren erste Berichte aufgetaucht, nach denen türkische Soldaten Hunderte Zivilisten abgeschlachtet haben, die in den Kellern der Stadt Zuflucht gesucht hatten. An die 150 Menschen verbrannten mutmaßlich in einem dieser Keller bei lebendigem Leibe.

 

Vor allem die türkische Abgeordnete Feleknas Uca von der prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (Halkların Demokratik Partisi, HDP) prangerte dieses Verbrechen in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Sputnik an. Den in der Stadt eingeschlossenen Menschen wurde Berichten zufolge der Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung verweigert. Bisher aber konnten diese mutmaßlich von türkischen Streitkräften begangenen Verbrechen vor Ort nicht erhärtet werden.

 

Whiteman konnte nun mit Augenzeugen sprechen, die die Offensive der türkischen Soldaten überlebt haben und ihm den genauen Ort zeigen konnten, an dem das Massaker stattgefunden hatte. Die von ihnen geschilderten Einzelheiten lieferten ein erschreckendes Bild der Ereignisse.

 

»Ich wünsche so etwas niemandem. Erdoğan hat unser Leben zerstört. Er hat uns verbrannt«, sagte eine weibliche Zeugin und wies auf Blutspuren auf dem Boden des Gebäudes, das für so viele Menschen den Tod bedeutete.

 

»300, 400, vielleicht sogar 500 Menschen [hielten sich hier auf]. Alte Menschen, Frauen und Kinder – einige waren erst zehn Jahre alt.« Sie beschuldigte den türkischen Präsidenten, willkürlich unschuldige Menschen während der angeblich zur Terrorbekämpfung gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (Partiya Karkerên Kurdistanê, PKK) unternommenen Militäroperation getötet zu haben.

 

»Hier haben Frauen und Kinder gelebt. Erdoğan ließ sie alle mit schwerer Artillerie beschießen und töten. Er hat auch dieses Haus zerstört. Sie behaupten, gegen ›Terroristen‹ zu kämpfen – aber wo sind hier die Terroristen?«, fuhr sie fort und verwies darauf, bei allen Opfern habe es sich um Zivilisten gehandelt.

 

Während Whiteman die Stadt durchstreifte, um sich ein Bild zu machen, fiel ihm ein starker Verwesungsgeruch auf, der ihn an den Ort eines weiteren Verbrechens führte: ein Gebäude, dessen Keller zu einem Massengrab geworden war.

 

In dem Gebäude waren dem Bericht einer Anwohnerin zufolge zwischen 45 und 50 Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt. Noch grausamer war, dass viele der Opfer offenbar kaltblütig von türkischen Soldaten enthauptet worden waren, wie die Frau berichtete. »[Die türkischen Soldaten] haben sie alle verbrannt. Als wir später den Keller betreten konnten, fanden wir enthauptete Leichen vor«, berichtete die Frau Whiteman. »Sie haben sie verbrannt und dann enthauptet.«

 

RT hat das Bildmaterial und den Bericht über die Ereignisse in Cizre an die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW), die Hilfsorganisationen Médecins Sans Frontières International und Médecins Sans Frontières Middle East sowie an das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (ICRC), an das UN-Menschenrechts-Hochkommissariat (OHCHR) und Amnesty International übergeben.

 

Der Nachrichtensender fragte bei diesen Organisationen nach, ob sie beabsichtigten, die Vorwürfe, türkische Streitkräfte hätten Grausamkeiten an Zivilisten in der Region begangen, zu untersuchen, und bat um Stellungnahmen.

 

Bereits kurz nach dem Ende der Militäroperation gegen die kurdische Bevölkerung in der Region Cizre hatten Mitglieder des Europaparlaments den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in öffentlichen Reden und mit Offenen Briefen aufgefordert, das gewaltsame Vorgehen in den von Kurden bewohnten Regionen der Türkei zu beenden.

 

Der Herausgeber der Zeitschrift Defense and Foreign Affairs, Gregory Copley, erklärte: »Die Regierung Erdoğan will tatsächlich eine Völkermordkampagne gegen die Kurden, denn genau das geschieht gegenwärtig. Wir haben es hier mit Völkermord zu tun, denn die türkische Regierung hat bestritten, dass dort überhaupt eine größere Militäroperation stattfinde.« Das türkische Militär habe demgegenüber aber in Cizre eindeutig »schwere bodengestützte Waffen« eingesetzt und möglicherweise sogar »Luftangriffe« durchgeführt.

