Die Sperrung des Luftwaffenstützpunktes Incirlik während des Putschversuches gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat in den USA große Sorge um die dort gelagerten Atomwaffen ausgelöst, schreibt die „Nesawissimaja Gaseta“ am Dienstag.

 

Mehrere US-Zeitungen äußerten Besorgnis angesichts der Informationen aus der Türkei über zeitweilige Maßnahmen der türkischen Behörden zur Sperrung des Luftstützpunkts Incirlik und des Luftraums für US-Militärflugzeuge. Diese Besorgnisse sind in erster Linie damit verbunden, dass auf dem Stützpunkt US-amerikanische taktische Nuklearwaffen gelagert werden.

 

Laut dem US-Atomexperten Hans Kristensen befinden sich in den unterirdischen Lagern des Stützpunktes mehr als 50 Bomben vom Typ B-61. Bekannt ist, dass Waffen dieses Typs in der Türkei 25 Prozent der gesamten taktischen Atomwaffen ausmachen, die Washington in Europa unter Nato-Schirmherrschaft lagert.

 

Ähnliche Lager befinden sich in Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Italien. Laut dem Magazin „New Yorker“ sind in Europa bis zu 200 taktische Atomwaffen stationiert. Nach anderen Angaben handelt es sich um mehr als 480 Stück. Diese Waffen zielen auf die Abschreckung Russlands ab, allerdings machen die US-Medien nicht auf diese Tatsache aufmerksam. Ihre Besorgnisse hängen auch nicht damit zusammen, dass der Stützpunkt Incirlik nahe Syrien liegt. Die US-Zeitungen machen auf das Vorgehen der türkischen Behörden aufmerksam, die den Stützpunkt gesperrt hatten, wonach eine – wenn auch rein hypothetische – Bedrohung für die Sicherheit der US-Atomsprengköpfe entstanden war.

 

Versuche, die taktischen Atomwaffen in Europa abzubauen, wurden von Washington und Moskau bereits zu Sowjetzeiten unternommen. Einer davon, die so genannte „Präsidenteninitiative“, wurde 1991-1992 beinahe umgesetzt, unterlag allerdings nicht der Prüfung durch Inspektoren und hatte keine Fortsetzung.

Laut Wladimir Kosin vom Russischen Institut für strategische Studien hing die Unmöglichkeit, die Reduzierung der Zahl dieser Waffen in Europa zu vereinbaren, früher damit zusammen, dass Russland als Vorbedingung wiederholt von den USA gefordert hatte, ihre taktischen Atomwaffen völlig vom europäischen Kontinent abzuziehen.

 

Nach 2014 änderte sich die Situation wesentlich. Heute schließen Washington und Brüssel die Abschreckung Moskaus nicht aus. Die gemeinsamen Nato-Streitkräfte sind der Armee Russlands deutlich überlegen, das seine eigenen taktischen Atomwaffen als Mittel zur Abschreckung einer möglichen Aggression der Allianz betrachtet. Russland verhehlt nicht, dass es bei einer Bedrohung der Existenz das Atomarsenal als erstes einsetzen könnte. Laut vielen Militärexperten sind diese Waffen für Moskau ein politisches Instrument. Die USA stufen die in Europa stationierten taktischen Atomwaffen in vielerlei Hinsicht als strategische Waffen ein, weil sie fast jeden europäischen Teil Russlands erreichen können, während das US-Territorium für russische taktische Atomwaffen unerreichbar ist.

 

Übersetzung: Sputnik