Lange Zeit hat man versucht, den Begriff des Genozids an den Armeniern durch das Osmanische Reich zu vermeiden und dieses furchtbare Ereignis klein zu machen, meint Markus Meckel, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, über eine Initiative des Deutschen Bundestags, am 2. Juni über die Anerkennung dieses Massenmordes abzustimmen.

 

„Es ist immer wichtig, dass wir die Geschichte nicht politisch instrumentalisieren, sondern mit ihr offen umgehen“, sagte er im Interview mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin. „Dabei ist es wichtig, dass historische Tatsachen anerkannt werden. Und zu diesen Tatsachen gehört auch, dass Deutschland gut informiert war, was damals passiert ist. Es gibt Diplomatenberichte sowie Berichte von militärischen Beobachtern. Denn das Osmanische Reich war ja der Verbündete des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg.“

 

Mit den Akten des deutschen Auswärtigen Amtes könne man das ganze Schrecken dieses Völkermordes sehr gut nachweisen, fügt der letzte DDR-Außenminister hinzu. Insofern sei es in der Vergangenheit nicht einsehbar, weshalb man es vermieden habe, dies so zu benennen und damit auch ein Stück der deutschen Verantwortung zu tragen.

 

Als stellvertretender außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion hat Markus Meckel 2005 schon eine Resolution dazu auf den Weg gebracht und dann auch die Rede dazu gehalten. „Aber damals konnte ich politisch nicht durchsetzen, dass in der Resolution der Völkermord-Begriff benutzt wurde“, räumt der Politiker ein. „Das ist im letzten Jahr durch den Bundespräsidenten Joachim Gauck geschehen, und ich bin froh, dass auch der Bundestag jetzt die Sachverhalte angemessen beschreibt.“

 

Nach allem, was er höre, gebe es in diesem Jahr eine Einigkeit innerhalb der Koalition im Deutschen Bundestag, dass man die Erklärung zum Völkermord an den Armeniern verabschieden werde. „Es war immer schwierig, weil die Türkei gegen eine solche Formulierung Sturm läuft und alle diplomatischen und politischen Wege nützt, um dies zu verhindern. Das war schon 2005 so gewesen.“

 

Inzwischen seien Deutschland und die Europäische Union auf die Türkei in der Flüchtlingsfrage angewiesen, setzt Markus Meckel fort. „Da wollen die Kanzlerin und der Außenminister mit diesem Thema eine zusätzliche Belastung vermeiden. Andererseits bin ich der Meinung, dass dies eine Sache der Historiker ist. Weltweit sind nur die türkischen Historiker — und auch dort nicht alle — die ihre Zweifel an dem Völkermord haben.“

 

Deshalb sei es dann die Pflicht der Politik, nicht eine Zensur auszuüben, sondern dem, was international in der Wissenschaft anerkannt sei, zu folgen, ist sich der Politiker sicher. „Deshalb freue ich mich, dass dies jetzt geschieht, weil immer dann, wenn Opfer den Eindruck haben, dass das Unrecht, das man ihnen angetan hat, in der Politik nicht anerkannt wird, letztlich zu den zusätzlichen Belastungen und Problemen führt. Und deshalb ist es gerade jetzt wichtig, dass der Völkermord an den Armeniern in dieser Klarheit benannt wird“, resümiert Markus Meckel.

 

Die Überschrift der Bundestagsdrucksache lautet eindeutig: «Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich vor 101 Jahren.»    Im Februar hatten die Grünen ihren Antrag zurückgezogen und damit der Großen Koalition vor dem EU-Sondergipfel mit der Türkei zur Flüchtlingskrise im März Zeit verschafft. Koalitionsvertreter fürchteten, dass der Antrag die Beziehungen mit Ankara belasten könnte.

 

Bis zu 1,5 Millionen Armenier waren 1915 bei den Massakern im Osmanischen Reich gestorben. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seine Führungsriege lehnen aber den Begriff des Völkermords nach wie vor strikt ab. Die beiden Hauptakteure der damaligen Verbrechen — Talat und Cemal Pascha — werden bis heute in der Türkei verehrt.

 

Quelle: Sputniknews