Ein offenbar mit dem Islamischen Staat (IS) in Verbindung stehender Mann hat in der Kleinstadt Magnanville, 60 Kilometer nordwestlich von Paris, ein furchtbar grausames Verbrechen begangen. Er ermordete einen Polizeibeamten und dessen Lebensgefährtin, die ebenfalls in der Polizeiverwaltung tätig war.

 

Der Attentäter erstach am Montagabend Jean-Baptiste Salvaing vor seinem Haus. Nach Presseberichten handelt es sich bei dem Ermordeten um einen 42 Jahre alten Kriminalbeamten aus Les Mureaux. Danach hielt der Attentäter die 36jährige Jessica Schneider, die Lebensgefährtin Salvaings und ihren dreijährigen Sohn in ihrem Haus als Geiseln fest. Damit hielt er die Spezialeinsatzkräfte der Polizei (RAID) auf Abstand.

 

Danach postete der Attentäter Bilder seiner Opfer und einen Aufruf auf Facebook, Polizisten, Gefängniswärter, Journalisten und Rapper zu ermorden. Außerdem rief er dazu auf, Terrorangriffe auf die Fußball-Europameisterschaft zu verüben und erklärte: „Die Euro wird ein Friedhof sein.“

 

Am Dienstag erklärte der Pariser Staatsanwalt François Molins: „Während seiner Verhandlungen mit der RAID, sagte der Killer, er sei praktizierender Muslim und fügte hinzu, dass er vor drei Wochen dem Kommandeur des Islamischen Staats Abu Bakr al-Baghdadi die Treue geschworen habe. Auch sagte er, er sei einem Aufruf des Emirs gefolgt, ‚Ungläubige samt ihrer Familien in ihren Häusern zu töten.‘“

 

Am frühen Dienstagmorgen stürmte die RAID das Haus. Dabei wurde der Attentäter getötet und der leblose Körper von Jessica Schneider sowie das Kleinkind gefunden. Vor den Augen des Kindes war der Frau die Kehle durchtrennt worden. Das Kind selbst war den Behörden zufolge körperlich unverletzt, aber traumatisiert. Die kleine Waise wurde in psychiatrische Behandlung gegeben.

 

Am Dienstagmorgen identifizierten der französische Geheimdienst und die Polizei den toten Attentäter als Larossi Abballa. Wie die Täter bei den Anschlägen auf Charlie Hebdo und am 13. November in Paris sowie im März in Brüssel war auch Aballa dem Geheimdienst bekannt. Trotzdem war es ihm möglich, Verbindung zum IS aufzunehmen und seinen Angriff ungehindert zu planen, obwohl er sich unter intensiver Polizeiüberwachung befand.

 

Er war ein 25-jähriger Kleinkrimineller mit einem erheblichen Strafregister, der 2011 verhaftet und 2013 wegen Beteiligung an einem islamistischen Netzwerk verurteilt worden war. Er hatte „wegen krimineller Verbindungen mit dem Ziel der Vorbereitung von Terroranschlägen“ eine dreijährige Haftstrafe erhalten, von der ihm die letzten sechs Monate erlassen worden waren. Er war offensichtlich in islamistische Netzwerke in Pakistan und Frankreich eingebunden und zusammen mit sieben anderen Angeklagten verurteilt worden.

 

Der Inlandsgeheimdienst führte eine „S”-Akte über ihn, sein Telefon wurde abgehört und die Polizei beobachtete ihn wegen seiner Verbindungen zu einem Mann, der nach Syrien gereist war, um dort zu kämpfen. Abballa „schien jedoch keine ausreichend konkrete Bedrohung darzustellen“, um weitere Maßnahmen zu rechtfertigen, meinten Vertreter des Geheimdienstes zur Zeitung Le Parisien.

 

Berichten zufolge übernahm der IS die Verantwortung für die Morde vom Montag und bestätigte, dass Abballa ein IS-Kämpfer gewesen sei. Die geheimdienstlich tätige Gruppe SITE aus den USA veröffentlichte die Übersetzung eines Artikels, den sie bei der Nachrichtenagentur des IS, Amaq, gefunden hatte. Darin heißt es: „Kämpfer des Islamischen Staats tötet stellvertretenden Polizeichef einer Wache in der Stadt Mureaux und seine Frau mit Messern.“

 

Am Dienstag um sieben Uhr morgens versprach Präsident François Hollande auf einem Krisentreffen im Elysée Palast, dass „dieses abscheuliche Ereignis vollständig aufgeklärt“ werde.

