Der Tag, an dem Deutschland stillstand, begann um 17:52 Uhr. Ali Sonboly (18) ballerte in einem Münchner McDonald‘s los. Erst drinnen. Wahllos. Dann stürmte er raus. Vor der Tür baute der Iraner mit deutschem Pass sich lässig auf, hob die offenbar großkalibrige Pistole, zielte kurz … Peng!Peng! … Peng Peng Peng Peng Peng Peng … Peng! Die Smartphone-Kamera, die alles filmte, fing an zu wackeln, schwenkte nach unten … Keramikfliesen. Eine türkisch gefärbte Stimme im Off: »Eh, wie krank bist du denn?«, dann, mitten in die Wackelbilder rein: »Der kommt hierher … lauft!«

 

Während im Münchner Olympia-Einkaufszentrum das Sterben begann … während die deutsche Journaille von Spiegel bis Bild, von ZDF bis N24 zu stammeln anfing … während die BBC die ersten Augenzeugen Englisch live radebrechen ließ … während die großen US-Networks ihre Programme unterbrachen … während die Polizei erst drei, dann sechs, sieben, schließlich neun Tote zählte … während US-Präsident Obama im Fernsehen jede Hilfe versprach … Während sogar der türkische Außenminister Richtung Deutschland den Terror verfluchte … machte unser aller Bundeskanzlerin Angela Merkel, was sie am besten kann: nichts! Absolut nichts! Die Dame machte Weekend!!

 

Aber sie lässt sich von den Ereignissen in München »laufend« berichten, laberten irgendwann ihre Medien-Megafone eilfertig bis beflissen los …

 

Ein paar Tage, nachdem im Zug in Würzburg ein afghanischer Flüchtling (17) mit der Axt ein chinesisches Urlaubs-Pärchen zerhackte, schon wieder ein Massaker? Schon wieder Moslem? Wieder IS? Nein, diesmal nur ein Iraner, in Deutschland geboren, deutscher Pass, Schüler. Natürlich wusste keiner zu diesem Zeitpunkt irgendwas. Natürlich konnten alle nur mutmaßen, fürchten, hoffen. Die einen, weil nicht schon wieder sein durfte, was sich in Nizza, trotz aller anfänglicher vorsorglicher Dementi, dann doch als eiskalter, monatelang geplanter IS-Massenmord mit über 80 Toten herausstellte. Die anderen, weil sie mit bebendem Tremolo bis zuletzt geleugnet hatten, dass der Axt-Afghane »Allahu akbar« geschrien hatte, eben doch Flüchtling war. Auch hinterher immerhin noch ein eigentlich ganz lieber, braver. Eigentlich …

 

Nun also München. Der Abend, der zur längsten Nacht des Jahres werden sollte, zeigte zweierlei: Stell dir vor, es ist Freitag, 18 Uhr, und der Himmel fällt Deutschland auf den Kopf:

 

Politik? Längst Wochenend und Sonnenschein – oder auf »Heimat-Termin«! Journaille? Lieblings-Italiener oder auf »Reportage« … In den ZDF-Heute-Nachrichten um 19 Uhr eine nette, ziemlich überforderte Moderatorin namens Barbara Hahlweg. Und der offenbar unvermeidliche »Sicherheitsexperte« Elmar Theveßen (ja, genau die Pfeife, die seinerzeit entschied, nicht über die Silvester-Sexverbrechen der »Schutzsuchenden« zu berichten).

 

Klar, dass von Anfang an in München »Moslem-Terror« wie eine Giftgaswolke in der Luft hing. Auf den Stimmbändern der ZDF-Moderatoren dagegen schien nur Kreide zu liegen:

 

Ja, die Polizei spricht von vielen Verletzten … Nein, nach Terror sieht es nicht aus … Grotesk dann die Tagesschau.Sie machte nach 20:15 Uhr einfach als eine Art Brennpunktweiter: Ein stocksteifer, bis zum Hals zugeknoteter Jens Riewa mimte Journalist, fragte um 20:23 Uhr einen verflunschten Eckhart Querner, Reporter beim Bayerischen Rundfunk, der gut 500 Meter vom Tatort in Sicherheit stand: Können Sie uns »ganz genau« sagen, wie der Stand der Ermittlungen ist? Und der offenbar völlig verängstigte Mann »schilderte«: Wir haben etwa 100 bis 200 Polizeifahrzeuge vorbeifahren sehen, teilweise mit schwerbewaffneten Polizisten an Bord. Möglicherweise gibt es mehrere Tote …

 

Der »Tatütata«-Reporter stammelte gefühlte Ewigkeiten im Kreis und auf der Stelle, manchmal wollte der stocksteife Riewa es aber genauer wissen: Können Sie noch mal »ganz genau den letzten Stand« mitteilen? Und der Reporter Querner wiederholte immer noch mit Flunsch: Ich stehe hier an der Straße, der Verkehr wird weniger (die Straße war leer): »Die Lage ist wirklich ernst…«

 

