Für die Eröffnung legaler Einreisewege für Flüchtlinge nach Europa hat Ruben Neugebauer, Pressesprecher von Sea Watch, plädiert. Der gemeinnützige Verein «Sea-Watch e.V.» ist mit seinem privat betriebenen Seenotrettungsschiff seit einem Jahr auf dem Mittelmeer unterwegs, um Menschen in Seenot zu retten.

 

«Es war ein sehr bewegendes Jahr für uns“, sagte er in einem Interview mit Sputnik-Korrespondent Bolle Selke.  „Als wir letztes Jahr in den Einsatz mit der Sea Watch 1 gestartet sind, haben wir tatsächlich gedacht, das sich was bewegen würde.  Als unser Projekt-Initiator Harald Höppner damals bei Günther Jauch eine Schweigeminute im Angesicht von 800 Toten — der größten Katastrophe, die sich bis dahin auf dem Mittelmeer ereignet hatte —  ausgerufen hat, haben wir tatsächlich gedacht, das es endlich eine politische Lösung, in Form von legalen Einreisewegen, geben könnte. Das man endlich einsehen würde, dass man diese Menschen nicht mehr auf die Boote zwingen darf und dass es eigentlich nur eine Lösung für diese Krise gibt, nämlich indem man diesen Menschen eine Möglichkeit gibt, ihr Grundrecht auf Asyl in Anspruch zu nehmen, ohne dafür erst ihr Leben zu riskieren.“

 

„Was wir dann das Jahr über auf See erlebt haben, hat uns schockiert“, so Neugebauer. „Wir waren fast täglich im Einsatz und sind immer wieder  auf Boote in Seenot getroffen und haben die teilweise wirklich erst kurz vor dem Ertrinken gerettet. Wir haben uns dann über das Jahr noch einen zweiten Einsatzort gesucht, das ist die Ägäis, wo wir über den Winter aktiv waren. Dort haben wir auch in den kalten Monaten im Januar und Februar fast täglich Einsätze gefahren. Die Situation hat sich aber im Prinzip nicht verändert.“

 

„Der 18.April war eben in zweierlei Hinsicht ein sehr trauriger Jahrestag.“, betonte der Sea-Watch-Sprecher. „Zum einen, weil sich vor einem Jahr schon dieses schreckliche Unglück ereignet hat, und zum anderen, weil möglicherweise am 18.April 2016 wieder mehrere hundert Menschen auf See ums Leben gekommen sind. Das bestätigt uns vor allem darin, dass wir mit unserer Arbeit genau richtig sind, dass wir da den Finger in die Wunde legen, dass wir aufzeigen, dass die Europäische Union da für mehrere tausend Tote verantwortlich ist, mit ihrer Abschottungspolitik. Deswegen sind wir froh, dass wir jetzt auch mit unserem zweiten Schiff in den Einsatz starten können. Die Sea Watch 2 ist da im Prinzip ein Symbol für das Versagen europäischer Politik. Dass wir nach wie vor nötig sind, ist ein Armutszeugnis an die Europäische Union, die eben mit Abschottung auf die Krisen in der Welt reagiert anstatt sich da um Lösungen zu bemühen.»

 

«Mit der Sea Watch 1 haben wir über den Sommer um die 2000 Menschen aus Seenot gerettet in circa 20 Einsätzen. Über den Winter in der Ägäis waren das dann nochmal circa 5000 Menschen, denen wir helfen konnten», sagte Neugebauer.

«Die EU nimmt auf jeden Fall wissentlich Tote in Kauf. Nicht nur dadurch, dass diese Rettungsmission «Mare Nostrum» ausgesetzt worden ist und eben diese wesentlich weniger umfangreiche Mission «Triton» eingesetzt wurde, sondern allein schon dadurch, dass sie überhaupt diese Menschen zwingt, auf diese Boote zu gehen. Wenn man schaut, was ein Fährticket kostet,  etwa von Tunis nach Sizilien, dann wird einem schnell klar werden, dass das eigentlich gar nicht nötig ist, dass die Menschen auf solche seeuntüchtigen Boote gehen. Die Überfahrt in so einem Schlauchboot ist wesentlich teurer. Das liegt aber daran, dass die Europäische Union sich abschotten will und dass man hier eben auf rechte Pöbler reagiert und eben nicht auf eine Mehrheit die eigentlich sagt: «Wir würden Flüchtende willkommen heißen».  Damit nimmt die EU ganz klar Tote in Kauf — natürlich.»

 

«Wir fordern von der europäischen Politik, dass sie sagt: Wir haben gewisse Grundrechte in der Europäischen Union, und da gehört es eben dazu, dass man das nicht akzeptieren kann, dass im Prinzip jeden Tag auf dem Meer Menschen sterben.»