Der Historiker und Publizist Nikolai Starikov ist davon überzeugt, dass Syrien durch Baschar al-Assad personifiziert ist. Eine unkonventionelle Sicht auf vergangene aber auch heutige Ereignisse zeichnet ihn aus.

 

 

– Inwiefern stimmen die deklarierten Ziele für den Militäreinsatz in Syrien mit den tatsächlichen Zielen überein?

 

– Ich denke, dass die deklarierten Ziele den tatsächlichen Absichten entsprechen. Denn Russlands Hauptziel ist es, dem Prozess der Vernichtung diverser Staaten und dem Chaos im Nahen Osten ein Ende zu setzen. Diesen Prozess haben die USA in den Gang gesetzt. Schlussendlich sollte man der Aggression gegen Russland, welche durch die USA gebildeten Terrorgruppen ausgeht, von Afghanistan und andere Länder, entgegenwirken. Wenn im Nahen Osten wieder souveräne Staaten aufleben, haben terroristische Gruppierungen in dieser Region keine Chance mehr. In diesem Punkt unterscheidet sich Russlands Politik grundlegend von der, der USA, die zerstören unterem dem Deckmantel des Kampfes für die Demokratie andere Staaten und reichern diese mit Terror an.

 

– Es ist nicht wirklich verständlich, wieso die Verbreitung von Chaos ein Ziel der USA sein soll. Wahrscheinlich ist es nur ein Zwischenziel anderer Bemühungen…

 

– Wir sehen eine neue Art des Krieges: Einige bezeichnen ihn als hybrider Krieg, andere wollen einen anderen Namen dafür finden. Russland verfügt über eine große Menge an Atomwaffen, dies stellt im Grunde eine Garantie dafür dar, dass wir von keinem anderen Staat angegriffen werden. Dabei ist das Schlüsselwort „Staat“. Was ist aber wenn die Russische Föderation nicht von einem anderen Staat angegriffen wird, sondern hunderttausend Kämpfer einer nicht näher bekannten Herkunft, die Grenzen überqueren und versuchen unsere Gebiete zu erobern? Natürlich versuchen Grenzwächter und Militär dem entgegenzuwirken, doch entsteht die Frage nach dem Einsatz der Atomwaffen. Es ist offensichtlich, dass dies aus juristischer Sicht nicht möglich ist, denn der Nachbarstaat hat uns ja nicht den Krieg erklärt, im Grunde ist er ja selbst das Opfer dieser terroristischen Gruppen. Somit heben unsere „Partner“ den bewaffneten Widerstand auf ein Niveau, bei dem das Vorhandensein von Atomwaffen keine Rolle mehr spielt. Folglich stellt es auch keine Garantie gegen fremde Angriffe mehr dar. Wenn wir dazu noch Angriffe dieser terroristischen Gruppen auf Drittländer beachten, kann es schwere Folgen für Russland haben, dabei entsteht ein Bild in ganz neuen Farben.

 

Ich meine dabei die Länder des Mittleren Osten. Sie sind relativ arm, mit vielen innenpolitischen Widersprüchen, genau deshalb gab es z.B. einen Bürgerkrieg in Tadschikistan. Kann Russland diesen Prozess einfach als aussenstehende Partei betrachten? Das kann es, wenn kein weitsichtiger Mensch an der Macht wäre, der der Meinung wäre, dass die Situation Russland nicht berühren würde. In der Tat sollte Russland ein solches Szenarium aber nicht zulassen. Dies ist genau die Situation, in der Atomwaffen uns nicht helfen.

 

 

– Ein Hybridkrieg ist, gemäss Ihrem Beispiel, das Resultat einer zufälligen Entwicklung der Umstände, oder ist es Strategie und Taktik des Pentagons, oder einer ähnlichen Organisation?

