Auch das Transparenzportal WikiLeaks wirft im Hinblick auf den Putschversuch in der Türkei unangenehme Fragen auf. Zudem kann man auf der Datenbank des Transparenzportals über 1855 Dokumente einsehen, die sich mit dem Generalstab der Türkei befassen. Vor allem der Kopf des Umsturzversuches Gul lebt in den Vereinigten Staaten, wie WikiLeaks wissen will.

 

Nachdem am Wochenende überwiegend über die Ereignisse in der Türkei berichtet wurde, haben auch die Journalisten von WikiLeaks recherchiert und interessante Aspekte eingebracht. Dem offiziellen Twitter-Account von WikiLeaks zufolge, schließe man eine Zusammenarbeit zwischen den Putschisten und den amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA nicht aus. Hier wurde ein Screenshot der Türkischen Patriotischen Partei getwittert, die von einer Zusammenarbeit zwischen Fetulah Gülen und den Amerikanern ausgehen.

 


 
Zudem sind über 1855 Dokumente die einen Bezug zum türkischen Generalstab haben, auf den Servern von WikiLeaks zugänglich. Der größte Teil dieser Daten stammt aus den „Global Intelligence Files“, also den E-Mails des Informationsdienstes Stratfor, die man vor wenigen Jahren von Hackern zugespielt bekam. Zudem befassen sich US-Depeschen aus verschiedenen Jahrzehnten mit dem türkischen Militär.
 

Insgesamt steigt die Anzahl der Dokumente derweil in die Höhe, da immer mehr Dokumente auf WikiLeaks einen Bezug zum türkischen Generalstab aufweisen und von den Journalisten markiert werden. Auch in den geleakten E-Mails der US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton spielt die Gülen-Bewegung eine Rolle. Insgesamt bietet WikiLeaks eine Fülle von Informationen, die der Wahrheitsfindung dienlich sein können und die gewöhnliche Berichterstattung der westlichen Leitmedien korrigieren.
 


 
Auch eine hybride Einwirkung Russlands zieht WikiLeaks in Erwägung, nachdem sich das russisch-türkische Verhältnis durch den Syrien-Krieg und den Abschuss der Su-24 verschlechterte und sich erst vor kurzen wieder zu normalisieren scheint. Allerdings spricht die Anzahl der Dokumente wohl eher für eine solche Einwirkung durch den Westen.
 


 
Zu berücksichtigen ist bei allen möglichen Schuldzuweisungen die Tatsache, dass es in der Vergangenheit immer wieder zu Unruhen in der Türkei kam. Ob die Aufstände vor drei Jahren auf dem Taksim-Platz oder die Terroranschläge in diesem Jahr. Zudem gehen viele Lehrmeinungen davon aus, dass ein sogenannter „Tiefer Staat“ die Türkei dominiert, also die enge Verflechtung zwischen Politik, Geheimdiensten und Militär, die seit Jahren eine Strategie der Spannung betreiben. All dies ist nicht ganz von der Hand zu weisen und stellt eine hochexplosive Mischung dar, unter der vor allem die Zivilbevölkerung in der Türkei leidet.

 

 
Auch wenn Präsident Erdogan kein Engel auf Erden ist und berechtigterweise ständig in der Kritik der Medien steht, so muss man der Türkei eingestehen, dass sie ein schweres Los gezogen hat und ein politischer Königsweg schier unmöglich erscheint. Deswegen sollten sowohl Politiker als auch Medien die Türkei mit Fairness und Respekt behandeln, was ebenfalls nicht einfach ist.

 

Von Christian Lehmann