Am 24. März 1999 eskaliert der Kosovo-Konflikt und wird zum offenen Krieg. NATO-Kampfjets bombardieren Jugoslawien, bis es im Juni der Stationierung westlicher Soldaten im Kosovo zustimmt. Auf dem Boden entwickelt sich ein Krieg zwischen der UÇK und dem jugoslawischen Militär sowie serbischen Paramilitärs.

 

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Foto: UCK Denkmal in Prizren / Kurt Gritsch

 

 

Insbesondere diese vertreiben binnen Wochen hunderttausende Albaner. Aber auch Serben und andere Ethnien müssen aus dem Kriegsgebiet fliehen. Am 10. Juni enden die Luftangriffe mit der jugoslawischen Kapitulation. Westliche Truppen ziehen ins Kosovo ein, es kommt zur Vertreibung von mehr als 150.000 Serben. Für die radikalen Albaner ist damit der Weg zur späteren Eigenstaatlichkeit der Provinz frei.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem im März 2016 erschienenem Buch von Kurt Gritsch: Krieg um Kosovo. Geschichte, Hintergründe, Folgen

 

 

Der Hintergrund des Konflikts

 

Westliche und insbesondere deutsche Medien berichteten ab Jahresbeginn 1998 monatelang einseitig über den Kosovo-Konflikt. Losgelöst vom Zusammenhang von Terrorismus und staatlicher Repression stellten sie Serben als Täter und Albaner ebenso kollektivistisch als Opfer dar. Dadurch wurden die Kämpfe zwischen UÇK und serbischen Anti-Terror-Einheiten anstatt als Bürgerkriegsereignisse, denen – wie UN-Quellen belegten – prozentuell vergleichbar viele Zivilisten aller Ethnien zum Opfer fielen, als serbischer Vertreibungs- und Vernichtungskrieg dargestellt. Zur Untermauerung dieses Narratives knüpften verschiedene Leitmedien gezielt an der über die Fakten hinausgehenden Darstellung ‚der Serben‘ als ‚neue Nazis‘ an, eine Zuschreibung, die noch aus dem Bosnien-Krieg stammte.

 

Im Kosovo konnte von einem ‚neuen Auschwitz’ (Joschka Fischer) allerdings keine Rede sein. UNO-Generalsekretär Kofi Annan etwa stellte wiederholt fest, dass Serben und Albaner gleichermaßen die Verantwortung für den Konflikt trügen, und rief zu einer politischen Lösung auf. Dies wurde aber sowohl von der NATO als auch maßgeblichen Leitmedien ignoriert und stattdessen die Schuld dem ‚neuen Hitler’ Slobodan Milošević zugeschrieben. Die Berichterstattung großer deutscher Zeitungen wie Zeit, FAZ oder Süddeutsche war dabei von einem hohen Konsens in Bezug auf die Wahl der Mittel zur Lösung der Kosovo-Krise geprägt. Wie der Medienforscher Uwe Krüger später herausfand, gibt es zwischen Herausgebern, Chefredakteuren und Ressortleitern deutscher Leitmedien und transatlantischen Think-Tanks eine große Schnittmenge: Alpha-Journalisten berichten nicht nur über Ereignisse, sie machen zugleich Politik. [1] In der Kosovo-Berichterstattung ist auffällig, wie stark deutsche Leitmedien vom Rechtfertigungsdiskurs der NATO beeinflusst waren bzw. diesem teilweise, wie die Zeit, fast völlig erlegen waren. [2]

 

Im Februar 1999 jedenfalls lud die westliche Staatengemeinschaft Serbien und Vertreter der Kosovo-Albaner nach Rambouillet bei Paris, um eine friedliche Lösung zu erzwingen. Die beiden Maximalziele, der albanische Wunsch nach Eigenstaatlichkeit des Kosovo und der serbische nach Verbleib im jugoslawischen Staat waren jedoch unvereinbar. Vor allem die USA zeigten sich nun offen parteiisch, was aber in den westlichen Leitmedien nicht kritisiert wurde: Während man die albanische Seite bei den Gesprächen unterstützte, wurde Serbien mit einem nicht verhandelten Zusatzprotokoll konfrontiert. Dieses hätte der NATO u.a. erlaubt, sich in ganz Jugoslawien frei zu bewegen. Das Land verweigerte daraufhin, auch für westliche Interventionsbefürworter und Politiker nachvollziehbar, die Unterschrift. Der Öffentlichkeit blieb der Grund für das Scheitern der Verhandlungen bis nach Kriegsbeginn unbekannt, so dass in den Medien das Narrativ vom bösen Staat, der ‚seine eigenen Bürger verfolgt‘, aufrechterhalten werden konnte.

