Im vor zwei Monaten entflammten Konflikt um Bergkarabach zeichnet sich immer mehr ein Stellvertreter-Krieg zwischen der Türkei und Russland ab. Der Politikwissenschaftler Süleyman Shah Cengiz Aktar von der Universität in Istanbul sieht sein Land eindeutig auf der Seite von Aserbaidschan. Russland gilt als militärische Schutzmacht Armeniens.
 
Bislang sieht sich Russland in der Vermittler-Rolle im Bergkarabach-Konflikt, wo man versucht den Waffenstillstand beizubehalten. Die Türkei scheint das Ganze in einen Stellvertreter-Krieg gegen Russland und Armenien zu führen und hat somit eindeutig Partei ergriffen. Ankara unterstützt nach Auffassung des Politikwissenschaftlers Aktar, das mehrheitlich von Muslimen bewohnte Aserbaidschan, berichtet News Front auf Deutsch.

 

In einer Diskussionsrunde sagte der Wissenschaftler, dass die türkischen Medien kaum über diesen Konflikt berichten. Ankara unterstütze Baku aus völlig überzogenen Gründen emotionaler Natur. „Die meisten Türken wissen nicht einmal, wo Bergkarabach liegt“, sagte der türkische Politikwissenschaftler in einer Gesprächsrunde in Jerewan, der Hauptstadt Armeniens.
 
In Bergkarabach (Nagorny-Karabach) kommt es seit nunmehr 28 Jahren immer wieder zu militärischen Eskalationen zwischen den aserbaidschanischen Streitkräften und den armenischen Soldaten und Rebellen, so dass man von einem Konflikt mit niedriger Intensität ausgehen kann. Hier dominiert ein Wechselspiel zwischen hybrider und asymmetrischer Kriegsführung zwischen den Konfliktparteien. Dieses Thema wurde im neuen ePaper von Contra Magazin im Rahmen eines Hintergrundberichtes aufgegriffen.
Wegen des Streits zwischen Armenien und der Türkei im Hinblick auf den Völkermord kann ebenfalls Anlass für die Türkei gewesen sein, den Bergkarabach-Konflikt zu entflammen. Aktar kritisierte zudem, dass in den türkischen Medien die Rolle des türkischen Militärs bei der Aufrüstung der aserbaidschanischen Armee, die zahlenmäßig den Guerillakämpfern in Bergkarabach überlegen ist, keine Rolle spielt.
 
Seit einer Woche soll die Waffenruhe bis auf wenige Zwischenfälle eingehalten worden sein. Aktuell kritisierte der armenische Präsident Sersch Sargsjan in einem Interview mit der «Bild“ den zwischen Ankara und der EU ausgehandelten Türkei-Deal, sowie die Debatte über die Anerkennung des Genozid an den Armeniern durch die Türkei, während des ersten Weltkrieges.
 
Das aserbaidschanische Medienportal AZERTAC verkündet auf Twitter unter Berufung auf den Pressedienst des Verteidigungsministeriums die Teilnahme aserbaidschanischer Piloten an der internationalen Übung „Anatolian Eagle 2016“, an der auch die Türkei, Saudi-Arabien, Italien, Pakistan und die Niederlande teilnehmen. Die Übung startete am 30. Mai und endet am 10. Juni.
 
Das überwiegend von Muslimen bewohnte Aserbaidschan und die christilichen armenischen Rebellen liefern sich seit zwei Monaten Gefechte in der abtrünnigen Region Bergkarabach, das überwiegend von christlichen Armenien bewohnt wird. Die Armenier führen gegen die aserbaidschanische Armee, die in der Überzahl ist, einen asymmetrischen Krieg. Auf diesem Gebiet gelten die Armenier als besonders kampferprobt.

 

Die Russische Föderation gilt als militärische Schutzmacht Armeniens. Aserbaidschan und Armenien waren eigenständige Sowjetrepubliken im Staatenbund Sowjetunion. Der Konflikt eskalierte erstmals 1988, wo es in der strittigen Region zu Unruhen kam. Moskau versuchte den Konflikt durch die Entsendung von Luftlandetruppen zu beenden. Alexander Lebed, Fallschirmjäger-General und Präsidentschaftskandidat, versuchte vergebens den Konflikt zu beenden.

 

Bereits im Zuge der Oktoberrevolution war Bergkarabach ein Zankapfel zwischen Armenien und Aserbaidschan. Nachdem beide Staaten in die Sowjetunion aufgenommen wurden, ruhte dieser Konflikt – der bis heute ungelöst ist – bis in die späten 1980er Jahre. Durch die aktuellen Debatten um die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern, sowie durch die Zuspitzung des russisch-türkischen Konfliktes, könnten die jüngsten Auseinandersetzungen befeuert worden sein.

 

Völkerrechtlich betrachtet, gehört die Region Bergkarabach zu Aserbaidschan, obwohl das Konfliktgebiet mehrheitlich von Armenien bewohnt wird. Im Laufe der Jahre wurden mehrere Resolutionen gegen Armenien verabschiedet, nachdem sich das armenische Militär weigerte, seine Truppen aus Bergkarabach abzuziehen. Mehrere Vermittlungsversuche scheiterten ebenfalls. Seit Anfang April kommt es immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen in der Krisenregion. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig als Verursacher. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) traf sich Anfang Mai in Wien, um einen Beitrag zu einer friedlichen Lösung des Konflikts zu leisten. Bislang gilt die Feuerpause als sehr brüchig. Mitte Mai haben beide Seiten versprochen Friedensgespräche aufzunehmen. Bergkarabach verlangt allerdings die Unabhängigkeit von Aserbaidschan.

 

 

Von Christian Saarländer