Wenn Russland die westlichen Spielregeln nicht akzeptieren will, gibt es zwei Entwicklungswege: Man könnte entweder in Kooperation mit China ein alternatives System aufbauen oder Differenzen innerhalb der westlichen Welt instrumentalisieren. Davon geht der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow aus.

 

Lukjanow schreibt in einem am Donnerstag veröffentlichten Gastbeitrag für die Onlinezeitung gazeta.ru (übersetzt von Sputniknews):

 

„Die Finanzkrise in den USA und die zum Teil daraus resultierten Strukturprobleme der EU haben die Fähigkeit des Westens zu einer effizienten Dominanz in Frage gestellt.“

 

Nun wolle der Westen seine Stärke bekräftigen.

 

Gegen Mitte der 2010er Jahre sei eine neue Realität entstanden. Die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit sei nun angesichts politischer Spannungen ein Instrument, um Opponenten unter Druck zu setzen:

 

„Dies störte die ohnehin fragile Balance der bisherigen Ordnung und schürte die Ambitionen jener Länder wie Russland, die sich nie in den vom Westen angebotenen Verhältnissen wohl gefühlt hatten.“

 

An Stelle einer Expansion seien die westlichen Mächte jetzt bestrebt, ihre seit einem Vierteljahrhundert erworbenen Gewinne und Positionen zu konsolidieren. Dieser Trend sei sowohl in Amerika als auch in Europa zu beobachten – aber auf verschiedenen Ebenen, hieß es.

 

„Washington will seine Verbündeten durch groß angelegte wirtschaftliche und normative Partnerschaften wie die TPP und TTIP zusammenlöten. Brüssel gibt sich unterdessen Mühe, um die EU zu stabilisieren, und konzentriert auf seine inneren Probleme. Die Aufgaben der USA und Europas können einander widersprechen. Der beharrliche Wunsch des Weißen Hauses, das TTIP-Abkommen vor dem Ende der Präsidentschaft von Barack Obama zustande zu bringen, löst in der EU Nervosität aus, und zwar wegen des intransparenten Charakters der Verhandlungen“, schreibt Lukjanow.

 

Wer nun Teil des westlichen Modells werden wolle, müsse äußerst harte Bedingungen akzeptieren. Der Bewegungsraum für einen Kuhhandel sei minimal. In Sachen Entwicklungs-Möglichkeiten gehe es darum, dass lediglich die „Granden“ das Sagen haben sollen, so der Kommentar weiter

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Die restlichen Länder stünden nun vor einem Dilemma:

 

„Entweder schaffen sie etwas ganz Andres, das in der Lage wäre, mit der westlichen Gemeinschaft zu konkurrieren. Oder bauen sie ein kompliziertes und flexibles Netzwerk von Beziehungen mit verschiedenen Subjekten auf, um Möglichkeiten zu sammeln.“

 

Im Fall Russland bedeute der erste Weg ein „Großes Eurasien“ und eine Verkopplung der Projekte der Eurasischen Union und der chinesischen Seidenstraße. Vorerst gebe es auf diesem Weg nur wenig Fortschritte, doch Moskau und Peking bekämen Impulse in dieser Richtung, weil der Westen seine Politik fortsetze, postuliert Lukjanow.

 

Der zweite mögliche Weg beinhalte eine Multi-Vektor-Entwicklung und einen betonten Pragmatismus, um innere Widersprüche des westlichen Modells im eigenen Interesse zu instrumentalisieren. Etwa in Asien seien bei weitem nicht alle vom westlichen Konsolidierungs-Muster begeistert: „Japan gibt sich Mühe, um seine Beziehungen mit Russland weiterzuentwickeln, ohne den Rahmen der Solidarität mit den USA zu verlassen. Und südostasiatische Länder verunsichert Obamas Rhetorik, die ihre TPP-Teilnahme zu einer antichinesischen Aktion verwandelt.“

 

„Die Einheit und der Kampf dieser Ansätze werden wahrscheinlich die wichtigsten Inhalte der nächsten Phase beim Aufbau einer Weltordnung ausmachen“, prognostiziert Lukjanow.