 

 

»Erdoğan droht letztlich eine Anklage wegen Völkermordes an den Kurden vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag (IGH)«

 

Kani Xulam, Leiter des American Kurdish Information Network (AKIN), warf der Regierung Erdoğan im Zusammenhang mit den Gewalttaten in Cizre vor, Kriegsverbrechen begangen zu haben: »Das Vorgehen der türkischen Regierung in Cizre ist ein Kriegsverbrechen. Sie haben Zivilisten angegriffen, die nicht an den Kampfhandlungen beteiligt waren«, sagte Xulam gegenüber RT.» Ein Land, das in die Europäische Union aufgenommen werden will und sich selbst als NATO-Mitglied bezeichnet, geht nicht auf diese Weise gegen eine ganze Stadt vor.« Die Genfer Konvention und andere völkerrechtliche Bestimmungen forderten eine strikte Unterscheidung zwischen Zivilisten und kriegführenden Parteien.

 

Nach Informationen der Menschenrechtsstiftung der Türkei (Türkiye İnsan Hakları Vakfı, TİHV) wurden »178 Zivilisten absichtlich in drei verschiedenen Kellerräumen angegriffen. Unter den Toten befanden sich Kinder im Alter zwischen neun und zehn Jahren… Die Regierung hat diese Menschen nicht nur bewusst angegriffen und getötet, sondern sie darüber hinaus auch noch verbrannt. Einigen Angehörigen wurden Knochenhaufen als Überreste ihrer Toten übergeben«, berichtete er weiter.

 

Xulam ist überzeugt, die Offensive Ankaras gegen die Kurden gehe darauf zurück, dass Erdoğan der unbestrittene »oberste Führer« oder »Sultan« der Türkei sein wolle, was die kurdische Bevölkerung und die sie vertretenden Parlamentsabgeordneten aber vehement ablehnten. Laut Xulam verfolgt Erdoğan das Ziel, die kurdische ethnische Minderheit, die nach verschiedenen Schätzungen immerhin zwischen 15 und 20 Prozent der türkischen Bevölkerung ausmacht, dazu zu zwingen, einen Status als »minderwertige Untertanen« zu akzeptieren und ihre Forderungen nach freier Ausübung ihrer eigenen Sprache und Kultur sowie jegliche Autonomiebestrebungen aufzugeben.

 

Die türkische militärische Offensive gegen PKK-Kämpfer im Südosten des Landes begann im Juli 2015 und beendete einseitig einen Waffenstillstand, der zwei Jahre lang gehalten hatte. Zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Massakers in Cizre berichtete das türkische Staatsfernsehen, »60 Terroristen« seien in einem Keller eines Gebäudes getötet worden. Die Operation in Cizre, so der türkische Innenminister Efkan Âlâ, sei offiziell Anfang Februar »sehr erfolgreich abgeschlossen« worden.

 

Der Westen hat auf die Berichte zu den angeblichen Grausamkeiten kaum reagiert, da die Türkei Mitglied der NATO ist und bei einer Lösung der Flüchtlings- und Migrantenkrise, die Europa erfasst hat, eine entscheidende Rolle spielt.

 

Mehr Kritik kam von internationalen Menschenrechtsorganisationen.

 

Im Januar berichtete Amnesty International, mindestens 150 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, seien bei der türkischen Militäroperation getötet worden.

 

An die 200 000 Menschen seien insgesamt gefährdet gewesen, und ihnen sei aufgrund der strikten Ausgangssperre der Zugang zu wichtigen Dienstleistungen verwehrt gewesen.

 

»Die Unterbrechungen der Wasser- und Stromversorgung sowie akute Lebensgefahr bei dem Versuch, unter Beschuss Nahrungsmittel zu besorgen und medizinische Versorgung zu erlangen, wirkten sich verheerend auf die Einwohner aus. Wenn nicht bald Hilfe kommt, wird sich die Situation vermutlich sehr rasch verschlechtern«, erklärte John Dalhuisen, Leiter der Abteilung Europa und Mittelasien von Amnesty International, in dem erwähnten Bericht.

 

Dalhuisen verwies auch auf die lasche Reaktion auf die massenhaften Menschenrechtsverletzungen seitens der türkischen Regierung gegenüber der kurdischen Bevölkerung und forderte die internationale Gemeinschaft auf, diesen Konflikt nicht stillschweigend hinzunehmen. »Während die türkische Regierung offenbar entschlossen ist, innenpolitische Kritik zum Schweigen zu bringen, bleibt Kritik seitens der internationalen Gemeinschaft praktisch aus. Strategische Überlegungen im Zusammenhang mit dem Konflikt in Syrien und die verstärkten Bemühungen, die Türkei dafür zu gewinnen, Europa vor dem Flüchtlingsstrom abzuschotten, dürfen diese massiven Menschenrechtsverletzungen nicht überschatten«, sagte er.

 

Quelle: KOPP