Recep Tayyip Erdoğan hat beim geopolitischen Spiel ein Maß an Beteiligung beansprucht, für das er nach Ansicht des Moskauer Politologen Sergei Michejew nicht aufkommen konnte. Für die Nachbildung des Osmanischen Reiches hatte er einfach nicht genug Ressourcen.

 

„Beim gescheiterten Staatsstreich konnte er seine Macht nur taktisch retten. Der Putsch an sich zeugt von Problemen, die er nicht lösen wollte und konnte. Stattdessen sieht man jetzt eine Repressionswelle. Die Anzahl der Verhafteten geht in zig tausende“, betonte Michejew, Leiter des Instituts für die Kooperation im Raum des Kaspischen Meeres.

 

Zu den Gründen, warum der Militäraufstand schnell niedergeschlagen werden konnte, meinte Michejew, dass der Putsch schlecht vorbereitet worden war.

 

„Erdoğan haben Tausende Anhänger seiner Partei AKP geholfen, die auf die Straße gegangen sind. Dabei gelang es den Militärs nicht, ihre Losungen deutlich zu artikulieren. Sie wandten sich nicht an das Volk und konnten ihre Anhänger nicht mobilisieren. Konnte man in den 60er Jahren davon absehen, ist es heute, in der Zeit des Fernsehens und anderer Medien, kaum noch entbehrlich. Da die Staatsführung in Freiheit blieb und nicht ins Ausland verdrängt wurde, standen die Chancen der Putschisten ganz schlecht.“

 

Sergej Michejew bezweifelt, dass der Umsturz von den USA organisiert worden war. Ausreichende Nachweise dafür bleiben aus. „Wahrscheinlich gefällt Erdoğan den USA nicht, vielleicht hatten sie von der Vorbereitung des Putsches gewusst. Vorläufig lässt sich aber nur von einer zwiespältigen Haltung der USA sprechen, da sie mit der Reaktion ziemlich lange gezögert und anfangs nicht einmal Erdoğans Namen genannt haben.“

 

Was die Beziehungen zu Russland betrifft, so wurde Erdoğan noch vor dem Staatsstreich klar, dass „er bei seiner Auseinandersetzung mit Russland die Latte zu hoch gelegt hatte“, so Michejew.

 

„In einer Situation, wenn sich seine Beziehungen zu den USA und Europa schwierig gestalten, wenn es in Syrien für ihn ernsthafte Probleme gibt, kann er eine tiefe Krise in seinem Verhältnis zu Russland nicht brauchen. Die kann er weder wirtschaftlich noch geopolitisch bewältigen.“

 

Auch sein Appell an Putin zeuge davon, dass er sich einen Kompromiss mit Russland wünsche, ist sich der Experte sicher. „Jetzt, nach dem Militärputsch, wird für ihn eine äußere Stütze umso wichtiger. Deshalb wird er den Weg einer Normalisierung der Beziehungen zu Russland einschlagen. Russland aber wird sich damit Zeit nehmen. Jetzt gilt es, eine vorteilhaftere Verhandlungsposition zu gewinnen.“ Dennoch wird bereits ein Treffen von Erdoğan und Putin im August dieses Jahres ins Auge gefasst.

 

Der Chefredakteur der Zeitschrift „Probleme der nationalen Strategie“, Adschar Kurtow, glaubt ebenfalls nicht an eine Inszenierung des Staatsstreiches.

 

„Kann sein, dass Voraussetzungen speziell geschaffen wurden, damit das Militär vorzeitig zu Felde zog. Ein Potential an Unzufriedenheit war nämlich da, und es wurde höchstwahrscheinlich zu dieser Aktion einfach provoziert.“

 

Nicht zufällig verlange nun Erdoğan unerbittlich nach Blut seiner politischen Opponenten, so der Politologe. Er wolle seinem Sieg ein Maximum an Vorteilen abgewinnen. Sieger stelle man nicht vor Gericht. Nun würden Erdoğans Umfragewerte noch mehr steigen, und das trotz der Spaltung der türkischen Gesellschaft. „Durch die Verhaftung einiger Tausend Richter, die mit dem Umsturz nichts zu tun haben, beseitigt er diejenigen, die einer verfassungsmäßigen Etablierung seiner Machtstellung und dem Übergang zur präsidialen Republik im Wege gestanden haben.“

 

Künftig werde das Regime davon ausgehen, dass es stark geworden sei und eine radikalere Linie durchsetzen könne, vermutet Kurtow. Nun sei der Kern der türkischen Staatlichkeit in Form der Streitkräfte endgültig beseitigt, fügte der Experte hinzu. Dies werde aber negative Folgen nach sich ziehen. „Es lässt sich also nicht von einem Sieg der Demokratie bzw. des Volkes sprechen.“

 

Quelle: Sputnik