Seit mehr als einem Jahr herrscht der IS in der libyschen Stadt Sirte — und nicht weniger grausam als in Syrien oder im Irak. Human Rights Watch berichtet von Dutzenden Menschen, die öffentlich ermordet werden, und einem allgegenwärtigen Terrorregime.

 

Die Terrormiliz IS soll in der libyschen Küstenstadt Sirte seit Februar 2015 Dutzende Menschen umgebracht haben. Dies berichtet die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. In ihrer Auflistung ist von mindestens 49 getöteten Menschen die Rede, unter ihnen auch 21 koptische Christen, die IS-Kämpfer im vergangenen Jahr geköpft hatten.

 

Laut Human Rights Watch berichten Augenzeugen von Horrorszenen in den vom IS beherrschten Gebieten. So sollen die Islamisten Dutzende Einwohner von Sirte, die als Spione verdächtigt worden seien, geköpft haben. Wegen angeblicher Zauberei enthaupteten die Terroristen im Oktober 2015 zwei Männer. Die Leichen vermeintlicher Spione hingen mehrere Tage in orangefarbenen Anzügen an Gerüsten. Männer, die geraucht oder Musik gehört hatten, werden gezüchtigt. Angehörige der Sicherheitskräfte wurden entführt und sind verschwunden.

 

Offenbar fordert der IS, der auch als ISIS oder Daesh bezeichnet wird, die Einwohner Sirtes dazu auf, den Tötungen beizuwohnen. Wenn die Mörder ihre blutige Arbeit vollbracht hätten, hätten sie den Kopf der Menge gezeigt, so ein Augenzeuge. Es soll auch eine «Todesliste» mit 130 Namen angeblicher Feinde geben. Ein Zeuge berichtet von Spionen des IS, die jede Straße überwachten.

 

Den Berichten zufolge geht das IS-Regime in Sirte ähnlich brutal vor wie im syrischen Rakka oder irakischen Mossul. So sollen die Terroristen Nahrung, Medizin, Brennstoff und Geld gestohlen haben und in den Häusern der Bewohner leben, die geflohen sind.

 

«Es gibt weder Gemüse noch Fleisch. Die meisten Läden sind geschlossen», so ein Augenzeuge. «Unterdessen lebt der Daesh in unseren Häusern und hat Barbecues.»

 

Der Bericht der Menschenrechtler basiert auf Interviews mit 45 derzeitigen und ehemaligen Einwohnern Sirtes. Viele von ihnen erzählten, dass sie in einem kontinuierlichen Stadium der Angst lebten. «Das Leben in Sirte ist unerträglich», so ein Zeuge, den Human Rights Watch zitiert. «Jeder lebt in Angst. Sie töten unschuldige Menschen.»

 

«Als wäre das Köpfen und Erschießen angeblicher Feinde nicht genug, verursacht ISIS auch bei den Muslimen in Sirte, die die Regeln befolgen, schreckliches Leiden», sagte Letta Tayler, eine Terrorismus-Expertin von Human Rights Watch laut CNN.

 

Mit Ausnahme von einer Bank, die nur von IS-Kämpfern genutzt werden könne, sind in Sirte offenbar alle Geldhäuser geschlossen. Um mit dem Rest der Welt zu kommunizieren, müssen sich die Einwohner an spezielle Orte begeben, die der IS kontrolliert.

 

«Während sich die Aufmerksamkeit der Welt auf die Grausamkeiten in Syrien und den Irak konzentriert, kommt ISIS in Libyen mit Mord davon», so Tayler weiter.

 

Nach Schätzungen von US-Militärexperten halten sich zwischen 4000 bis 6000 IS-Kämpfer in Libyen auf. Libysche Sicherheitskräfte gehen von bis zu 2000 Kämpfern aus, von denen rund 70 Prozent aus dem Ausland stammen sollen.

 

Seit dem Sturz von Libyens Machthaber Muammar Gaddafi im Jahr 2011 versinkt das Land im Chaos, zahlreiche Milizen liefern sich untereinander erbitterte Kämpfe. Ende 2014 begannen IS-Extremisten, in Sirte einzusickern, seit Februar 2015 ist die Stadt fest in der Hand der Islamisten und eine wichtige Basis der Terroristen. Mehr als ein Drittel der rund 80.000 Einwohner Sirtes flohen inzwischen vor dem Terrorregime.

 

 

Quelle: n-tv.de