 

Gilbert Collard, ein enger Mitarbeiter der Vorsitzenden des neofaschistischen Front National, Marine Le Pen, verurteilte die PS-Regierung, weil sie zugelassen habe, dass diese Angriffe stattfinden konnten. Er schrieb auf Twitter, dass der „islamistische Terror jetzt in unsere Häuser gelangt ist. Regierung inkompetenter Feiglinge“.

 

Innenminister Bernard Cazeneuve antwortete kurz darauf und verurteilte den Mord, nachdem er von dem Treffen mit Hollande kam, als „erbärmlichen terroristischen Akt.“ Er betonte: „Die Regierung ist vollständig mobilisiert.“ Cazeneuve kündigte an, er werde „sofort die Kollegen der Polizisten besuchen, die getötet wurden“.

 

Der grässliche Mord an den beiden Polizeiangehörigen wird dazu genutzt, die rechte Stimmung anzuheizen, die in Frankreich ohnehin herrscht. Premierminister Manuel Valls forderte, die „ganze Nation“ solle sich hinter die Polizei stellen. Diese greift gegenwärtig brutal gegen Massen von Arbeitern durch, die gegen das unpopuläre und reaktionäre Arbeitsgesetz der Regierung kämpfen.

 

Einige Mitglieder der rechtsgerichteten Partei Les Republicans (LR) des ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy riefen dazu auf, jeden zu verhaften, über den die Geheimdienste eine „S“-Akte führen. Das würde Frankreich endgültig in einen Polizeistaat verwandeln. Da die Geheimdienste solche „S“-Akten willkürlich anlegen können, könnten sie jeden beliebigen Bürger inhaftieren.

 

Die Untersuchung steht noch am Anfang und weitere wichtige Fakten über die Umstände, wie das Attentat geplant und ausgeführt wurde, werden noch ans Licht kommen. Die bisherigen Hinweise machen klar, dass dieses Verbrechen in engem Zusammenhang mit dem Stellvertreterkrieg für einen Regimewechsel in Syrien steht, durch den der IS erst entstanden ist.

 

Wie bei den früheren Terrorakten in Frankreich und Belgien waren die Attentäter in der Lage, ihre Angriffe unter den Augen der Polizei durchzuführen. Ein wesentlicher Faktor dafür ist die stillschweigende Unterstützung der Rekrutierung der islamistischen Netzwerke für den Krieg in Syrien durch die europäischen Geheimdienste.

 

Das auffälligste Beispiel dafür war der Angriff im Frühjahr in Brüssel. Dort hatten die belgischen Geheimdienste detaillierte Warnungen über die Identität und Ziele der Attentäter erhalten. Dennoch wurden diese nicht verhaftet und die Sicherheitskräfte an den Angriffszielen wurden im Vorfeld der Attentate vom 22. März nicht verstärkt – eine Entscheidung die tödliche Folgen hatte.

 

Was auch immer die persönlichen Verdienste von Salvaing und Schneider waren, die von ihren Kollegen und Freunden als engagierte Mitarbeiter und liebevolle Eltern gelobt werden, und sich in den örtlichen Schulen engagierten – die Vertreter der französischen Obrigkeit werden scheinheilig versuchen, die Morde zu benutzen, um die „Law and Order“-Atmosphäre weiter anzuheizen.

 

Durch ihre Kriege in Syrien, Pakistan, Afghanistan und anderswo haben Frankreich und die Nato-Mächte enorme Verantwortung auf sich geladen, weil sie damit die Bedingungen geschaffen haben, unter denen ein derartiges Attentat passieren konnte. Darüber hinaus haben IS-Kämpfer bei den Attentaten in Paris, Brüssel und jetzt in Magnanville die Methoden angewandt, die sie in Syrien unter Nato-Aufsicht gelernt haben. Diese Attentate erinnern somit selbst daran, dass dies ein verbrecherischer Krieg ist.

 

Der Schock und die Angst, die nach dem Angriff am Montag in Magnanville ganz Frankreich erfasst hat, vermitteln eine Vorstellung davon, um wieviel schlimmer die Auswirkungen des Nato-Kriegs in Syrien sind mit seinen hunderten von Bombenangriffen und Überfällen durch die von der Nato unterstützten islamistischen „Rebellen“. Dieser angezettelte Krieg hat schon über 250.000 Menschen das Leben gekostet und mehr als zehn Millionen dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.