Seit wann hat die Regierenden in Berlin, Brüssel oder London interessiert, was die Menschen denken? Das war einmal anders, und zum Leidwesen der jetzigen Machthaber können sich noch viele daran erinnern. Vermutlich nicht der leider noch im Amt befindliche Herr Bundespräsident. Herr Gauck, der vermutlich keine Kenntnis von der Friedensliebe des deutschen Volkes hat, weil er sonst seine Kriegsreden nie im Leben gehalten haben würde, erklärt in seinem jüngsten ARD-Interview das deutsche Volk ‒ bis auf seinesgleichen ‒ zum Problemfall.

 

Aus seiner Sicht zählt vermutlich auch dazu, dass das deutsche Volk in seiner überwiegenden Mehrheit kein Verständnis dafür hat, wenn die Frau Bundeskanzlerin wegen des Migrationsansturms in unser Land kurzerhand die dem Schutz Deutschlands geltenden Regeln eigenmächtig und dauerhaft außer Kraft setzt. Dadurch wurden die Substanz des deutschen Staatsrechts und die geltenden Regeln des EU-europäischen Rechts mit unabsehbaren Folgen beseitigt und nicht wiederhergestellt. Mit diesen Maßnahmen, die man den Regierenden durchgehen lässt, wurde in der jüngeren Geschichte schon einmal unser Land in den Untergang geführt.

 

 

Motto für Festtagsreden: Alle Macht geht vom Volke aus

 

Ist das mit der Entscheidung der britischen Wähler am 23. Juni anders geworden? Das könnte durchaus so sein, aber nur vordergründig. Der britische Souverän, und das ist nun einmal das Volk, hat sich in einem Referendum sein Recht zurückgeholt.

 

Da können andere jetzt jammern, wie es ihnen Spaß macht. So ist es nun einmal. Die Diskrepanz zwischen dem Souverän und den Regierenden in ganz Europa zeigt sich aber darin, wie gewaltig die Verwerfungen sind, die das Ergebnis dieses Referendums bewirkt hat. Die Briten haben entschieden, aber wir haben alle in der durch eine katastrophale Politik »des Westens« hervorgerufenen weltpolitischen Lage das Gefühl, dass der unter unseren Füßen liegende Teppich einfach weggezogen wird

 

Dem Vernehmen nach war die britische Regierung noch nicht einmal in der Lage, über Umfrageinstitute die eigentliche Meinungsentwicklung in Großbritannien zu erfassen, weil auf ein Referendum nicht die Umfrageregeln einer gewöhnlichen Parlamentswahl anzuwenden sind. Kein Interesse, und dann jetzt über die Folgen wehklagen!? Für alles andere wirft man das Geld zum Fenster hinaus, und den tatsächlichen Willen des Volkes will niemand wissen? London als angebliches »Mutterland der Demokratie« sollte sich schämen.

 

Für uns Deutsche ist damit eine letzte Warnung verbunden. Wenn es interessierten Kräften auch noch gelingt, die direkte Demokratie in der Schweiz zu beseitigen, ist es mit »Demokratie« in Europa vorbei, denn unser Land lässt schon seit Langem substanzielle Beiträge zu dieser staatlichen Grundsubstanz vermissen.

 

 

Es kann mit EU-Europa so nicht weitergehen, verweigerte Reformen befördern den Untergang

 

Die Briten haben für viele von uns gesprochen, auch wenn viele Menschen auf dem Kontinent die Konsequenzen anders sehen, als dies in Großbritannien angestrebt wird. Es kann so mit der Europäischen Union nicht weitergehen, und das wird sich vermutlich in den nächsten Wochen dramatisch entscheiden. Wir sehen es schon heute. Die Bürgerinnen und Bürger in Großbritannien haben ihren Willen mehrheitlich manifestiert, und Martin Schulz und Konsorten drängen auf sofortige Mitteilung durch die britische Regierung über den Austritt aus der Europäischen Union durch London. Bei der in Brüssel herrschenden Geisteshaltung muss zwingend angenommen werden, dass »Schulz and friends« jetzt Druck machen, um von den Erwartungen vieler Menschen in der Europäischen Union abzulenken.

