Der von Präsident Wladimir Putin angeordnete Abzug „des größten Teils“ der russischen Truppengruppierung aus Syrien wurde zu einer großen Überraschung für alle, schreibt die «Nesawissimaja Gaseta» am Mittwoch.

 

Die Nachricht aus Moskau hat die Administration des US-Präsidenten Barack Obama „überrumpelt“ und die syrischen Oppositionellen „überrascht“, schreiben die US-Medien. Die Diplomaten, Rebellen und Assads Anhänger haben diese Meldung misstrauisch aufgenommen, weil sie nicht wussten, ob sie das bedauern, feiern oder darüber lachen sollten, so die britische Zeitung „The Guardian“.

 

Die meisten Experten neigen zu zwei Versionen: Entweder versucht Moskau, Damaskus vor dem Hintergrund der Genfer Verhandlungen unter Druck zu setzen, oder ist sein Rückzug aus Syrien mit einem enormen Aufwand verbunden.

 

Putin habe diesen Schachzug „in einem besonders kritischen Moment“ gemacht, wenn in Genf versucht werde, die Friedensverhandlungen wiederaufzunehmen, die dem Krieg ein Ende setzen könnten, schreibt die «New York Times». Das könnte davon zeugen, dass Putin von Assads stabiler Position überzeugt sei oder dass er Assad zu den Verhandlungen mit seinen politischen Gegnern zwingen wolle.

 

Dieser „plötzliche Befehl“ könnte Assad verwundbar machen und zur Suche nach Kompromissen zwingen, zitierte das «Wall Street Journal» westliche Diplomaten, die am Wiener Prozess teilnehmen. Ein Experte der Denkfabrik Eurasia Group, der anonym bleiben wollte, sagte der Zeitung, dass Putins Entscheidung ein Signal für Assad sei, sich intensiver an den Gesprächen mit der Opposition zu beteiligen.

 

Der Leiter des russischen Zentrums für Nahost-Konflikte am Institut für USA- und Kanada-Studien, Alexander Schumilin, stimmte dieser Einschätzung zu: „Das ist ein politischer Faktor von entscheidender Bedeutung, der ernsthafte Folgen für die Schwächung der Position Assads haben könnte. Solche Erklärungen können die relative Stabilität der Machthaber in Damaskus zerstören und sie dazu zwingen, an den Verhandlungen teilzunehmen und die Kriegshandlungen nicht wiederaufzunehmen.“

 

BBC verwies allerdings auf den wirtschaftlichen Aspekt und behauptete, Putins Beschluss sei teilweise mit finanziellen Problemen und seiner Absicht verbunden, der durch die Sanktionen ausgelösten Isolation Russlands ein Ende zu setzen. Dabei habe Putin seinen Außenminister Sergej Lawrow beauftragt, an der diplomatischen Front mehr Einsatz zu zeigen.

 

Syrische Oppositionelle begrüßten im Allgemeinen den bereits begonnenen Abzug der russischen Kampfjets aus dem Land. Der Oppositionsvertreter in Genf Salem al-Muslet zeigte sich zwar kritisch gegenüber Russland, räumte aber ein, dass Putin die einzige Person sei, die Assad wirklich zu den Verhandlungen zwingen könnte. „Niemand weiß, was Putin beabsichtigt, aber es ist offensichtlich, dass er kein Recht hat, sich in unserem Land aufzuhalten. Wenn das wahr ist, dann ist das ein gutes Zeichen“, ergänzte er. Der Sprecher der Freien Syrischen Armee (FSA), Fadi Ahmad, sagte: „Ich verstehe diese Erklärung der Russen nicht. Das ist eine Überraschung, genauso wie ihre damalige Einmischung in den Krieg.“

 

Westliche Diplomaten zeigten sich jedoch eher skeptisch. „Wir müssen abwarten, worum es dabei geht“, sagte ein Diplomat dem „Guardian“. „Das ist Putin. Er kündigte solche Zugeständnisse schon früher an, doch jedes Mal wurde nichts daraus.“ Zudem betonte der Diplomat, dass sich Putin „nicht nur in Syrien, sondern auch in der Ukraine als unzuverlässiger Partner gezeigt hatte.“

 

Auch die Deutsche Welle und die «New York Times» verwiesen auf Putins „Unberechenbarkeit“ und darauf, dass seine Aussagen nicht immer mit den realen Schritten Russlands übereinstimmen. So könnte der Kreml-Chef angesichts der Zuspitzung wirtschaftlicher Probleme „einen Sieg verkünden, um sein Land vor einer kostspieligen Militärkampagne zu retten“, so die «New York Times». Indem Moskau „von der Erfüllung der gestellten Ziele“ spricht, habe es faktisch eingeräumt, dass der Kampf gegen den «Islamischen Staat» nie das Hauptziel seines Syrien-Einsatzes gewesen sei, so die Zeitung. Im Gegenteil: Die Dschihadisten seien im Norden und Osten Syriens in dieser Zeit noch stärker geworden.

 

Der Präsident des russischen Instituts für Religion und Politik, Alexander Ignatenko, widerspricht jedoch dieser Meinung: „Nichts hindert uns daran, die Worte des Präsidenten für den wahren Grund zu halten. Die russischen Militärs waren nach Syrien geschickt worden, damit die syrische Regierung Möglichkeiten zur Bekämpfung des IS bekommt. Jetzt wurden diese Aufgaben erfüllt, und die syrischen Truppen haben den Dschihadisten massive Schläge versetzt und sie geschwächt. Es ist nicht mehr sinnvoll, die russischen Kräfte weiterhin in diesem Land zu belassen.“

 

Quelle: Sputniknews