Erdogans Traum von einem neuen Osmanischen Reich und einer ordnungspolitischen Funktion der Türkei löst sich aufgrund seiner aggressiven Politik langsam aber sicher in Luft auf. Innen- und Außenpolitisch brechen immer mehr Konfliktlinien auf, die zu einem Zerfall des Landes führen können. Eine Analyse.
 
Der zunehmende Totalitarismus in der Türkei, der beginnende Bürgerkrieg mit den Kurden und die Großmachtavancen von Präsident Erdogan sorgen dafür, dass der NATO-Staat nicht nur an Verbündeten verliert, sondern womöglich anstatt Gebietszugewinnen auf Kosten Syriens sogar noch die Kurdengebiete im Südosten verliert. Selbst ein Zerfall der Rest-Türkei in einen laizistischen Westen und einen islamistischen Osten wäre denkbar.

 

 

Die aktuelle Lage
 
Erdogans Mehrfrontenkrieg und seine zweifelhafte Wahl von Bündnispartnern – speziell in Syrien, mit Vertretern des «Islamischen Staates» und vor allem anderen dschihadistischen Gruppen wie der «Al-Nusra-Front» – sorgen dafür, dass nach dem Aufstieg der Türkei unter seiner Führung bald schon der Niedergang folgen könnte. Denn der Konflikt mit Russland im Zuge des Syrien-Engagements sorgt schon dafür, dass das Land einen guten Partner verloren hat und wirtschaftliche Einbußen verzeichnet. Der blutige Kampf gegen die Kurden – sowohl im eigenen Land als auch in Syrien – führt dazu, dass sich in Europa die Stimmung gegen ihn wendet.
 
Auch der autoritäre Führungsstil samt der Vernichtung der Presse- und Meinungsfreiheit sorgt für Probleme. Innenpolitisch bringt er die Opposition und die Kurden gegen sich auf und außenpolitisch vor allem die Europäer und die Amerikaner. In der Türkei selbst legt sich der islamisch-konservative Staatsführer nämlich nicht nur mit den laizistischen Kemalisten und den Kurden an, auch innerhalb der islamisch-konservativen Bewegung sorgt sein Machtkampf mit seinem früheren Verbündeten Fetullah Gülen für massive Spannungen.
 
Offiziell mögen er und seine islamisch-konservative AK-Partei ja noch in den Umfragen gut dastehen – doch glaubwürdig sind diese im aktuellen politischen und medialen Umfeld nicht. Denn schon jetzt merken immer mehr Türken, wie sich die wirtschaftlichen Erfolge der letzten Jahre wieder in Luft auflösen. Der nach wie vor bedeutsame Tourismus ist schon arg gebeutelt, der Konflikt mit Russland sorgt ebenfalls für Probleme und langsam aber sicher muss sich die Türkei wieder auf eine Massenarbeitslosigkeit und die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten einstellen. Das Platzen der Kreditblase ist ohnehin nur noch eine Frage der Zeit.

 
Wird ein freies Kurdistan Realität?
 
Besonders problematisch dürfte noch der Kurdenkonflikt werden. Unterstützt von den USA und weiteren westlichen Kräften beginnt nämlich schon die Abspaltung der syrischen Kurdengebiete, so dass diese zusammen mit den ohnehin immer stärker nach Unabhängigkeit strebenden Kurden im Nordirak wohl in wenigen Jahren eine «kurdische Konföderation» ausrufen könnten.
 
Für die türkische Führung ist das ein Horrorszenario. Denn sollte dies Realität werden, schöpfen die Kurden in der Türkei neue Hoffnung und bringen der kommunistisch-separatistischen PKK noch mehr Unterstützung entgegen, als dies im Zuge des türkischen Feldzugs in den Kurdengebieten ohnehin schon der Fall ist. Angesichts dessen, dass sich die innenpolitische Lage wohl noch deutlich verschärfen dürfte, käme diese Schwächung den kurdischen Nationalisten wohl zugute.
 
Im Zuge eines großen «Befreiungskampfes» der türkischen Kurden, mit Hilfe ihrer Stammesbrüder aus Syrien und dem Irak, wäre eine faktische Loslösung größerer Teile des türkischen Kurdengebietes (wohl mit Abstrichen bei den Gebietsansprüchen) und die Eingliederung in die «kurdische Konföderation» durchaus möglich. Damit bricht jedoch ein großer Teil des Südostens weg, auch wenn dies womöglich einen mehrjährigen Krieg mit mehreren Millionen Toten bedeutet.

 
Machtkampf und Zerfall
 
Ein solcher Wegfall der Kurdengebiete wäre schon der erste große Schlag gegen die jetzige türkische Nation, der dann schlussendlich zum zweiten, tödlichen Schlag führen würde: die Spaltung der Rest-Türkei in den islamisch-konservativen (Nord-)Osten mit Ankara als Hauptstadt und den laizistisch-kemalistischen (Süd-)Westen mit der Hauptstadt Istanbul.
 
Denn: Die eigentliche Machtbasis Erdogans und der AKP befindet sich vor allem in den ländlichen Gebieten Anatoliens, während der Westen des Landes als westlich-laizistisch geprägt gilt. Sollte Erdogans Kurs tatsächlich dazu führen, dass die Türkei wirtschaftlich und finanziell in den Abgrund geführt wird und seine Politik zur Abspaltung der Kurdengebiete führen, wäre auch ein Großteil der Unterstützung im Westen weg. Diese bekam er nicht wegen seiner religiösen Allüren, sondern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen.
 
Übrig wäre dann eine pro-westliche Westtürkei, die weiterhin als NATO-Stützpunkt dienen könnte und sogar eine Chance auf eine EU-Mitgliedschaft bekäme, sowie eine islamisch-konservative Osttürkei in Form eines Sultanats, welches wohl einen Kurs einschlüge, der mit jenem der arabischen Golfstaaten vergleichbar wäre.

 

 

Fazit
 
Auch wenn dies hier nur Spekulation ist und die zukünftigen Entwicklungen nur in Form von möglichen Szenarien aufgrund von Wahrscheinlichkeiten aufgezeichnet werden können, so sind sie sicherlich im Bereich des Möglichen. Geopolitisch würde dies durchaus Sinn ergeben, zumal man die bisherigen Puzzlestücke nur zusammenfügen muss, so dass sich die fehlenden Stücke fast schon von selbst ergeben.
 
Doch es gibt – wie immer – auch diverse Unwägbarkeiten und unbekannte Variablen, die zu alternativen Entwicklungen führen können. Allerdings ist Eines sicher: Die Landkarte des Nahen Ostens wird in 10-20 Jahren deutlich anders aussehen. Vor allem Syrien, der Irak und die Türkei dürften von diesen Veränderungen betroffen sein. In welchem Ausmaß, wird sich allerdings noch zeigen müssen.

 

Von Marco Maier