Auch Reporter Richard Gutjahr durfte ins Bild. Der war schon in Cannes dabei (?!), und der stand offenbar noch weiter weg: Das Einkaufszentrum sei geräumt, die Menschen hätten sich in den umliegenden Wohnhäusern verschanzt … Dann, gegen 20:45 Uhr, entdeckt ein Reporter namens Sebastian Kraft, dass der Hubschrauber wieder kreist, er hört sogar wieder Tatütata. Aber: »Nein, Terror würde ich noch nicht sagen…«

 

Da lief auf N24 längst in Endlosschleife der Massenmörder in action über die Mattscheibe: jung, dunkelhaarig, schwarzes T-Shirt mit irgendwas Weißem auf der Brust, rote Weste. Er stürmte in Dauer-Wiederholung aus dem Big-Mac-Laden, baute sich vor dem Eingang auf, hob die Knarre, ballerte los: Peng!Peng! … Peng Peng Peng Peng Peng Peng … Peng! Peng! Dann ein anderes Filmchen, von oben, runter auf ein Parkdeck: Offenbar wieder der Typ mit der Knarre von vorhin. Baggerfahrer Thomas Salby (57), der sein Feierabendbier auf dem Balkon trank, schrie: »Arschloch … Wichser«! Der schrie zurück: »Ich bin Deutscher …« Zwei Schritte vor: Peng! Peng! Einschusslöcher am Balkon …

 

Während auch die BBC in London den »Wichser« vor dem Mc Do und auf der Garage längst zeigte, berichtete ein Augenzeuge bei n-tv: Er hat schon drinnen geschossen, er trug Springerstiefel und einen roten Rucksack. Endlich zeigte auch RTL-Ableger n-tv die Schieß-Sequenz – das Gesicht des Massenmörders natürlich »vernebelt«. Wie viel später, sogar noch am Tag danach, verpixelten auch die öffentlich-rechtlichen Gebührenkassierer selbstredend das Gesicht des Mörders.

 

Immerhin, irgendwann am Mordabend hatte es auch ZDF-Gebühren-Millionär Claus Kleber auf den Lerchenberg in Mainz ins ZDF-Programm geschafft. Und – natürlich – holte er sofort Richtung bayerische Polizei aus: Hat die Polizei vielleicht doch zu lange gebraucht zum Tatort? Offensichtlich merkte er, dass er saudumm daherzuquatschen begann, ruderte zurück, will das »nicht als Vorwurf gemeint« haben … Dann: Der Täter ist entweder ein Psychopath, Rechtsextremer (sic) oder Terrorist! Zwischen allen Zeilen: kein Flüchtling, keiner vom IS.

 

Auch Tagesthemen-Silberlocke Thomas Roth hat‘s um 22:05 Uhr endlich ins Studio geschafft. Gemeinsam mit dem geschassten Ex-Spiegel-Chef Georg Mascolo räsoniert er bis nach Mitternacht über »theoretische Überlegungen« … die »Häufung« der »Ereignisse« … ob es eventuell doch »denkbar« … ein islamistischer Hintergrund vorhanden sei … Und der Herr Mascolo sagt finster und fest »einerseits« … »andererseits«. Zwischendurch – US-Präsident Obama war längst via Satellit rund um den Globus auf Sendung – schiebt sich auch der massige Kanzleramtsminister Altmaier (Welt: »Die ideale Fehlbesetzung«!) hinters Mikro, bedankt sich im Namen von Kanzlerin Merkel, verspricht, dass Innenminister de Maizière »morgen« in einer Pressekonferenz Rede und Antwort stehen werde.

 

Das geschah tatsächlich, der Herr Innenminister hat sogar den Flieger, der schon kurz vor den USA war, wieder umdrehen lassen, um den Journalisten in der Heimat zu sagen, dass er nichts sagen könne (Ermittlungen!), er »aufgewühlt« sei (Donnerwetter!), er zu »Besonnenheit« mahne, »wir alles in unserer Macht Stehende tun«, um »Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten«. Ach so, auch dann sagte er noch: Vielleicht war die Pistole ja eine umgebaute Deko-Waffe …

 

Minister de Misere eben: Die »Deko-Waffe« war eine Glock, 9 mm, die Seriennummer war rausgefeilt, 300 Patronen im roten Rucksack; neun Tote, ein Selbstmord (Kopfschuss, »Linkshänder«), 27 Verletzte, sieben schwer. Bild Online: »ImZimmer von Ali fanden die Ermittler … auch ein Buch … Titel ›Amok im Kopf – Warum Schüler töten‹.« Kein Hinweis auf Flüchtlinge, kein Bezug zum IS. Er sei angeblich in der Schule von Türken und Arabern gemobbt worden …

 

Was bleibt? Ein Massenmord. Von einem Iraner namens Ali. Mit deutschem Pass. Und ein Meer von Tränen. Und ein Tal voller Seufzer der Erleichterung von Moslem-Muttchen Merkel. Auch wenn sie, 24 Stunden zu spät, bei der Aufzeichnung ihrer abgelesenen Rede immer an die Decke guckte statt in die Kamera: kein IS-Terror-Anschlag. Jedenfalls nicht beim Stand der Ermittlungen heute …

 

 

Von Peter Bartels