 

Erst als sich die Luftangriffe zur angeblichen Rettung der Albaner vor dem ‚drohenden Genozid’ wenig überraschend als konfliktverschärfend erwiesen, kam Kritik am Vorgehen des Nordatlantikpakts auf. Dennoch beschloss die NATO im April 1999 anlässlich ihres 50. Geburtstags, zukünftig weltweit zugunsten von unterdrückten Völkern einzugreifen. Was Leitmedien und viele Intellektuelle als Schritt zur globalen Friedenssicherung begrüßten, kritisierten vor allem Friedensforscher und Linke als Verwandlung eines Verteidigungs- in ein Angriffsbündnis. Für die NATO war mit der Umwandlung in ein Interventionsbündnis jedenfalls das Hauptziel erreicht und der Weg zu weiteren Krisen- und Kriegseinsätzen (Mazedonien, Afghanistan, Irak, Libyen) geebnet.

 

 

Die Rolle der Leitmedien in der Kosovo-Frage

 

Nach der UNESCO-Mediendeklaration von 1978 besteht eine Hauptaufgabe von Massenmedien in der Aufrechterhaltung des Friedens. Diesem Auftrag ist das Gros der deutschen Leitmedien in der Kosovo-Berichterstattung nicht gerecht worden. Misst man die Darstellungen anhand der Parameter des Konzepts ‚Friedensjournalismus‘ des norwegischen Friedensforschers Johan Galtung, so wird dies insbesondere anhand der folgenden vier Kernpunkte deutlich: [3]

 

  1. „Friedensjournalismus untersucht die Entstehung des Konflikts und stellt Lösungsansätze dar“: Zwar wurde die Entstehung des Konfliktes thematisiert, jedoch zumeist erst ab Beginn der Bürgerkriegsereignisse 1998 oder maximal mit der Aufhebung der Autonomie des Kosovo 1989. Dass der Konflikt viel ältere Wurzeln hatte, wurde so gut wie nie erwähnt.
  2. „Alle Seiten kommen ausgewogen zu Wort; es gibt keine Einteilung in ‚gut’ und ‚böse’. Die Lügen aller Beteiligten werden aufgedeckt“: Von Ausgewogenheit war wenig bemerkbar. Insbesondere den Lügen der terroristischen UÇK wurde viel zu leicht Glauben geschenkt. Die Zuschreibung ‚gut‘ für ‚die‘ Albaner und ‚böse‘ für ‚die‘ Serben war dabei am auffälligsten.
  3. „Aggressoren werden benannt; es wird über die Opfer auf allen Seiten gleichermaßen berichtet“: Albanische Opfer waren omnipräsent, egal, ob es sich um Zivilisten oder Guerilla-Kämpfer handelte. Demgegenüber wurden selbst zivile serbische Opfer entweder nicht erwähnt oder in Zusammenhang mit der ‚serbischen Vertreibungspolitik‘ gesetzt, was so viel bedeutete wie selbstverschuldetes Opfer zu sein. Dass daneben noch andere ethnische Minderheiten vertrieben und ermordet wurden (Kroaten, Goranen, Roma, Ashkali), wurde nicht berichtet – wohl, weil die Täter in diesen Fällen der UÇK zuzurechnen waren.
  4. „Konfliktberichterstattung muss früh einsetzen und versuchen, zwischen den Parteien zu vermitteln“: Insbesondere die Račak-Berichterstattung über das angebliche oder tatsächliche Massaker vom 15. Januar 1999 verdeutlicht, dass von Vermittlung keine Rede sein kann. Aber auch die Schuldzuweisung für das Scheitern der Diplomatie in Rambouillet an Serbien/Jugoslawien, nach Veröffentlichung des für jeden Staates inakzeptablen „Annex B“ [4] anfangs April 1999 [5] noch immer fortgesetzt, verdeutlicht, dass nicht Friedens-, sondern letztendlich Kriegsjournalismus betrieben wurde.

