Die Beobachtung der hasserfüllten Anti-Russland-Propaganda einer selbstvermutet westlichen «Werte»-Gemeinschaft verursacht im Lande selbst, im Riesenreich der elf Zeitzonen bei den gutmütigen Russen mehr und mehr Verwirrung: Was ist deren Sinn und Zweck? Warum wird der Grad der Russophobie stetig und unaufhörlich hochgeschraubt? Zu allen möglichen geeigneten (und auch nicht so sehr) passenden Anlässen und, falls ein solcher fehlt, dann per Erfindung von Lügengeschichten?

 

Die russische historische Erfahrung in diesem Sinne ist eintönig-alarmierend: Wenn der Westen damit beginnt, anti-russische Propagandaballons unter der eigenen Bevölkerung aufzublasen, muss Russland einen Krieg gegen sich erwarten. Daraus ergeben sich zahlreiche alarmistische Prognosen und Prophezeiungen. Die Logik des Geschehens führt zwangsläufig dazu, so zu denken. Bei intensiver Emotion gibt es erfahrungsgemäß oft auf ihrem Höhepunkt einen Ausbruch. Die russophobe Hysterie muss früher oder später gleichermaßen eines schlimmen Tages zu solcher Kulmination führen. So wie das dialektische Gesetz Nr. 2, vom Umschlagen angehäufter Quantitäten in eine neue Realität (Qualität) kündet. Angesichts der ausufernden Intensität der aktuellen antirussischen Kampagne wird das eher früher als später passieren.

 

Wenn wir aber genau darauf achten, was im Westen in Zusammenhang mit der Desinformations-Kampagne gegen Russland geschieht, wird zusätzlich einiges Seltsame ersichtlich.

 

Hierzu zwei Beispiele:

 

Erstes unvermeidliches Thema ist das einer russischen militärischen Aggression gegen die Baltischen Staaten. In den letzten Jahren klingt es immer lauter. Westlichem Publikum wird über kleine wirtschaftliche «baltische Tiger» erzählt, die so mitleidserregend wehrlos gegenüber der militärischen Armada des Kremls seien. Aktuelle und pensionierte Generäle der NATO erzählen in zahlreichen Interviews, dass russische Militärs nicht viel länger als 60 Stunden für die Besetzung von Lettland, Litauen und Estland brauchen. Aktuelle und pensionierte Generäle der russischen Streitkräfte schweigen mitleidig lächelnd verzeihend zu solch derber Unterschätzung ihrer Einsatzgeschwindigkeit.

 

Dabei ballt die NATO mutig die Fäuste und schickt für deren Schutz furchterregende fünf Flugzeuge und ein gutes Dutzend Panzer in die baltischen Staaten. Die Allianz führt dort fleißig Militärübungen für die Abwehr eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs durch. So wird dem westlichen Publikum eine Botschaft im Stil von «ja, wir sind diesen Aggressoren ausgeliefert, aber wir schauen ihnen doch tapfer in die Augen, gelle?» übermittelt.

 

Das zweite Beispiel ist aktueller und wird in den letzten Tagen heftig diskutiert: Die russischen Fußball-Hooligans, die vor ein paar Tagen Schlachten mit englischen Fans in Marseille organisierten. Die westlichen Medien erzählten und zeigten in Farben und Details, wie völlig verrückte Russen die Briten angriffen. 200 Russen gegen 1.500 Briten. Obwohl die Zahl der Briten somit um ein Vielfaches größer war, übertrafen die Russen sie jedoch und schlugen sie in die Flucht. Also waren die Bärensöhne entweder stärker, viel weniger betrunken als die Engländer oder gar gedopt.

 

 

Die UEFA (Anm. der Red.: «endlich» ohne Sepp Blatter) wird bei dieser Gelegenheit auffällig selektiv mutig, ballt die Fäuste und droht den russischen Fußball-Strukturen mit schrecklichen Strafen.

 

Wobei es unmöglich ist, die Feinheit der Intrigen nicht mit Staunen zu bewerten: Die «Opfer» der russischen Fans sind gerade jene englischen Hooligans, die schon seit vielen Jahrzehnten im Ruf stehen (inzwischen korrekter: standen) die wildesten und kopflosesten in ganz Europa zu sein. Und gegen diese bewährte Armee von Eintausendfünfhundert Helden hat sich eine Handvoll russischer Spontanausteiler erfolgreich durchgesetzt.

 

Und jetzt die wichtigste Frage: Sind diese und ähnliche Themen, mithilfe derer im westlichen Informationsumfeld gearbeitet wird, in der Lage ein müdes westliches Publikum für Krieg gegen Russland zu mobilisieren?
Die Antwort ist klar: Nein.

 

In Bezug auf Russland und die Russen kann man zwar mit solchen und ähnlichen Informationsmärchen negative Gefühle wie Abneigung, Empörung, Ablehnung und Verachtung vermitteln. Aber die Hauptemotion, die die gegenwärtige westliche antirussische Propaganda ungewollt und unfreiwillig erzeugt ist nicht die gewünschte Angriffsstimmung, Lust auf «humanitäre Intervention» in der «die Menschenrechte schießen lernen», tätige Sucht nach vorbeugender «gerechter» Rache, sondern ganz im Gegenteil, erbärmliche, primitive Angst gegenüber dem sprichwörtlichen «Russen vor der Tür».