 

Man erfindet viele moderne Begriffe für Erscheinungen, die längst bekannt sind und mehrmals vorkamen. Ein Hybridkrieg ist dabei keine Ausnahme. Wenn wir auf die Geschichte der Kolonialkriege Grossbritanniens zurückblicken, merken wir, dass es in vielen Fällen keine Kriegserklärung gab, dabei wurden vollwertige Kriegshandlungen ausgeübt. Die Kanonen schießen, es gibt aber keinen Krieg. Dies bedeutet auch, dass diplomatische Maßnahmen zur Vorbeugung der Angriffe dabei unmöglich sind. Die Geschichte kennt auch Fälle, bei denen eine dritte Macht genutzt wurde, die formell keine Verbindung zu den Staaten hat, wie z. B. die Ostindien-Kompanie, die führte Handlungen für die Eroberung Indiens und anderer Staaten durch. Was das 20. Jahrhundert betrifft, eine sehr charakteristische Episode ist Japans Invasion in China am Anfang der 30er Jahre. Unbeachtet dessen, dass es hunderttausende von Opfern bei der chinesischen Bevölkerung gab, zählt dieser Krieg nicht zu der gemeinsamen Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Bis 1939 gab es ihn quasi nicht. So ist ein Krieg ohne Kriegserklärung nicht erst in der heutigen Zeit erfunden worden.

 

 

– Die Ursachen für den Militäreinsatz in Syrien, genauer gesagt die Motivation dahinter in diesem Kontext, erscheinen nun verständlicher. Aber wie entsetzt die westliche Welt über den schnellen Militäreinsatz war, genauso so ist sie es über die schnelle Entscheidung den Einsatz zu beenden, wenn auch nur teilweise. Dies hat niemand erwartet.

 

– Ich gehöre zur zivilen Bevölkerung, verstehe aber, was die Strategie der Kriegsführung betrifft, dass alle Handlungen für die gegnerische Partei unerwartet eintreffen sollen. Dies kann mit folgenden Gründen erklärt werden: Der Gegner soll nicht so rasch reagieren können, auch sollte er die Handlungen der Gegenpartei nicht einfach vorhersehen. Was die Situation im Nahen Osten betrifft, da demonstriert Russland genau solche unerwarteten Handlungen. Warum? Weil wir gegen Terroristen in diesem Land kämpfen, aber im Grunde der bösen Macht der Kräfte widerstehen, die sie mit Waffen ausrüstet, sie unterstützt, mit ihnen ihre Informationen teilt. Wir kämpfen nicht gegen den  IS-Geheimdienst, sondern gegen die amerikanischen und britischen Geheimdienste, dementsprechend müssen unsere Handlungen unerwartet und entschlossen erfolgen, damit der Gegner nicht die nächsten Schritte vorhersehen kann. Man muss einsehen, dass der geopolitische Kampf zwischen Russland und dem Westen andauert, sogar wenn solche „Zusammenarbeit“ wie in Syrien stattfindet. Dann erscheinen die Entscheidungen Russlands Führung sofort als verständlich.

 

 

– Russlands Handlungen in Syrien – was und wem sollen sie etwas zeigen?

 

– Die fabelhafte Operation unserer Luft- und Raumfahrtkräfte ist natürlich nicht nur Werbung für unsere Aufrüstung. Das Wichtigste ist die Entschlossenheit unserer Führung, die geopolitischen Interessen Russlands zu schützen, unabhängig von der Position anderer Länder. Die ganze Welt soll verstehen, dass das internationale Recht befolgt werden muss, dass man nicht einfach ein anderes Land vernichten kann, und dass wir Bereit sind dieses Recht, das durch die UN-Charta gestützt wird, zu schützen. Nach Syrien zwingt unsere Führung, Russlands Haltung in einem viel grösseren Umfang zu respektieren, als es davor der Fall war. Unser Präsident hat mehrfach anhand vom Beispiel der Strassenschlägereien, die Grundsätze der Geopolitik erklärt. Dies ist in diesem Fall auch angebracht. Wenn Sie den Willen zeigen, die eigenen Interessen zu verteidigen, treten sie  in den Kampf ein, vielleicht mit jemandem, der stärker ist, oder sie werden vielleicht verprügelt. Künftig wird man Sie aber in Ruhe lassen, denn es ist offensichtlich: Sie werden vielleicht eine blutende Nase haben, Ihre Gegner aber auch. Folglich werden auch Ihre Gegner Ihre Interessen respektieren müssen.