 

In der deutschsprachigen und deutschen Kosovo-Berichterstattung 1998/99 wurde Serbien gegenüber den Kosovo-Albanern benachteiligt, indem der Bürgerkrieg als ‚ethnische Säuberung’ und ‚Genozid’ interpretiert wurde. Die Berichterstattung tendenziell sozialistisch/kommunistisch ausgerichteter Printmedien hält dabei in höherem Ausmaß einer quellenkritischen Prüfung stand als jene konservativer, liberaler und sozialdemokratischer Medien. Regierungsdruck als Grund für pro-albanische und NATO-freundliche Berichterstattung ist nicht nachweisbar, obwohl z.B. Peter Mezger, Auslandschef beim Bayerischen Fernsehen, während des Krieges einräumte, die Medien würden ‚natürlich benutzt’. [6]

 

1. Auf ideologisch-semantischer Ebene lagen die Gründe für die einseitige Darstellung jenseits weltanschaulicher Differenzen

– in der Wahrnehmung des Kosovo-Konflikts in der Lesart des ‚Jugoslawien-Kriegs’ und der daraus resultierenden Simplifizierung (Serben = böse, Albaner = gut),

– in der Interpretation des Konflikts in Parametern des Holocaust (Serben = neue Nazi, Albaner = neue Juden) sowie

– in der Übertragung der ethisch richtigen Schlüsse des 2. Weltkrieges (moralisches Gebot, Völkermorde mit allen Mitteln, auch mit Krieg, zu verhindern) auf einen Bürgerkrieg unter Ignorieren der Fakten.

 

2. Auf struktureller Ebene wurde die Einseitigkeit der Berichterstattung dadurch befördert, dass

– assoziations- und konnotationsgeladene Bilder gezeigt wurden und durch Verwendung von Kollektivsymbolik eine manipulative Wirkung von Bildern erzielt wurde,

– dass sich der Wirtschaftskrieg zwischen Medienkonzernen negativ auf den investigativen Journalismus auswirkt, weil Gelder für langwierige Hintergrundrecherchen gekürzt werden, während zugleich immer mehr Journalisten nur noch als sogenannte freie Mitarbeiter tätig sein müssen, weshalb sie ihre Beiträge dem Veröffentlichungsdruck (Redaktionslinie, Aktualität, Feindbild) unterwerfen sowie

– dass sich der Einfluss von Nachrichtenagenturen und großen Nachrichtensendern, allesamt Privatunternehmen (Reuters TV, WTN, APTV, CNN), bemerkbar machte.

 

 

Angesichts sich verschärfender Arbeitsbedingungen am Medienmarkt durch Konkurrenzkampf und Quotendruck findet Zensur hauptsächlich innerhalb der Redaktionen statt. [7] Die Karriereleiter führt eher über Betroffenheitsberichte denn Hintergrundrecherche, und den richtigen Feindbild-Riecher zu haben, entscheidet oft über die Höhe des Einkommens.

 

Dies alles führte dazu dass das in deutschen und deutschsprachigen Massenmedien erzeugte Jugoslawien- und Kosovo-Bild vor und während des Krieges – analog zu jenem der meisten NATO-Länder – mehrheitlich ein medial erzeugtes war, das eher den Interessen der NATO Rechnung trug denn der Realität. Die Berichterstattung entsprach nicht den Kriterien des Friedens-, sondern jenen des Kriegsjournalismus.

 

Nach Kriegsende fand dann ansatzweise eine Aufarbeitung der deutschen Kosovo-Berichterstattung statt. Dass sie jedoch nicht über kritische Ansätze hinauskam, lag auch an der Begrenztheit journalistischer Selbstreflexion. Zum einen kommuniziert der Journalismus nicht mit seiner Umwelt, sondern beobachtet sie, indem er über sie kommuniziert. [8] Zum anderen tendieren seine Selbstbeobachtungen dazu, den jeweiligen Beobachter und seine eigene Tätigkeit von den Reflexionen auszuklammern. [9] So räumte Erich Follath post bellum zwar ein, dass Interventionskritiker sehr wenig Raum erhalten hatten, ließ dies jedoch für sein Magazin Der Spiegel nicht gelten, obwohl dieses keine Ausnahme war.

 

Weiters verfügt der Deutsche Presserat als bekannteste journalistische Selbstbeobachtungsinstitution nur über sehr begrenzte Möglichkeiten und richtet seinen Blick auf Regelverletzungen, nicht auf grundsätzliche Aspekte der Medienkommunikation wie Strukturen des Journalismus. So ermahnte er während des ‚Kosovo-Krieges’ erfolglos, nicht durchgehend von ‚den Albanern’ und ‚den Serben’ zu sprechen.[10] Aber auch die eigenen Medienressorts bestimmter Qualitätszeitungen sind als ‚Meta-Medien’ zwar Selbstbeobachtungen, neigen aber dazu, „den jeweiligen Beobachter und seine eigenen Operationen weitgehend auszusparen“.[11] Dahinter stehen nach Martin Löffelholz grundlegende Aspekte des Journalismus, die auch in der Reflexion der Kosovo-Berichterstattung feststellbar sind:[12]

