Die Trendwende in der türkischen Außenpolitik während der letzten Wochen war unübersehbar und widerspricht den Interessen der USA und Saudi-Arabiens in der Region. Haben deren Geheimdienste beim Putschversuch mitgemischt? Die Beziehungen zwischen Ankara und Washington sind inzwischen sehr getrübt.
 

Es ist ein offenes Geheimnis, dass es im türkischen Militär noch genügend Kreise gibt, die mit der aktuellen politischen Führung des Landes nicht zufrieden sind. Vor allem jene Kräfte, die sich aus dem kemalistischen Selbstverständnis heraus als «Hüter der Verfassung» sehen und die Reislamisierungspolitik kritisch betrachten. Aber auch andere Punkte, wie die Außenpolitik oder der Umgang mit den Kurden im Südosten, wurden immer wieder moniert.

 

Der Versuch der USA, die Türkei als Punchingball gegen Russland einzusetzen und Saudi-Arabiens Intention, das Land als Operationsbasis gegen Syrien und den Iran zu nutzen, führten die Türkei in eine Sackgasse. Die türkische Wirtschaft begann zu leiden und eine zunehmende internationale Isolation sorgte für einen außenpolitischen Machtverlust. Doch Ersteres ist eine der Hauptgrundlagen für die Wahlerfolge von AKP und Erdogan und Letzteres verhindert seinen Traum von einem neoosmanischen Reich.
 

Das Ergebnis: Schrittweise wurden die gemachten Fehler korrigiert – bzw. zu korrigieren versucht. Ob es nun die Beziehungen zu Russland, Syrien und Israel sind, oder aber auch die Trendwende was die Unterstützung der «Rebellengruppen» in Syrien anbelangt.
 

Als Erdogan sich bei Putin für den abgeschossenen Militärjet entschuldigte, wurde wenig später der größte Flughafen des Landes – der Atatürk-Flughafen in Istanbul – von einem Terroranschlag erschüttert. Einige Tage später hatte die türkische Regierung demonstrativ nachgelegt und einen gemeinsamen Kampf der Türkei und Russland gegen den Terrorismus begrüßt. Einige türkische Medien verbreiteten sogar die Information, wonach russische Militärjets in der Militärbasis Incirlik willkommen seien. Wenig später wurde diese Meldung relativiert, kann aber als Warnschuss Erdogans an Washington verstanden werden. Die Türkei könnte der NATO den Rücken kehren und sich Russland und China zuwenden.
 

Für die imperialistischen Kreise in den USA wäre dies eine Horrorvorstellung. Von daher klingt es nicht als zu weit hergeholt, dass US-Geheimdienstkreise ihre Kontakte in der türkischen Armeeführung dazu instruierten, den Putschversuch zu starten. Dazu passt auch die von «Stratfor» verbreitete Meldung während des Putschversuchs, dass Erdogan angeblich «nach Angaben des US-Militärs» um Asyl in Deutschland angesucht habe und sich dorthin auf den Weg befinde.
 

Indessen wies US-Außenminister John Kerry den Vorwurf kategorisch zurück, die USA würden hinter dem Putschversuch gegen Präsident Erdogan stecken. Angesichts des «shadow states» bzw. des «deep states» in den USA ist es durchaus möglich, dass US-Geheimdienstkreise eigenmächtig handelten, ohne hierbei die US-Führung zu informieren. Für Erdogan ist es klar, dass der in den Vereinigten Staaten lebende Prediger Fetullah Gülen hinter dem Putschversuch stecken muss, mit dem er sich vor rund drei Jahren überworfen hatte. In Russland ist die Gülen-Bewegung schon seit einigen Jahren verboten, weil der FSB davon ausgeht, dass diese von der CIA unterwandert ist.

 

Von Marco Maier