Die ukrainische Ex-Kampfpilotin Nadja Sawtschenko, die nach monatelanger Haft in Russland im Mai als Volksheldin in ihre Heimat zurückgekehrt war, hat am Freitag überraschend dazu aufgerufen, die Familien der Toten im Donbass um Vergebung zu bitten. Die Kiewer Regierung reagierte schockiert.

 

„Wir werden vieles vergeben müssen. Wir werden sicher auch um Vergebung bitten müssen. Wir müssen lernen, um Vergebung zu bitten und zu vergeben. Sonst gibt es keinen Frieden“, sagte die 35-jährige Bomberpilotin, die einst selbst im Donbass gegen die dortige Volkswehr gekämpft hatte, in einem Interview für den TV-Sender „5. Kanal“.

 

Sawtschenko, bisher für ihre Härte gegenüber dem Donbass bekannt, rief nun dazu auf, „jene Mütter um Vergebung zu bitten, die ihren einzigen Sohn verloren haben, egal auf welcher Seite“. Die Kriegsparteien sollten „miteinander reden“ und „einander zuhören“, so Sawtschenko, die sich erst vor kurzem noch bereiterklärt hatte, wieder im Donbass zu kämpfen.

 

Mit ihrem neuen Statement sorgte Sawtschenko, mittlerweile Abgeordnete des ukrainischen Parlaments, für Verärgerung bei den Hardlinern in Kiew. „Nun haben wir den Salat“, kommentierte Anton Geraschtschenko, Berater des ukrainischen Innenministers Arsen Awakow. „Als ich Nadeschda Sawtschenkos Zitat las, glaubte ich meinen Augen nicht, bevor ich mir ihr Interview ansah“, schrieb Geraschtscheko auf Facebook.

 

Dabei räumte er ein, dass Sawtschenko die Kommandeure der Donbass-Volksmehr Giwi und Motorolla wirklich um Vergebung bitten müsse. „Wir aber werden mit zusammengepressten Zähnen durchhalten und um die Befreiung unseres Landes kämpfen“, so der Regierungsberater.

 

Sawtschenko hatte 2014 als Mitglied des rechtsextremen Bataillons  Aidar gegen Volksmilizen im Donbass gekämpft. Sie wurde gefangen genommen und von einem russischen Gericht  wegen Beihilfe zur Ermordung von zwei russischen Journalisten schuldig gesprochen. Am 25. Mai wurde die zu 22 Jahren Haft verurteilte Ukrainerin von Russlands Präsident Waldimir Putin begnadigt und kehrte noch am selben Tag nach Kiew zurück: Sie stieg barfuß aus dem Flugzeug und erklärte, wieder in den Donbass fahren zu wollen, um „auf dem Schlachtfeld ihr Leben für die Ukraine zu opfern“.

 

Bei ihren nächsten Medienauftritten beschimpfte Sawtschenko unter anderem Journalisten als Hunde und Abgeordnete als Faulenzer und erklärte sich bereit, Präsidentin zu werden. Auch rief Sawtschenko zu Verhandlungen mit den selbsterklärten „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk auf. Ihre Aussagen sollen bereits zu Spannungen mit den Machteliten geführt haben.

 

Mehr als 9.000 Tote

 

In der ostukrainischen Kohleindustrieregion Donbass (Donezbecken) herrscht seit Frühjahr 2014 Krieg. Der Auslöser war der gewaltsame Umsturz vom Februar 2014 in Kiew, bei dem die ukrainische Opposition die Macht übernahm und eine von Nationalisten geprägte Übergangsregierung stellte. Die neue Regierung schickte Truppen gegen die östlichen Gebiete Donezk und Lugansk, weil diese den dubiosen Machtwechsel nicht anerkannt und zuerst mehr Selbständigkeit gefordert und dann unabhängige „Volksrepubliken“ ausgerufen hatten.

 

Bei Gefechten zwischen der regulären Armee und nationalistischen Freiwilligenbataillonen auf der einen Seite und den lokalen Volksmilizen auf der anderen sind laut UN-Angaben mehr als 9.000 Menschen getötet worden. Rund 1,5 Millionen Einwohner flüchteten vor dem Krieg teils ins benachbarte Russland, teils in die zentrale und westliche Ukraine. Seit September gilt im Donbas eine Waffenruhe, die von beiden Seiten jedoch immer wieder verletzt wird.

 

 

Quelle: Sputniknews