 

  1. Der Journalismus beobachtet sich eher individuell als strukturell.
  2. Der Journalismus verfügt über geringe strukturelle Resistenz gegenüber der wachsenden Kommerzialisierung der Medienkommunikation.
  3. Die Selbstbeobachtung des Journalismus dient primär der Legitimation dysfunktionaler Leistungen, der Realisierung von Vermarktungsinteressen und der (Selbst-) Stilisierung von Journalisten.
  4. Journalistische Selbstbeobachtungen sind heterogen und keineswegs widerspruchsfrei, was ihre reflexive Nutzung zur Steuerung systeminterner Operationen gravierend erschwert.

 

 

Die Beteiligung an der ‚Operation Allied Force’ war Deutschlands erster Krieg seit 1945. Trotz dieser Zäsur berichtete das Gros der bundesdeutschen Massenmedien insbesondere im Fernsehen und in Zeitungen affirmativ über die Bombardierung Jugoslawiens, die als gerechter Krieg verbrämt wurde. Das Eingeständnis NATO-freundlicher Berichterstattung führte, obwohl von namhaften Journalisten kommend und von Wissenschaftlern bestätigt, innerhalb der betroffenen Medien zu keiner öffentlichkeitswirksamen Debatte.

 

Eine Auseinandersetzung mit der Rolle der deutschen Massenmedien während des ‚Kosovo-Krieges’ fand zwar statt, konnte sich jedoch trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer bisweilen sehr kritischen Feststellungen keinen adäquaten Weg ins öffentliche Bewusstsein bahnen. Post bellum erstellte Dokumentationen, welche die Rechtmäßigkeit des Krieges in Frage stellten, blieben im besten Fall von Prämierungen ausgeschlossen, im schlechtesten wurden sie Opfer von Diffamierungskampagnen. Damit blieb in der deutschen Öffentlichkeit das Bild eines scheinbar gerechtfertigten Krieges in Erinnerung, das für kommende Militäreinsätze jederzeit reaktivierbar war und ist.

 

[1] Uwe Krüger, Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse, Köln 2013.
[2] Vgl. dazu Kurt Gritsch, Inszenierung eines gerechten Krieges? Intellektuelle, Medien und der ‚Kosovo-Krieg‘ 1999, Hildesheim 2010.
[3] Jake Lynch/Johan Galtung, Reporting Conflict: New Directions in Peace Journalism: New Approaches to Peace and Conflict, University of Queensland Press 2010.
[4] Artikel 8 des Annex B, des geheim gehaltenen und Serbien als unverhandelbar vorgelegten Zusatzprotokolls zum Rambouillet-Abkommen sah vor, dass sich NATO-Personal innerhalb der Grenzen Jugoslawiens frei bewegen durfte, ohne an jugoslawische Autoritäten gebunden zu sein. De facto entsprach dieser Passus einer Besatzung des Landes durch die NATO.
[5] taz, Dokumentation: Auszüge aus dem Abkommen von Rambouillet, in: taz, 6. April 1999. Vgl. auch Andreas Zumach, Zweifel über die wirklichen Ziele. Weitreichende Bestimmungen im Annex des Kosovo-Abkommens, in: taz, 6. April 1999, sowie ders., Die Rambouillet-Lüge: Was wußte Joschka Fischer?, in: taz, 12. April 1999.
[6] taz, Berichterstattung im Konjunktiv. Kosovo-TV, in: taz, 23. April 1999.
[7] Jörg Becker, Medien im Krieg, in: Ulrich Albrecht/Jörg Becker (Hg.), Medien zwischen Krieg und Frieden (Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung e.V. 29), Baden-Baden 2002, S. 13-26, bes. S. 16f.
[8] Martin Löffelholz, Beobachtung ohne Reflexion? Strukturen und Konzepte der Selbstbeobachtung des modernen Krisenjournalismus, in: Kurt Imhof/Peter Schulz (Hg.), Medien und Krieg – Krieg in den Medien (Mediensymposium Luzern 1), Zürich 1995, S. 171-191, S. 178.
[9] Ebd., S. 183.
[10] Thomas Gehringer, Die Medien sind Teil der Kriegsführung. Journalisten kritisieren die eigene Berichterstattung über den Kosovo-Konflikt, in: Der Tagesspiegel, 23./24. Mai 1999.
[11] Vgl. Löffelholz, Beobachtung ohne Reflexion?, S. 183.
[12] Zu den folgenden Aufzählungspunkten vgl. Ebd., S. 188.

 

Quelle: NEOPresse