Die Deutschen sollen dem Beispiel des österreichischen Parlaments folgen, das am 22. April 2015 den Völkermord an den Armeniern, aber auch an den Griechen, Assyriern, Aramäern und Chaldäern durch das Osmanische Reich anerkannt hat, meint Martin Bitschnau, österreichischer Menschenrechtsaktivist, zu der geplanten Resolution des Bundestags.

 

„Sie sind aufgrund der Genozid-Konvention, die sie in den 50ger Jahren ratifiziert haben, sogar dazu verpflichtet“, sagte er im Interview mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin im Vorfeld der Bundestagssitzung. „Laut den ebenfalls von ihnen ratifizierten Römischen Statuten des Internationalen Strafgerichtshofs haben sie ihre Gesetze dementsprechend angepasst. Es wird ein wichtiger Schritt sein, der sagt:,Es gibt nicht nur die Shoah, den Völkermord an den Juden, nicht nur den Völkermord an den Sinti und Roma, sondern auch andere Völkermorde. Und man muss dies als einen Massenmord einstufen und die Gruppen, die darunter gelitten haben, auch namentlich aufführen‘.“

 

Bei dem deutschen Vorstoß heiße der Titel,Zur Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten vor 101 Jahren‘. Das sei sehr wenig, meint Bitschnau, da in Österreich diese anderen Minderheiten genannt wurden. „Das ist bei uns ein umfangreiches Papier.“

 

Die Türkei habe sehr davon profitiert, dass die Minderheiten im Ersten Weltkrieg ermordet oder aus dem Land geschafft würden, setzt der Menschenrechtler fort. „Güter und Grundstücke hat Kemal Atatürk an verdiente Personen in seiner Partei geschenkt. Heute ist die Schulbildung in der Türkei nationalistisch ausgerichtet und auf den Atatürk-Prinzipien aufgebaut.“

 

„Dort geht es darum, dass die Türken keine Schuld tragen. Das ist die Burg der Nation, eine jungfräuliche Empfängnis, was aber nicht stimmt und an der Realität vorbeiführt. Und so lernen die Kinder. Egal welcher Religion und ethnoreligiöser Gruppierung sie angehören, lernen sie, dass sie Türken, rechtschaffen und sauber sind. Darauf müssen sie jeden Tag schwören, und da passt das Bild, das die Türkei den Völkermord begangen hat, nicht hinein.“

 

Dass die Türkei die Geschehnisse vor über 100 Jahren nicht kritisch betrachtet und daraus nicht lernt, führt Martin Bitschnau darauf zurück, dass es einige Probleme gibt, so mit den Kurden und Alawiten, die sich jetzt auf die Armenier reflektieren und sich als das nächste Opfer sehen. „Diese, wie viele andere Probleme hat die Türkei durch das Annehmen der Geschichte zu schultern. Sie versucht aber, sie zu verschieben. Das wird sie nicht schaffen. Die Türkei muss den Genozid an den Armeniern und anderen Minderheiten früher oder später anerkennen, weil die Probleme durch das Leugnen immer größer werden“, ist sich der Autor und Herausgeber des Buches „Armenien: Tabu und Trauma. Die Fakten im Überblick“ sicher.

 

Darin dokumentierte Martin Bitschnau mit zahlreichen Fallbeispielen die andauernde Diskriminierung, Verfolgung und Verleumdung der armenischen Minderheit – insbesondere mit Hilfe der Bürokratie. „Wenn ein Armenier mit dem armenischen Namen auf ein Amt geht und sagt:,Ich möchte einen Pass haben‘ oder man braucht einen Führerschein, sagt dann der Beamte:,Es ist ein komischer Name‘. Dann wird dieser Name absichtlich falsch geschrieben. Das ist nur eine kleine Intoleranz, oft eine kleine Schwelle.“

 

Im größeren Maßstab spiele sich das wider, wenn man einen Fokus auf die Immobilien reinlege, führt der Historiker weiter aus. „So wurden Tausende von Immobilien der christlichen Kirchen und Kirchenzugehörigen widerrechtlich beschlagnahmt. 2008 gab es einen Grundsatzentscheid des Europäischen Gerichtshofs, dass die Türkei alle Grundstücke hergeben muss, die sie sich in den letzten 15-20 Jahren sozusagen unter den Nagel gerissen hat. So hat die Türkei ein Gesetz erlassen:,Ja, wir geben zurück, aber nur die Objekte, die wir nicht weiter verkauft haben oder die noch im Staatsbesitz sind.‘ Sie gaben aber nicht die Objekte zurück, die infolge des Völkermordes gestohlen wurden oder die Besitzer widerrechtlich gewechselt haben.“

 

Alle diesen Immobilien bis in die Gegenwart seien aus der Sicht der Republik Türkei eine erledigte Sache, äußert der Experte. „Das sind alles Diskriminierungen, die sich von Privaten bis hin zu Organisationen fortfinden, sodass die christlichen Kirchen keine Rechtspersonen sind. Sie können niemanden einstellen, keine Aktivitäten setzen, wie jede Firma es tut. Das darf eine Kirche in der Türkei nicht machen. Somit haben Mitarbeiter der christlichen Kirchen Probleme und keinen Schutz.“

 

Es sei unverständlich, dass man das seit 100 Jahren nicht auf die Reihe bekommen könnte, auch juristisch nicht, resümiert Martin Bitschnau. Es seien Ängste und Ressentiments noch offensichtlicher geworden. „Sie werden in der Schule und in Schulbüchern immer wieder gesät.“

 

 

Quelle: Sputniknews