Die Euphorie des Westens nach dem Kalten Krieg sowie die deutliche Werteverschiebung in Europa haben nach Ansicht eines russischen Politik-Experten die EU und Moskau an einer gegenseitigen Annäherung gehindert.

 

Sergej Karaganow, Dekan der Fakultät für Weltwirtschaft und Weltpolitik an der in Moskau ansässigen Higher School of Economics, schreibt in einem Gastbeitrag für die Tageszeitung „Iswestija“: „Ein endgültiger Sieg der westlichen Ideologie schien sich Ende der 1980er und in den 1990er Jahren bestätigt zu haben. Doch die 2000er Jahre brachten neue Realitäten mit sich.“

 

„Der Westen war euphorisch über seinen Sieg und versuchte, seine politischen Positionen und Werte anderen aufzuzwingen – darunter auch gewaltsam (Afghanistan, Irak, Libyen). Er scheiterte. Seine Unterstützung für den ‚Arabischen Frühling‘ destabilisierte nur zusätzlich den Nahen Osten und schwächte die Attraktivität der Demokratie“, so der Kommentar.

 

Der Westen habe damit begonnen, Russland im Politik-, Sicherheits- und Wirtschaftsbereich zu bedrängen: „Die Interessen und die Einsprüche der vorübergehend angeschlagenen Großmacht wurden nicht berücksichtigt. Ein Symbol dieser Politik war die Nato-Erweiterung. Allmählich stellte es sich heraus, dass auch die EU-Erweiterung keine Vorteile für Russland bringt: Die in Aussicht gestellte Fortbewegung in Richtung eines gleichberechtigten Menschen- und Wirtschaftsraums von Lissabon bis Wladiwostok blieb aus.“

 

Der Stellenwert der Beziehungen mit Europa sei in den Augen der Russen zurückgegangen – ebenso wie der politische Einfluss der proeuropäischen Kräfte: „In den Vordergrund rückte schließlich die Logik, wonach der Westen darauf aus sei, Russlands Schwäche auszunutzen, um den Russen alles seit Jahrhunderten Eroberte zu nehmen und sie weiter zu schwächen. All dies löste ein Abwehrreflex aus.“

 

Nach Ansicht von Karaganow gab es noch einen wichtigen Faktor: „Die Russen wollten in jenes Europa mit Nationalstaaten, mit christlichen und traditionellen Werten, von denen sie siebzig Jahre lang zum Teil abgeschottet gewesen waren. In jenes Europa von Churchill, de Gaulle, Adenauer, Rittern, großen Persönlichkeiten und Ideen (…) Doch Europa war schon in vielerlei Hinsicht anders.“

 

Karaganow erläutert: „Europa und in einem geringeren Maße die USA drifteten weg von jenen Werten, die sie zuvor der (zumindest christlichen) Welt geboten hatten. Sie begannen nun, Werte aufzuzwingen, die für die Mehrheit der Menschheit inakzeptabel waren, und zwar Multikulturalismus, Supertoleranz, ungewohnte Haltung zu Sexual- und Familienbeziehungen.“

 

Russland und Europa haben laut Karaganow „sich verfehlt“ und ihre Chance verpasst, einen einheitlichen Raum vom Atlantik bis zum Pazifik zu schaffen: „Die gegenseitige Irritierung ist jetzt groß. Doch man sollte sie lieber zügeln und einfach gutnachbarliche Beziehungen aufbauen – unter Berücksichtigung, dass wir unterschiedlich sind. Und natürlich darf keine neue militärpolitische Systemkonfrontation zugelassen werden.“

 

Quelle: Sputniknews