„Weltmacht IWF, Chronik eines Raubzugs“ heißt das gerade erschienene Fachbuch von Ernst Wolf. Wie er feststellt, hat keine andere Finanzorganisation im vergangenen halben Jahrhundert so tief in das Leben vieler Menschen eingegriffen wie der Internationale Währungsfonds.

 
Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde der IWF, der bis dahin jahrzehntelang  vor allem in Afrika, Asien und Südamerika tätig gewesen war, auch verstärkt in Osteuropa aktiv. Eine ganz besondere Funktion führe der IWF in  der Ukraine aus, so der Autor.

 

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Foto: REUTERS/ Valentyn Ogirenko

 

Herr Wolf, welche Rolle spielt der IWF für die Ukraine und umgekehrt? Der IWF hat ja für die Ukraine sogar seine Regeln geändert, also muss das Land wohl eine Bedeutung haben.

 

Die Art und Weise, wie der IWF Kredite an die Ukraine vergeben hat — obwohl er eigentlich keine Kredite hätte vergeben dürfen, weil nämlich die Ukraine noch bei Russland verschuldet ist – zeigt, dass der IWF nichts anderes ist als ein Instrument der USA, insbesondere der Wall Street.

 

Die Ukraine ist insofern wichtig, als dass sie einer der großen Brennpunkte der Erde ist im Moment. Und die USA betreiben eine Politik der weltweiten, globalen Destabilisierung. Dies betrifft vor allem Russland und China. Und alle Politik des IWF ist der Politik der Vereinigten Staaten untergeordnet und in Konsequenz der Wall Street und den Interessen der Federal Reserve, der größten Zentralbank der Erde, die aber in Privatbesitz sich befindet.

 

Wird der IWF der Ukraine weiter Kredite geben und was würde es für die Ukraine bedeuten, wenn der IWF aussteigt?

 

Ganz sicher würde er nicht aussteigen. Aber sehen Sie sich doch die Konditionen an, die damals an die Ukraine gebunden waren: Die Ukraine musste die Gaspreise erhöhen und sie mussten Leute aus dem Staatsdienst entlassen. Sehr viele Lehrer wurden zum Beispiel entlassen, das Bildungssystem wurde abgebaut. Es wurden also alle möglichen sozialen Demontagen in der Ukraine durchgeführt, damit die Regierung in die Lage versetzt wurde, Kredite bei ausländischen Banken zu bedienen. Das ist ja immer das Hauptziel des IWF.

 

Auf der einen Seite ist der IWF dafür, dass die Auslandsschulden bedient werden, aber im Falle von den Schulden an Russland macht er eine Ausnahme und ändert seine Regeln. Wie verträgt sich das?

 

Das zeigt, dass der IWF die Länder nicht mit gleichem Maß misst, sondern dass bei Russland mit anderem Maß gemessen wird. Es zeigt wiederum, wie die Amerikaner im Moment versuchen, Russland in die Enge zu treiben. Denn die Amerikaner haben ein ganz großes Problem zurzeit: Die Russen sind erstarkt und China ist erstarkt. Es sind da plötzlich zwei Konkurrenten auf dem Weltmarkt und die Russen und die Chinesen haben sich herausgenommen, Öl nicht mehr in Dollar zu handeln. Eine der Säulen der Vorherrschaft des US-Dollars ist der Petro-Dollar und dieser ist durch Russland und China infrage gestellt. Damit ist also auch das ganze Weltwährungssystem derzeit infrage gestellt. Das wollen sich die USA nicht bieten lassen. Deswegen betreiben sie seit längerem eine Politik der Destabilisierung sowohl Chinas als auch Russlands. Was den Amerikanern sehr zupass käme, wäre eine Ersetzung zum Beispiel von Wladimir Putin durch ein ihnen genehmes Marionettenregime, so wie in der Ukraine: Ein Jazenjuk an der Stelle von Putin würde den USA sehr gut gefallen, denn das würde dem amerikanischen Kapital Tür und Tor nach Russland öffnen.

 

Noch einmal zu den Forderungen des IWFs an die Ukraine: Decken sich diese Forderungen nicht in gewissem Maße auch mit den Forderungen der EU an die Ukraine?

 

Ganz sicher. Die EU ist ja auch keine besonders demokratische Organisation, sondern die EU ist praktisch der Verband der europäischen Banken und Großkonzerne. Die EU wird den Menschen immer verkauft als eine Organisation, die für Frieden und Wohlstand in Europa sorgen soll, aber sie ist nichts anderes als ein Interessenverband von Großkonzernen und großen Finanzinstituten – und die haben natürlich ähnliche Interessen, wie sie der IWF vertritt.

 

Wie würde die Ukraine denn klarkommen können ohne den IWF? Was wäre eine Möglichkeit?

 

Das ist sehr schwierig. Es gibt im Moment keine wirkliche Lösung im nationalen Rahmen. Die Ukraine kann machen, was sie will – sie wird aus dieser Gesamtverstrickung, diesem Schuldennetz nicht so herauskommen. Das ist ja das, was dem IWF über die Jahrzehnte gelungen ist: Er hat die gesamte Welt in ein Schuldennetz hineingebracht, aus dem kein einzelnes Land mehr heraus kann. Es müsste also eine internationale Bewegung geben und es müssten die Leute sich international gegen den IWF erheben.

 

Auf der anderen Seite läuft die Tendenz ja dahin, dass die Vorherrschaft des Dollars langsam zu Ende geht. Allerdings wird das wahrscheinlich kein friedlicher und langsamer Prozess sein, sondern es wird wahrscheinlich irgendwann zu einem riesigen Crash kommen. Das große Problem ist, dass diesem Crash vielleicht noch ein Schritt der Amerikaner vorausgehen wird, nämlich: Die Amerikaner werden versuchen, diesen Crash über einen Krieg zu verhindern.

 

Interview: Armin Siebert

 

Quelle: Sputniknews