Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat die Nato versucht, breitere Funktionen zu übernehmen, dabei aber versagt. Nun nimmt sie ihre Mission aus der Vergangenheit wieder ins Visier, schreibt der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow im Hinblick auf das Gipfeltreffen der Allianz in Warschau.

 

Lukjanow schreibt in einem Gastbeitrag für die russische Zeitschrift „Ogonjok“, nach dem Zerfall der Sowjetunion habe die Nato versucht, ihren Zuständigkeitsbereich zu erweitern und Funktionen als globaler Ordnungs-Garant zu übernehmen. Der Jugoslawien-Einsatz im Jahr 1999 habe einen absolut neuen Entwicklungs-Vektor der Allianz markiert: „Von der kollektiven Sicherheit der Mitgliedstaaten zu Expeditions-Aktivitäten in jeder Richtung.“

 

„Jugoslawien liegt zumindest in Europa, doch die weiteren Militäreinsätze der Nato oder ihrer Mitglieder (in Afghanistan, dem Irak, Libyen) zeigten, dass das Selbstwertgefühl  der Allianz drastisch stieg, während sie sich geografisch ausdehnte“, so Lukjanow.

 

„Die Absicht der Nato, sich einen möglichst breiten Freiraum zu sichern, scheiterte faktisch (die Ergebnisse sprechen für sich), bewirkte aber auch einen starken elektrisierenden Effekt in Europa. Die groß angelegte Anwendung von Gewalt im Nahen und Mittleren Osten, kombiniert mit dem dringenden Wunsch, immer weitere europäische Länder aufzunehmen, erhöhte drastisch den Widerstandsgrad seitens Russlands. Die Ursache ist da nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ, und zwar die veränderte Natur der Nato (diese will nun aus ideologischen Gründen keine ‚roten Linien‘ akzeptieren und keine Kräftebilanz besprechen), aber auch die deutlich intensivierten Aktivitäten der Allianz. Es ist leider durchaus logisch, dass es zu einer akuten Krise wegen der Ukraine kam, denn dort kollidieren sowohl die Interessen, als auch die kulturell-geschichtlichen Emotionen von Ost und West“, so der Kommentar.

 

„Der Anfang einer neuen Konfrontation mit Russland (sie besteht aus denselben Komponenten wie vor ein paar Jahrzehnten, wenn auch in einer etwas karikierten und bizarren Form) scheint vielen in der Nato zu ermöglichen, erleichtert aufzuatmen. Die Phase von Irrlichtern und Suche nach einer Mission ist zu Ende, die neue Aufgabe erwies sich als die alte, und zwar eine Eindämmung gegen Russland. Zumal Russland seine wiederhergestellten militärischen Kapazitäten und Fähigkeiten gern demonstriert“, so Lukjanow weiter.

 

„Bezüglich der Entwicklung seit 25 Jahren bildet der Nato-Gipfel in Warschau eine Rückschleife. Das Fazit ist wenig tröstlich. Ein gemeinsames europäisches Haus kam nicht zustande – selbst sein westlicher Seitenflügel platzt aus allen Nähten. Die Nato steckt in einer Krise, die nicht auf einzelne innere Differenzen  zurückgeht, sondern darauf, dass die für das 20. Jahrhundert entworfene Struktur nicht den Verhältnissen des 21. Jahrhunderts entspricht. Dieses Problem lässt sich nicht durch einen Wiederaufbau der ‚Bedrohung aus Moskau‘ lösen. Russland behauptet sich hingerissen selbst und will der Allianz zeigen, dass die vergangenen Jahre, als die Nato ein Alleinherr in Europa war, nur eine bedauerliche Episode war, die nun vergessen werden soll“, postuliert der Analyst.