Sie demolierten Zellen und verweigerten sich jedem Erziehungsversuch: Die JVA Wiesbaden hat 18 Jugendliche ins Erwachsenengefängnis geschickt. Alle sind Flüchtlinge – und eine Herausforderung für den Strafvollzug.

 

Bilal B. weiß nicht, wann er geboren ist, und vielleicht ist Bilal B. auch nicht sein richtiger Name. Er hat am Frankfurter Hauptbahnhof Koffer aus Zügen gestohlen, unter sieben verschiedenen Identitäten ist er schon vorher als Dieb und Hehler aufgefallen. Er behauptet, 20 Jahre alt zu sein, sieht aber fünf, sechs Jahre älter aus. Die Justizvollzugsanstalt (JVA) in Wiesbaden, in der B. als Untersuchungsgefangener auf seinen Prozess warten sollte, hat ihn im Februar herausgeworfen. B., so die Begründung, sei aus disziplinarischen Gründen ungeeignet für ein Jugendgefängnis. Selbst, wenn er zu einer Jugendstrafe verurteilt werden sollte, werde ihn die Anstalt in Wiesbaden nicht zurücknehmen.

 

Bilal B. wurde vom Gefängnis in Wiesbaden in das nach Schwalmstadt verlegt, ein Ort, an dem eigentlich vor allem Mörder und Sicherungsverwahrte ihre Strafen absitzen. Zusammen mit dem Algerier wurden im Februar 17 andere junge Untersuchungsgefangene aus Wiesbaden, die meisten davon nordafrikanische Flüchtlinge, auf Gefängnisse für Erwachsene im ganzen Land verteilt. Das bestätigt das Justizministerium. „Die Lage im Umgang mit den nordafrikanischen Straftätern verschärft sich“, schrieb die Wiesbadener Gefängnisleitung zu der Aktion in einem Vermerk.
 

Derzeit warten landesweit 190 Flüchtlinge auf ihren Prozess

 

Ist das eine Kapitulation des Strafvollzugs? Es kommt immer mal wieder vor, dass schwierige Jugendgefangene zu den Erwachsenen verlegt werden. Auch, dass mehrere Gefangene gemeinsam Ärger machen und dann getrennt werden müssen, ist nichts Neues. „Es gibt Gruppen, die haftempfindlicher sind als andere“, formulieren mit der Sache betraute Staatsanwälte. Aber in den vergangenen ein, zwei Jahren, darauf hat die Leiterin der JVA in Wiesbaden in Gesprächen mit der Politik und Medien immer wieder hingewiesen, wurde die Anstalt immer öfter mit schwierigen Gefangenen konfrontiert. Dazu gehören Drogensüchtige und psychisch kranke Menschen genauso wie solche ohne jede Bindung in Deutschland.

 

Die JVA in Wiesbaden reagiert schneller als andere Anstalten auf solche Entwicklungen, weil sie ein besonderes Konzept verfolgt. Die Jugendlichen leben hier in Wohngruppen zusammen. Sie können sich freier bewegen als anderswo, müssen aber ihren Haushalt miteinander regeln. Es gibt viele pädagogische Angebote, Ausbildung und Arbeit sowieso. Das wird, so war das schon immer, von den Gefangenen unterschiedlich gut angenommen. Das Beispiel der 18 verlegten Gefangenen zeigt, dass besonders Flüchtlinge ohne Bleibeperspektive in dieser Art von Vollzug nicht gut zurecht kommen. Derzeit sitzen in allen hessischen Gefängnissen mehr Flüchtlinge in Untersuchungshaft als in den Jahren zuvor. Haftbefehle werden gegen Asylbewerber häufiger erlassen, auch bei kleineren Delikten, weil sie keinen festen Wohnsitz haben. Derzeit warten landesweit 190 Flüchtlinge in den Gefängnissen auf ihren Prozess. Mehr als die Hälfte davon stammt aus Nordafrika.

 

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