Die Journalistin Anastasia Rafal hat verfolgt, wie sich eine Kundgebung in der Kleinstadt im Gebiet Kiew nach der Einmischung von Nationalisten in einen Aufstand gegen Migranten verwandelt.

 

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— Unser sogenannter Ministerpräsident, der sich eine Kugel in den Kopf jagen muss, und der Präsident Walzman-Poroschenko (Andeutung auf judische Herkufnt von Poroschenko) haben eine Menge von Krediten bei dem IWF und in Europa aufgenommen und als Gegenleistung haben sie sich verpflichtet, einige Tausend Flüchtlinge in der Ukraine aufzunehmen! — schreit ein junger Mann ins Mikrofon. Er heißt Wladimir Zagazej, Leiter der Kiewer Niederlassung des «Rechten Sektors»

 

— Scheißkerle!

 

— Bande!

 

— Schande! —ruft die Menge.

 

«Wir kommen zu euch mit Molotovcocktails»

 

So viele Besucher gab es im Palast für Kultur der ukrainischen Kleinstadt Jagotin seit langem nicht. Mehr als 500 Menschen sind mitten am Arbeitstag gekommen. Sehr viel für so eine Kleinstadt.

 

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Ukrainische Regierung will in Jagotin eine Flüchtlingsunterkunft eröffnen. Die Behörden versprechen viele Vorteile für die Bewohner der Stadt: gemeinsame Bildungsprogramme, europäische Förderungsmittel.

 

Die Einheimischen glauben daran nicht, das alles hört sich komisch an.

 

Um 15.00 Uhr sollte im Palast für Kultur eine öffentliche Beratung stattfinden, an der Natalia Naumenko, Chefin des Departements für Angelegenheiten von Flüchtlingen des ukrainischen Migrationsdienstes kommen sollte.

 

Doch so weit ist es nicht gekommen. Mit den Aufrufen «Schande!» «Verschwinde» wurde Naumenko vertrieben.

 

Europa ist ein schlechtes Vorbild

 

— Ich habe gestern mit Ulrich gesprochen. Er ist Chef der nationalistischen Nordic union. Er lebt in einer Stadt mit 15 tausend Bewohner. Es wurde ihnen gesagt, dass 150 Frauen mit Kindern kommen. In drei Monaten sind Männer gekommen. Im Ergebnis sind drei junge Frauen vergewaltigt, die Polizei schweigt. In Italien ist eine linke Aktivistin, die die Flüchtlingen unterstützt hatte, zusammen mit ihrer Tochter ins Flüchtlingslager gekommen, sie hat ihnen das Essen mitgebracht. Sie und ihre Tochter wurden vergewaltigt, — schreit Zagazej ins Mikrofon.

 

— Richtig so! — meint mit Schadensfreude eine hübsche ältere Frau.

 

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— Wir führen Krieg! — setzt Sagazej fort. . — Seht euch: Die Binnenflüchtlingen aus dem Donbass leben bei Kiew ohne heißes Wasser und Heizung. Die Mächtigen pfeifen auf sie. Sie wollen aber Syrier aufnehmen! Wisst euch, welcher Name ist in den letzten 5 Jahren der verbreiteste in den Niederlanden? — Ali!. In England wurde verboten, öffentlich Kruzifixe zu tragen, weil das die Rechte von Muslimen verletze?! Wir alle haben gesehen, wie eine Muslima in Moskau lief, die dem Kind den Kopf abgeschnitten hatte. Wollt ihr Flüchtlinge aufnehmen? Wir haben die ganzen Zigeuner-Dörfer in Transkarpatien. Dort sollten die Flüchtinge untergebracht werden.

 

— Richtig, — applaudiert die Menge.

 

«Schweden wurde bereits ruiniert»

 

— Ich erzähle euch eine Geschichte. Es sind schon 30 Jahre her, — spricht Einheimische Lubow Kutepowa am Mikrofon. — 1982 gab es den Krieg in Afghanistan. Eine meiner Mitstudentinnen wurde von einem Afghanen grausam vergewaltigt. Es stellte sich heraus, dass sie bereits achtes seiner Opfer war! Wir dürfen sowas nicht zulassen!

 

— Nein !!! — wütet die Menge.

 

— Unsere Stadt wurde von diesen Menschen einfach eingenommen! — sagt Karl Anders aus der schwedischen Stadt Malme. Dieser Schwede, ein Aktivist der Bewegung gegen Migranten, wurde in Jagotin vom «Rechten Sektor» eingeladen. Die Stadtbevölkerung beträgt 300 000 Menschen, die Schweden machten jetzt lediglich 49% aus. Die Flüchtlingen sagen offen, dass sie nicht vor dem Krieg fliehen, sondern unser Geld und unsere Frauen.

 

Die Menge ist empört

 

Schweden ist praktisch am Ende, — führt Anders weiter. — Wollt ihr sowas in der Ukraine?

 

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— Wir haben sowas schon erlebt, — schreit Igor Sabij, Abgeordneter von der rechtsradikalen «Swoboda» im Gebietsrat. — Zuerst kommen ein paar Koreaner, die Zwibeln anbauen wollen, und dann kann man sie nicht loswerden. Wenn jetzt 150 Flüchtlinge kommen, werden sie in drei Jahren 25 000! Die Deutschen und Franzosen sind bereit, mit dem Teufel zu verhandeln, um diese «Gäste» loszuwerden. Wir brauchen sie nicht!

 

 

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Und wer hilft uns?

 

— Wir und unsere Kinder haben keine Arbeit, — schreit jemand in der Menge.

 

— Kein Geld! Kein Haus, keine Wohnung!

 

— Wie lange dauert die ganze Scheße noch?!

 

— Wir wurden zu Sklawen gemacht! So kann es nicht weiter gehen!

 

— Es geht immer noch schlimmer.

 

— Mein Kind ist behindert. Der Staat sollte ihm helfen!

 

— Die Menschen sind bereit, zur Werchowna Rada (Parlament) zu gehen und sogar die Straßen sperren, — erklärt Alexej Kopuschinskij, Vorsitzender der allukrainischen Vereinigung der ATO-Kämpfer (ukrainische Söldner im Donbass, anm. d. Üb.).

 

— Ich vertrete hier Migrationsdienst, — kommt Natalia Naumenko ans Mikrofon. — Ich will euch nicht davon überzeugen, dass die Flüchtlingen auch Menschen sind, wie wir. Und das Tränen von Kindern sind gleich unabhägig von der Hautfarbe. Ihr alle habt die Ereignisse 2013-2014 vergessen, als die Menschen ihre Leben für europäische Werte geopfert hatten.

 

— Schande! Sie töten Menschen, sie verüben Anschläge in Paris!

 

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— Der Terrorismus kennt keine Nationalitäten — schreit Naumenko ins Mikrofon.

 

— Die Zigeuner leben mit uns 200-300 Jahre und wir hatten immer die gleichen Probleme mit ihnen! — schreit noch einer. — Sie lassen sich nicht integrieren. Sie werden zu Kriminellen, sie werden töten und vergewaltigen.

 

— Sie sollen nach Russland kommen! — schreit jemand in der Menge.

 

— Wir haben genug Flüchtlinge, die aus der Ukraine raus wollen. Wozu brauchen wir sie noch? — sagt noch einer.

 

Auf der Seite des ukrainischen Präsidenten Poroschenko wurde eine online-Petition gestartet mit dem Aufruf, statt Syrer, Afghaner und Palästinenser die Binnenflüchtlingen aus dem Donbass in den Unterkünften unterzubringen.

 

 

Quelle: Strana

Übersetzung: Татьяна Касьян