 

Die Briten haben doch klargemacht, was sie mehrheitlich denken. Und warum kündigen Schulz, Junkers, Tusk, Merkel und Hollande nicht öffentlich an, dass sie die Botschaft aus Großbritannien verstanden haben und umgehend, das heißt sofort, eine »Europäische Revisionskonferenz« einberufen, weil niemand mehr am Mehrheitswillen in Großbritannien herumdeuteln sollte? Die Eile, die diese Herrschaften gegenüber London in Bezug auf den »Austrittsbrief« an den Tag legen, legt doch mehr als den scherwiegenden Verdacht nahe, dass man genau das nicht will. Es könnte ja sein, dass durch ernsthafte Bemühungen, Europa wieder demokratisch, sozial und gutnachbarschaftlich werden zu lassen, das britische Verdikt in sein Gegenteil verkehrt werden könnte.

 

Die von Regierenden propagierte »Vertiefung der EU« und »ein Europa der zwei Geschwindigkeiten« sind doch die wesentlichen Ursachen für den Spaltpilz, der Europa ergriffen hat. Warum will man den »Vaterländern« des großen Europäers Charles de Gaulle in EU-Europa keine Zukunft mehr geben? Es ist doch für jeden eigentlich mit den Händen zu greifen, dass ohne einen funktionierenden Nationalstaat »Demokratie« nicht machbar ist. Warum haben sich denn mächtige Interessengruppen »Brüssels« bemächtigt?

 

Die europäischen Potentaten müssen sich doch fragen lassen, ob sie nicht deshalb diese Verweigerungshaltung an den Tag legen, weil sie genau keine Veränderung des verhängnisvollen Weges wollen, den sie eingeschlagen haben? Wie dramatisch Entwicklungen bei den so stolzen Briten sein können, haben wir doch in diesem Referendumswahlkampf gesehen. Jetzt waren plötzlich die polnischen Einwanderer schuld. Und daran hat man sein britisches Mütchen gekühlt.

 

Es waren doch die polnischen Piloten in britischen Maschinen, die Großbritannien wesentlich im Zweiten Weltkrieg vor dem Schicksal ihrer eigenen polnischen Heimat bewahrt haben. Es sind die Regierungen, die durch eine vernünftige Politik dafür sorgen müssen, dass in der Bevölkerung derartige Tendenzen keine Rolle spielen dürfen.

 

 

EU-Europa wird demokratisch, sozial und gutnachbarschaftlich oder überhaupt nicht sein

 

Wenn »Brüssel«, »Paris«, »Wien« und andere jetzt ihren Aufgaben gerecht würden, könnte der »Zwei-Jahres-Zeitraum« für den Austritt Großbritanniens aus der EU in ganz anderer Weise genutzt werden. Warum keine EU entwickeln, die auch die Menschen in anderen europäischen Ländern wollen, um das britische Referendum in anderer Weise zum Erfolg zu führen? Verbleib in einer EU, die im Falle unterbliebener und verweigerter Reformen bei nächster Gelegenheit uns ohnehin um die Ohren fliegen wird. Einer EU, die wetterfest gemacht wird, weil man das britische Referendum so ernst nimmt, wie es viele auf dem Kontinent ernst genommen haben wollen. Der in Spanien stattgefundene Wahlkampf hat es doch deutlich gemacht.

 

Darüber entscheidet allerdings faktisch nicht »Brüssel« alleine. Alle wissen, dass die Mehrheit der Briten, nicht der Schotten, nicht der Menschen im britischen Kolonialgebiet Nordirland, die »Scheidung will«. Diesen Willen haben sie ausgedrückt und ihrer Regierung vor die Füße geknallt.

 

Was macht diese? Das Verhalten der Regierung Cameron wird Aufschluss darüber geben, was eigentlich hinter dem Referendum stecken könnte, wenn man diese Zweifel fördert. Wir müssen doch die weltpolitische Lage in Betracht ziehen. Im Nahen Osten nutzt Israel die Lage in Syrien, sich syrisches Staatsgebiet auf Dauer unter den Nagel zu reißen und das »Gaza-Syndrom« mit gewaltiger Sprengkraft zu potenzieren. Die USA mit den »Riegel-Staaten« zwischen uns und der Russischen Föderation schaffen eine Situation des Aufmarschs gegen Moskau.

 

Das lässt in Moskau niemanden kalt und kann es auch nicht. 75 Jahre nach dem Angriff des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion bekennt sich die NATO zur Politik von Napoleon und Hitler gegenüber Russland. In diesem Zusammenhang entfaltet das britische Referendum mit der Schwächung Kontinentaleuropas und der britischen neuen Rolle in einem von der NATO dominierten amerikanischen Vorfeld in Europa eine ganz andere Wirkung mit einer komplett anderen Sichtweise.

 

 

Von Willy Wimmer