 

Russland war schon immer einer der Hauptspieler der Weltpolitik. Ohne unsere Einwilligung durfte in Europa keine Kanone schießen, wie man so schön sagt. Später erreichten wir das Niveau, bei dem keine Kanonen in der ganzen Welt schiessen durften. Das ganze Schutzsystem unseres Staates, das auf dem Blut unserer Soldaten aufgebaut wurde, wurde von Gorbatschow zerstört. Aber auch von Jelzin usw. Nun wird es einfach neu aufgebaut.

 

 

– Was erwartet Syrien?

 

– Moment ist die Aufrechterhaltung der Souveränität das Wichtigste für Syrien. Ja, momentan befindet sich ein Teil des Territoriums in den Händen kurdischer Gruppierungen, die wären nicht erfreut darüber, wenn Damaskus wieder die Kontrolle über diese Regionen übernimmt und werden wahrscheinlich Verhandlungen über Autonomie führen. In diesem Fall werden Amerikaner die Kurden dazu anstiften, sich gänzlich der Kontrolle der zentralen syrischen Macht zu entziehen und den Kampf um Unabhängigkeit weiterzuführen. Ein Teil der Provinzen wird immer noch unter Kontrolle der Terroristen bleiben, daher wird der Weg zur vollen Kontrolle der Staatsgebiete durch die legitime Regierung sehr langwierig. Das Wichtigste ist aber, dass die Frage nach der Liquidation einer zentralen Regierung nicht mehr auf der Tagesordnung steht, denn dies würde zur Vernichtung Syriens als souveräner Staat führen.

 

Internationale Politik ist eine schwierige Frage, ich kann aber ein hypothetisches Bild zeigen, wie das Ganze eigentlich aussehen könnte. Gott bewahre, dass etwas Assad persönlich zustossen würde. Gibt es in Syrien eine andere Person, die so entschlossen die Verantwortung für den Staat und das Volk übernehmen würde? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Westliche Geheimdienste erreichten oft ihre Ziele, indem sie die politische Führung in den Ländern vernichteten. Denken wir an Libyen. Zu welchem Zeitpunkt konnte man sagen, dass dieses Land nicht mehr existiert? Im Moment der bestialischen Tötung von Muammar al-Gaddafi. Als er noch lebte, gab es noch eine Hoffnung betreffend die Aufrechterhaltung der Souveränität des Staates. Syrien ist heute durch Assad personifiziert, ob es einem gefällt oder nicht. Deswegen muss man mit aller Kraft auf Assad aufpassen, ihm gute Gesundheit und politische Weitsicht wünschen. Ich bin der Meinung, dass er ein gutes Beispiel für einen tapferen Kampf um Interessen des eigenen Volkes sein wird. Denn keiner, auch nicht die Amerikaner, hat erwartet, dass ein Augenarzt, der in Grossbritannien studiert hat und sich vollständig in das westliche System integriert hat, sich als ein solch standhafter Kämpfer erweisen würde.

 

 

– Assad wird beschuldigt, chemische Waffen einzusetzen…

 

– Das ist ein Mythos. Wenn es Beweise gäbe, hätte man schon längst ein Prozess in Den Haag eröffnet, alle Nachweise sehen zu sehr nach einer Falsifizierung aus. Man beachte: Als Russland Syrien vor den vorbereiteten Angriffen bewahrte, gab es einen brillanten Schachzug – den Vorschlag die chemischen Waffen auszuführen. Da verlagerten die Amerikaner das Zentrum der Spannungen sofort näher zu unseren Grenzen. Da begannen die Ereignisse in der Ukraine. Damals war noch keine Rede von IS in Syrien, es gab nur die Freie Syrische Armee, die Al-Qaida. Nur innerhalb von paar Jahren bildete sich eine gewaltige dschichadistische Bewegung. Die Erfahrung lehrt uns, dass Unkraut nicht höher als der Mensch wächst, wenn man es nicht bewusst giesst.

 

 

Eine Normalisierung der Situation in Syrien, ist ohne den heutigen Präsidenten nicht möglich.

 

Russischer Originalartikel: VPK News

Übersetzerin: Tatiana Parmaksiz

Quelle auf Deutsch: Buergerstimme