Nizza, Türkei, Armenien, Kasachstan – überall scheint gerade die Luft zu brennen. Ob man Parallelen zwischen den Anschlägen und versuchten Umstürzen ziehen kann und was die gegenwärtige Instabilität und Verletzbarkeit im Inneren für die NATO bedeuten — das hat Sputnik den Terrorismusexperten Rolf Tophoven gefragt.

 

 

Herr Tophoven, innerhalb weniger Tage sind beinahe gleichzeitig verschiedene Unruheherde in der Welt aufgeflammt: Der Anschlag in Nizza, die Putschversuche in der Türkei und Armenien, der Angriff auf die Polizeistation in Almaty. Kann man hier von einem Zusammenhang sprechen?
 

Ich würde nicht unbedingt einen Zusammenhang sehen, zwischen dem, was in Armenien passiert oder in Nizza und was in der Türkei passiert ist. Ich sehe da keinen Zusammenhang, was die Türkei betrifft, zumal es ein Aufbegehren gegen das Regime oder die Politik von Präsident Erdogan ist.

 

In Nizza, da ist die Tat vielleicht etwas anders, da gibt es ja mehr und mehr Indikatoren, die diesen Mann in die islamistische Szene rücken, von daher dann auch die Spur zum IS, der ja bereits seine Partnerschaft zu dem Attentäter erklärt hat bzw. den Mann als Soldaten des sogenannten Islamischen Staates deklariert hat.

 

 

Erdogan wird ja bezichtigt, Waffen an den IS geliefert zu haben. Kann man eine bestimmte Verbindung zwischen dem Putschversuch und dem Terrorismus sehen? 

 

Das glaube ich nicht. Die eine Seite ist die bisherige Duldung Erdogans gegenüber dem IS oder besser gesagt, dass er erlaubt hat in der Vergangenheit, massiv europäische Kämpfer über die türkisch-syrische Grenze zum IS zu lassen – das ist ja inzwischen abgestellt. Er hat ja auch einen politischen Wechsel vorgenommen: Er war ursprünglich gegen die Fortführung des Regimes von Präsident Assad in Syrien, er wollte Assad stürzen. Dann hat er sich mit Russland verbündet, dann gegen den IS massiv gekämpft und ist jetzt, was Assad betrifft, sozusagen auf der anderen politischen Seite. Aber einen Zusammenhang zwischen dem Putsch gegen Erdogan und der Politik früher bezüglich des sogenannten Islamischen Staates – das sehe ich derzeit nicht.

 

 

Nun gingen ja jetzt Bilder von den Soldaten der Armee um die Welt, die festgesetzt wurden und die öffentlich von bärtigen Männern bestraft werden, von denen man vielleicht annehmen kann, dass sie etwas konservativere Ansichten haben. Ist eine islamistische Radikalisierung in der Türkei wahrscheinlich, was meinen Sie?

 

Es ist sicher ein Faktum, dass unter Präsident Erdogan eine Zug um Zug erfolgte stärkere Hinwendung zu einer Islamisierung in der Türkei stattgefunden hat. Auf der anderen Seite ist auch Faktum, dass ja jetzt plötzlich alle Parteien – auch die Opposition – in der Türkei den Putsch gegen Erdogan verurteilen, dass man sich hinter ihn stellt. Und wir müssen hier einfach die demokratischen Spielregeln auch in der Türkei zunächst einmal akzeptieren. Er hat seit 2002 mit seiner Partei, der AKP, keine Wahl verloren und ist ja auch auf diese Weise am Ende zum Staatspräsidenten gewählt worden. Was jetzt in der Türkei passiert ist, ist schlichtweg ein relativ unvorbereiteter und wenig erfolgversprechender Putsch einiger Offiziere und Soldaten gewesen, Erdogan zu stürzen. Aber die weltweite Solidarität mit ihm – trotz mancher Politik, die man nicht akzeptieren kann im Innern der Türkei – ist ja auch ein Signal, dass er zunächst einmal fest im Sattel sitzt, auch was die Anerkennung, die Reputation in der internationalen Politik betrifft.

 

 

Nun ist ja die Türkei mit ihrer Armee bei NATO-Einsätzen als zweitstärkstes Mitglied vertreten. Wie ist es dann zu bewerten, dass gerade die türkische Armee einen Putschversuch unternommen hat?

 

Das hängt damit zusammen, dass Erdogan im Laufe seiner Regierung mehr und mehr die Armee in ihrer Stellung entmachtet hat. Offensichtlich ist es aber wohl so gewesen, dass Einige die Stunde X für gekommen sahen, um gegen ihn zu putschen. Aber die Armee hat eben in der Türkei seit dem letzten Putsch von 1980 nicht mehr die Rolle gespielt, die sie früher einmal gespielt hat und es hat sehr viele Verfehlungen damals unter der Militärdiktatur gegeben. Das haben die Leute nicht vergessen.

 

Das Faszinierende ist im Grunde am ganzen Scheitern des Putsches gegen Erdogan, dass er sehr clever, sehr geschickt das Internet, die sozialen Netzwerke genutzt hat, um diesen Putsch von der Masse der türkischen Bevölkerung eliminieren zu lassen. Er hat über die sozialen Netzwerke das Volk aufgerufen, auf die Straße zu gehen. Die Menschenmassen waren gegen die Putschisten, gegen die Panzer stärker, als die Schussmöglichkeiten der bewaffneten Putschisten.

 

 

Wenn wir uns das jetzt ansehen: Frankreich, Türkei. Die Feinde scheinen die NATO ja quasi von innen anzugreifen. Sollte die Nato da nicht umdenken, was ihre Feindbilder und ihre Verteidigungsstrategien angeht?

 

Ich denke mal, zunächst muss die NATO eben auch der Herausforderung des internationalen Terrorismus begegnen. Ich bin kein NATO-Spezialist, aber ich weiß, dass die NATO insofern schon umdenken musste, nachdem Präsident Putin in Syrien ja durch Truppeneinsatz, durch Luftwaffeneinsatz vollendete Tatsachen geschaffen hat. Heute muss die westliche Politik sich mit Präsident Putin, mit der russischen Politik, was die Bekämpfung des IS betrifft, abstimmen, damit Flugzeuge nicht aufeinander knallen bei den Flugbewegungen und —angriffen gegen den IS.

 

Grundsätzlich muss einfach der NATO-Dialog mit Russland weiter fortgesetzt werden. Man muss reden, wenn es wirklich zu einer Konfrontation kommt, aber diese Konfrontation sehe ich im Augenblick nicht.

 

Interview: Ilona Pfeffer, Sputniknews