Der Aufruf des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier zum Dialog mit Russland und seine Kritik an den Nato-Manövern in den baltischen Staaten geben auch die Ansicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel wieder, wie Mary Dejevsky von „The Guardian“ berichtet.
 

Steinmeier sei ein umsichtiger Politiker. „Ohne die zumindest stillschweigende Zustimmung der Bundeskanzlerin hätte er seinen Appell nicht geäußert“, so die Reporterin.

 

Der deutsche Außenminister habe sich überraschend vorgewagt, als er die Nato – eine Allianz, deren Mitglied Deutschland ist – in der „Bild am Sonntag“ dafür kritisiert habe, gegenüber Russland mit den Säbeln zu rasseln und die Lage an der russischen Grenze weiter anzuheizen, schreibt Dejevsky.

 

Steinmeier distanziere sich von der Gruppe derer, die dazu aufriefen, Russland zu bestrafen, und lege gleichsam eine unangenehme Wahrheit frei: „Die Isolationsversuche steigern Russlands Kooperationsbereitschaft nicht, sondern gefährden Europas Stabilität“, schreibt „The Guardian“.

 

Seit einigen Monaten beschäftigen die Debatten über einen möglichen Umgang mit Russland die westlichen Hauptstädte. Nun, drei Wochen vor dem Nato-Gipfel in Warschau, werde endlich offen darüber geredet, heißt es im Artikel.

 

Die Erklärung Steinmeiers erfolgte vor dem Hintergrund der jüngsten Entscheidung des Internationalen Leichtathletikverbandes, die russischen Athleten von der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio auszuschließen.

 

Im Westen würde ein Stimmenchor dies begrüßen, schreibt Dejevsky, weil die IAAF-Entscheidung Russland angeblich Manieren beibringen werde. Dies sei jedoch eine Fehleinschätzung, so „The Guardian“.

 

Die Ironie bestehe darin, dass ausgerechnet der IAAF-Präsident Sebastian Coe diesen Beschluss gefasst habe. Als Olympia-Champion habe er sich in den achtziger Jahren geweigert, Margaret Thatchers Entscheidung zum Boykott der Olympischen Spiele in Moskau mitzutragen.

 

Wegen des sowjetischen Militäreinsatzes in Afghanistan haben Sportler aus dutzenden Ländern ihre Teilnahme an den damaligen Spielen verweigert. Das Verbot, bei den Spielen in Rio anzutreten, werde bei den Russen alte Wunden aufreißen, schreibt Dejevsky.

 

In den Achtzigern hätten solche Sportler wie Coe dazu aufgerufen, Sport und Politik nicht zu vermischen. In der heutigen Situation werde behauptet, die IAAF-Entscheidung sei ausschließlich sportlich motiviert. Für die Russen jedoch seien die Parallelen zwischen den beiden Olympias allzu deutlich, betont die Reporterin. Als Putin die Entscheidung des Leichtathletikverbands als unfair bezeichnete, sprach er vielen Russen aus der Seele.

 

„Die Russen fassen dies als eine weitere Form der Demütigung vonseiten des Westens auf, neben den Sanktionen und allen Kränkungen, die Wladimir Putin in seiner Münchner Rede 2007 aufgezählt hatte – von derNato-Osterweiterung bis zur Weigerung des Westens, mit Russland auf Augenhöhe umzugehen“, heißt es in dem Artikel.

 

Die Politik der bestrafenden Isolation werde ihr Ziel verfehlen. „Es ist an der Zeit, einen anderen Ansatz zu probieren“, resümiert Dejevsky.