Der türkische Präsident Erdoğan nennt 265 tote Menschen und über 1400 Verletzte ein »Geschenk Allahs«. Wie dieses Geschenk tatsächlich aussieht, und dass es weder etwas mit Demokratie noch mit Rechtsstaatlichkeit zu tun hat, zeigen nachfolgende Bilder.

 

Recep Tayyip Erdoğan will als Präsident seit geraumer Zeit eine stärkere Rolle – wie man es aus den USA, Russland oder Frankreich kennt – im politischen System spielen. Das türkische Staatsoberhaupt wird zwar direkt gewählt. Doch laut Gesetz hat der Präsident vor allem repräsentative Aufgaben. Um dies zu ändern, dürften Erdoğan die Geschehnisse der letzten Tage tatsächlich wie ein »Geschenk Allahs« vorkommen.

 

 

Hitler-Deutschland – ein Beispiel für Erdoğan

 

Welcher Vorbilder sich der türkische Despot bedient, um seinem Ziel, nämlich der Vereinigung von Zentralstaat und Präsidialsystem, näher zu kommen, das teilte er Anfang des Jahres den türkischen Medien laut und deutlich mit: »Es gibt aktuelle Beispiele in der Welt und auch Beispiele in der Vergangenheit. Wenn Sie an Hitler-Deutschland denken, haben Sie eines.« Wenn das Volk Gerechtigkeit erfahre, würde es ein solches System akzeptieren, so das Zitat im Spiegel.

 

Die Ereignisse rund um den Putsch, als eine Gruppe von Militärs versucht haben soll, in der Nacht zum Samstag Staatschef Erdoğan zu stürzen und die Macht an sich zu reißen, erscheinen in Folge der durch Erdoğan getroffenen Maßnahmen in einem zunehmend obskuren Licht. Immer mehr Stimmen werden laut, die die Echtheit der groß angelegten Aktion in türkischen Städten wie Istanbul und Ankara anzweifeln.

 

In diese Richtung argumentiert auch die ehemalige Kölner SPD-Bundestagsabgeordnete und Islambeauftragte Lale Akgün, die in ihrem Facebook-Eintrag schreibt:

 

»Wenn ich eins und eins zusammenzähle, komme ich nicht umhin, denen recht zu geben, die schon um 23.00 Uhr am 15. Juli von einer ›Inszenierung‹ der Regierung sprachen.

Die Gründe liegen auf der Hand:
1. Die Zivildiktatur vorantreiben.
2. Die immer stärker werdende Kritik aus dem Ausland zum Schweigen bringen.
3. Eine Säuberungsaktion beim Militär durchführen, um die verbliebenen Gülen-Anhänger zu eliminieren. Diese Säuberungsaktion wird auch die Justiz und die Polizei betreffen.«

 

 

»Sag es, und wir töten, sag es, und wir sterben«

 

Spätestens dann jedoch, wenn Erdoğan bezüglich des Putschversuchs von einem »Geschenk Allahs« spricht, das es ihm ermögliche, die »Reinigung des Militärs« zu beschleunigen und dann stehenden Fußes in einer Säuberungsaktion über 6000 Menschen festzunehmen – darunter Tausende Generäle, Soldaten und Richter –, spätestens dann dürfte klar sein, wer der eigentliche Gewinner dieser Aktion ist.

 

Nach offiziellen Angaben sollen bei dem von wem auch immer initiierten Putsch mindestens 265 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 1400 verletzt worden sein. Welcher unglaublichen Gewaltbereitschaft und welcher Ergebenheit sich Erdoğan in seiner Anhängerschaft sicher sein kann, das bewies diese spätestens am Samstagmorgen, als mehrere Tausend ihrem Führer am Atatürk-Flughafen huldigten und ihm zuriefen: »Hier die Armee, hier der Kommandant«, skandierte die hysterische Menge. »Sag es, und wir töten, sag es, und wir sterben«, und dazwischen immer und immer wieder: »Allahu akbar!« – »Allah ist größer«.

 

 

»Sie wurden gelyncht, manche sogar enthauptet, à la Islamischer Staat«

 

Abut Can, Migrationsbeauftragter in der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg, zeigt auf seinem Facebook-Account, welches Antlitz das von Erdoğan so gepriesene »Geschenk Allahs« tatsächlich hat: »So sahen das ›Geschenk Gottes‹ und dessen ›Boten‹ aus – ›Islamischer Staat‹ light, mit Tauhīd-Zeichen [der erhobene Zeigefinger] und Allahu-akbar-Rufen.«

 

Nach Cans Ansicht wurden jene Soldaten, die es sich nicht leisten können, sich vom Wehrdienst freizukaufen, instrumentalisiert und getötet. Es seien die Söhne der Ärmsten der Armen in der Bevölkerung. Die auf seinerFacebook-Seite veröffentlichten Fotos zeigen Heerscharen von strenggläubigen Muslimen, die sich landesweit auf öffentlichen Plätzen versammelten. Can präsentiert jedoch auch Aufnahmen von gefangengenommenen Soldaten, die mit angstverzerrten Gesichtern in die Kamera blicken. Des Weiteren sind Bilder von misshandelten, gefolterten und ermordeten Soldaten zu sehen, die aufzeigen, wie das »Geschenk Allahs« an Erdoğan wirklich aussieht. »Sie wurden gelyncht, manche sogar enthauptet, à la ›Islamischer Staat‹. Das ist mehr als ein Tabubruch in der türkischen Geschichte; ein neues Kapitel«, so das traurige Resümee Cans.

 

 

Erdoğans ergebene Gefolgschaft in Deutschland und Österreich

 

Dass Erdoğan auch in Deutschland und Österreich auf eine getreue, starke Gefolgschaft von Hunderttausend Mitgliedern zurückgreifen kann, wurde in der Putschnacht einmal mehr deutlich. Konnten die letzten Anschläge in Paris, Brüssel oder Nizza nur wenige türkischstämmige Muslime auf die Straße bewegen, so fanden sich diesmal allein in Düsseldorf unter lauten »Allahu akbar«-Rufen mehr als 1400 Personen zusammen, in Duisburg sollen es mehr als 3000 gewesen sein.

 

Vor der Botschaft in Berlin waren mehr als 4000 Demonstranten, darunter in erster Reihe gut sichtbar durch das Wolfszeichen Anhänger der faschistischen »Grauen Wölfe«, die in einem roten Fahnenmeer ihrem Führer huldigten und ihm ihre bedingungslose Unterstützung zusagten. In Wien demonstrierten unter einem türkischen Fahnenmeer rund 4000 AKP-Anhänger in der Nacht zum Samstag vor der türkischen Botschaft.

 

»Allahs Geschenk« an Erdoğan scheint sich nicht im dubiosen Putsch zu erschöpfen. Sein Geschenk an den türkischen Despoten spiegelt sich auch in seiner ergebenen Anhängerschaft, seiner Fünften Kolonne, den Auslandstürken, wider.

 

Allahs Geschenk an Erdoğan: Hinweis: Achtung – Bildreihe enthält Aufnahmen extremer Gewalt!

 

 

Von Birgit Stöger