»Ein Führungsmitglied einer syrischen Rebellengruppe mit Verbindungen zu al-Qaida wurde anlässlich eines Kurzbesuchs die Einreise in die USA ermöglicht. Dies wirft Fragen danach auf, wie weit die Zugeständnisse der Regierung Obama auf der Suche nach Partnern in diesem Konflikt gehen.« — Hannah Allam in McClatchy, 21. Mai 2016

 

Labib al-Nahhas ist sozusagen der »Außenminister« der islamischen Kampfgruppe Ahrar al-Scham. Er hielt sich im Dezember in Washington auf.

 

Einem führenden Kopf einer Terrorgruppe, die mit al-Qaida verbunden ist, wurde also seitens der amerikanischen Einwanderungsbehörde SCIS) die Einreise in die USA gestattet.

 

»Dies legt nahe, dass die Behörde Nahhas die Einreise zu einem Zeitpunkt gestattete, als sie gerade unter starkem politischem Druck stand, Personen mit unbedeutenden Verbindungen zu extremistischen Gruppen die Einreise zu verweigern. Vier Monate nach der Einreise von Nahhas mit einem europäischen Pass verweigerten die Behörden etwa [Raid Saleh,] einem angesehenen Syrer, der für seine humanitären Verdienste einen Preis internationaler Hilfsorganisationen erhalten sollte, die Einreise.« (McClatchy)

 

Der Grund seines Besuchs wurde nicht enthüllt. Aber der Artikel gibt zu verstehen, dass sich Nahhas zu Gesprächen mit amerikanischen Regierungsvertretern in Washington aufhielt. »Sein zuvor verheimlichter Besuch ist für beide Seite eine delikate Angelegenheit – die konservativen salafistischen Rebellen riskieren ihre Glaubwürdigkeit bereits bei nur vermuteten Gesprächen mit den USA, und die amerikanische Regierung riskiert ihrerseits, als zu ›weich‹ bei der Überwachung der Einreise zu erscheinen, wenn sie einem Mitglied einer islamistischen paramilitärischen Gruppe die Einreise gewährt«, heißt es weiter.

 

Darüber hinaus traf sich Nahhas vor seinem Washington-Besuch zusammen mit einem anderen Rebellenführer, mit Michael Ratney, dem Sondergesandten des US-Außenministeriums für Syrien, am 5. Dezember 2015 in Istanbul. Diente dieses Treffen dazu, den Rahmen für weitere Konsultationen mit den dschihadistischen Anführern in Washington abzustecken?

 

In dem Artikel wird angedeutet, der »moderate« Terrorchef von Ahrar al-Scham (der ins Profil eines amerikanischen »Geheimdienstaktivpostens« passen würde) wolle sich in Washington mit Vertretern »dritter Parteien« treffen, die »Einfluss auf politische Entscheidungsträger« besäßen – wie etwa Denkfabriken, Forschungseinrichtungen, Medien, amerikanische Geheimdienste usw., aber auch »Lobbyisten und Nahostexperten«. Weiter heißt es:

 

»Das US-Außenministerium hat die Frage bisher unbeantwortet gelassen, ob Regierungsvertreter vorab über den Besuch informiert waren, oder Bedenken hinsichtlich der Anwesenheit von Nahhas geäußert, oder ob Vertreter des Außenministeriums seine Einreise unterstützt hätten.

 

Experten im Bereich Nationale Sicherheit erklärten, amerikanische Behörden seien vermutlich über die Ankunft von Nahhas informiert gewesen – immerhin haben amerikanische Dienste das Zusammenspiel seiner Gruppe mit der al-Nusra-Front, dem al-Qaida-Ableger in Syrien, genau verfolgt.

 

›Sie hätten sehr schnell entscheiden können, er sei eine Persona non grata in den USA, aber sie haben es nicht getan‹, sagte Faysal Itani, ein Syrien-Experte, der für das Rafik-Hariri-Center for the Middle East des Atlantic Council arbeitet.«

 

 

Verbindungen zu al-Qaida

 

Nahhas bestreitet Verbindungen zu al-Qaida: »Uns wird fälschlicherweise vorgeworfen, organisatorische Verbindungen zu al-Qaida zu unterhalten und die Ideologie al-Qaidas zu teilen. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.«

 

Der Terrorismus- und Sicherheitsexperte Charles Lister von Brookings Institution sagte am 14. Juli 2015 dazu:

 

»Dies sind kühne Worte eines hochrangigen Ahrar-al-Scham-Vertreters, … [Ich] halte es für fast unmöglich, irgendeine Gruppe, einschließlich der von den USA bereits ›erfolgreich gründlich überprüften‹ Gruppen, dazu zu bringen, Dschabhat al-Nusra [öffentlich] vor anderen, seien es nun Syrer oder Ausländer, zu verurteilen.

 

Aber war das Versäumnis von Nahhas, die al-Nusra-Front explizit anzusprechen, nur ein verborgener Aspekt seiner umfassenderen Realitätssicht? Bisher scheint es so. Indem Nahhas al-Qaida ausdrücklich herausgriff, betrachtete er dessen syrischen Ableger oder mindestens doch 60 bis 70 Prozent davon, weiterhin als potenziellen Partner in einem umfassenderen und eher mittelfristig angelegten Syrien-Projekt.«

 

In diesem Zusammenhang bestätigt der Artikel Allams, dass …

 

»… das letztendliche Ziel die islamistische Herrschaft über Syrien ist, und ihre alten Verbindungen zu al-Qaida sind kein Geheimnis: Einer der Gründer der Gruppe, Abu Chalid al Suri, wurde vom al-Qaida-Anführer Ayman az-Zawahiri nach seinem Tod bei einem Bombenanschlag gewürdigt.

 

Ahrar al-Scham ist allem Anschein nach ideologisch nicht so festgelegt wie al-Qaida. In ihr finden sich Befürworter eines eher moderaten Islamismus, wie er auch von den Moslembrüdern vertreten wird, bis zu salafistischen Dschihadisten, deren Ideologie der von al-Qaida praktisch entspricht.

 

›Sie sind nicht mit al-Qaida gleichzusetzen, aber es handelt sich um salafistische Dschihadisten – sie gehören nur noch nicht zu den länderübergreifenden [Gruppierungen]‹, erklärte Itani in Bezug auf Ahrar al-Scham.«

 

 

Al-Qaida in Washington! Das sollte eigentlich keine Überraschung sein. Es ist eher Gewohnheit. Amerikanische Regierungsvertreter haben immerhin mit al-Qaida seit Beginn des sowjetisch-afghanischen Krieges im Jahr 1979 Hand in Hand zusammengearbeitet.

 

 

Von Prof. Michel Chossudovsky