In Berlin hat zum ersten Mal seit zwei Jahren eine Sitzung der Russisch-deutschen strategischen Arbeitsgruppe für Wirtschaft und Finanzen stattgefunden, die Präsident Wladimir Putin und der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2000 gegründet hatten, schreibt die „Nesawissimaja Gaseta“ am Dienstag.

 

Auf der Tagesordnung standen Investitionspläne, Russlands Strategie zur Lokalisierung der Industrieproduktion und zur Förderung des Imports. Im Rahmen der Sitzung wurden zehn bilaterale Verträge abgeschlossen, die unter anderem den Bau einer Holzverarbeitungsfabrik in Kaliningrad, die Bildung eines Joint Ventures zur Produktion von Turmkränen in Twer und eines Betriebs zur Autoreifenverarbeitung vorsehen.

 

Bei mehreren Verträgen geht es um gemeinsame Forschungen. So soll in Kasan ein deutsch-tatarisches Innovationszentrum für Energieeffizienz und Umweltschutz gebildet werden. Und das Berliner medizinische Forschungszentrum Charité plant ein Zusammenwirken mit der Russischen Akademie der Wissenschaften im Bereich Vermarktung der Ergebnisse medizinischer Forschungen. Die Technische Universität Kasan ist ihrerseits an der Kooperation mit dem deutschen Fraunhofer-Institut in den Bereichen Stoffkunde und Strahlungstechnik interessiert.

 

Nach der Sitzung fanden Verhandlungen von Geschäftsleuten unter Beteiligung von Vertretern des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, der Russisch-Deutschen Außenhandelskammer, des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes und der Vereinigung „Geschäftliches Russland“ statt. Im Mittelpunkt standen die Organisationsperspektiven der praktischen Zusammenarbeit der Europäischen Union und der Eurasischen Wirtschaftsunion.

 

Der neue Vorstandsvorsitzende der Russisch-Deutschen Außenhandelskammer, Matthias Schepp, stellte fest, dass beide Länder sich wieder entgegenkommen. Russland bleibt nach seinen Worten ein strategischer Wirtschaftspartner für die Bundesrepublik. Die Zeitung „Die Welt“ verwies ihrerseits darauf, dass deutsche Investoren wieder bereit seien, beträchtliche Mittel in Russland anzulegen.

 

Da wegen der gegenseitigen Sanktionen der Export auf vielen Industriegebieten unmöglich ist, entschlossen sich deutsche mittelständische Unternehmen und auch große Konzerne für den Bau eigener Betriebe in Russland. Laut der Bundesbank sind die deutschen Direktinvestitionen im vergangenen Jahr nach der Talfahrt von 2014 (damals beliefen sie sich auf nur 320 Millionen Euro) auf 1,78 Milliarden Euro gewachsen und haben damit den Stand von 2006-2008 erreicht, als die russisch-deutschen Geschäftskontakte boomten.

 

2016 dürfte ein neuer Investitionsrekord aufgestellt werden: Schon im ersten Vierteljahr könnten die deutschen Direktinvestitionen in Russland beinahe 1,1 Milliarden Dollar erreichen.

 

Laut der Beratungsfirma Ernst & Young sind deutsche Unternehmen die größten Investoren in Russland. Die Zahl deutscher Projekte sei von elf im Jahr 2014 auf 36 im vorigen Jahr gestiegen. Damit habe die Bundesrepublik die USA überholt, die in Russland 29 Projekte umsetzen.