 

Die beherrschende Angst vor einem riesigen, unberechenbaren und aggressiven Russland, das ohne Problem in ein paar Stunden die ganzen tollen Länder der selbstbehaupteten «Werte»-Gemeinschaft des Westens in einem konventionellen Krieg besetzen könne. Angst vor einem Russland, das nach zwei Jahren Sanktionen nur noch härter auf seiner Position besteht als zuvor, obwohl angenommen wurde, dass es nach ein paar Monaten auf die Knie fallen würde. Müsste! Angst vor einem derart unberechenbaren Russland, dessen humorlose Bürger selbst aus einem Kampf gegen einen zumindest moralisch vielfach überlegenen Feind widerrechtlich als Gewinner herausgehen würden.

 

Aber Angst ist eine sehr schlechte Hilfe bei der Propaganda für militärisch-mobilisierende Stimmungen. Eher sind im Gegenteil Angst ihr größter Feind und Hindernis.

 

Man darf andererseits die Professionalität der westlichen Medien nicht unterschätzen. Wenn sie ihrem Publikum anscheinend mehr Angst als Vaterlandsliebe vermitteln, dann kann es auch bedeuten, dass genau das Informationsziel ist. So gesehen hätte Europa (die USA auch?) keine Pläne, in den Krieg mit Russland zu ziehen? Sie benutzten Russland in diesem Falle als eine reine Vogelscheuche, die ausschließlich für die Arbeit mit einer eigenen Zielgruppe und der Lösung innenpolitischer Aufgaben genutzt würde.

 

Welcher Aufgaben?

 

 

Mindestens drei davon liegen auf der Oberfläche:

 

Erstens, Angst ist kein guter Helfer für die Vorbereitung der Bevölkerung auf den Krieg, macht sich aber gut als eine hervorragende Verminderung der Schärfe innenpolitischer Probleme. Das Mantra «die Russen kommen» ist durchaus in der Lage europäische und amerikanische Bürger dahingehend zu zwingen, stoisch eine Vielzahl von Problemen und Schwierigkeiten zu ertragen, obgleich es davon immer mehr und einschneidendere gibt.

 

Zweitens, die «russische Bedrohung» ist eine tolle Tarnung für echte, ernsthafte aber ganz andere Bedrohungen. Es wird nachlesbar im Klartext von amerikanischen und europäischen Funktionären vorgetragen, die Russland in eine Reihe mit dem ISIS als gleichwertige Hauptbedrohungen stellen. Sehr bequem, den eigenen Bürgern das selbstverschuldete Thema des Islamismus und seines exponentiell wachsenden Terrorismus hinter der Vogelscheuche «russischer Bär» zu verstecken.

 

Drittens, was vielleicht am Wichtigsten ist, tagtäglich die Amerikaner und Europäer von den Alternativen einer sozialeren Marktwirtschaft, die Russlands (und Chinas) praktizierte Kapitalismus-Spielart als neue Weltordnung für Alle böte, abzulenken und fernzuhalten.

 

Der Menschheit stehen schwere Zeiten bevor, die durchaus auch neue «dunkle Jahrhunderte» lang andauern könnten. Aber sie könnten auf verschiedene Weise angegangen werden. Russland schlägt seinerseits vor, sich angemessen gesellschaftlich verträglich vorwärts zu bewegen und darauf zu stützen, was unter «traditionellen Werten» zu verstehen ist. Jedoch scheint es, dass das westliche «Establishment» mit diesem sehr gebremsten Weg der Umverteilung von Gewinnen aus gesamtgesellschaftlicher Produktion in die Taschen der Oberschicht nicht so sehr zufrieden ist. Die europäische und amerikanische Bevölkerung soll zum Ausdünnen des bisherigen «Mittelstandes» und zum massiven Abbau traditioneller Werte gezwungen werden. Die neoliberalen Angriffe auf einst hart erkämpfte soziale Errungenschaften sind derart aggressiv, dass die Russen schon verblüfft sind, wenn sie diesen Prozess nur von Weitem beobachten, ohne selbst unmittelbar betroffen zu sein.

 

In einer solchen Situation ist Russland als Träger genau dieser traditionellen Alternativen eine große Bedrohung für die herrschende Klasse des Westens. Deswegen sind alle Mittel gut genug, heiligt der Zweck die Mittel, um möglichst viel von Russland in den Augen der westlichen Gesellschaft zu diskreditieren. Das Russland-Bashing soll bei den durchschnittlichen Europäern und Amerikanern Abneigung und Ablehnung gegenüber Russland und zugleich Zweifel an dessen nationalen Wertvorstellungen und Regulativen verursachen, die sich einst auch westliche gesellschaftliche Kräfte auf die Fahnen geschrieben hatten, wie «Chancengleichheit», eine «soziale Marktwirtschaft» und «betriebliche Mitbestimmung».

 

Bleibt nur eine wichtige Frage: Warum erzeugt die antirussische Propaganda gerade jetzt solche hysterische Intensität?

 

Wir können davon ausgehen, dass in den bekannt gut informierten Kreisen mit dem Ausbruch von absehbar schockierenden Folgen der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise des Westen, mit Zusammenbrüchen ganzer Teilstrukturen gerechnet wird. Bereits in allernächster Zeit. In den kommenden Monaten oder sogar Wochen. Also wird für die Milderung des kommenden Schocks, besonders dem in der westlichen Gesellschaft, in großen Mengen vorbeugend die «russische Bedrohung» als Betäubungsmittel gespritzt.

 

In der außer durch ein Wunder nicht mehr zu rettend bankrotten Ukraine funktioniert dieses Modell seit zwei Jahren ausgezeichnet …

 

 

Von Irina Alksnis

Quelle: www.nalin.ru

Übersetzung: fit4Russland