Die Schlagzahl der Schreckensmeldungen in Europa erhöht sich. Geiselnahme und Massenmord islamistischer Terroristen während eines Konzerts; die Ermordung Dutzender Kinder, Frauen und Männer auf einer Promenade am französischen Nationalfeiertag; ein Amokläufer, der mordend durch eine Großstadt läuft; ein mutmaßlich minderjähriger Asylbewerber, der in einem Regionalzug mit Axt und Messer auf Reisende losgeht; die Islamisten, der einem Priester in der Kirche die Kehle aufschlitzt; sie alle eint die Abscheulichkeit ihrer Tat und die Brutalität der Bilder, die sie hinterlassen.

 

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Sollten Behörden Tatfotos und -videos an die Medien weitergeben und Bürger direkt mit der schieren Unmenschlichkeit der Motive konfrontieren? Sollen die Täter-Fotos ganze Titelseiten einnehmen und tagelang in der Presse kursieren? In Frankreich ist nach dem Terroranschlag von Nizza eine Diskussion darüber entbrannt.

 

Superstar Terrorist?

 

Ein 18 Jahre alter Schüler hat eine Internetpetition gegen die Veröffentlichung von Terroristenporträts gestartet. Über 60.000 Menschen stimmten dem jungen Mann zu und setzten ihre Unterschrift unter die Forderung. „Was bringt es uns, die Identität eines Massenmörders zu kennen? Warum machen wir aus ihnen Superstars?“ Die Frage ist berechtigt, scheint man den Tätern gerade damit in die Karten zu spielen, wo doch eine größtmögliche Publicity oft zu ihren Zielen gehört.

 

Der Schein trügt. Dank Internet und sozialer Netzwerke sind Terrororganisationen und einzelne Täter ohnehin nicht mehr auf klassische Medien angewiesen, um ihre Taten öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen. Es geht um mehr. Es geht um die Bevormundung, dem einfachen Bürger nicht zuzutrauen, Details und Bilder von Tat und Täter zu ertragen ­­– und es geht um Emotionen.

 

 

Emotionen sind wichtig

 

Eine französische Polizistin ging jetzt mit der brisanten Information an die Öffentlichkeit, sie sei aus dem Innenministerium angehalten worden, ihren Bericht über das Polizeiaufgebot in Nizza abzuändern und Überwachungsvideos zu löschen. Nachdem sie ablehnte und den Bericht über die Auswertung der Videos zu Nizza abgeliefert hatte, habe sie die Antiterror-Abteilung des Innenministeriums aufgefordert, diejenigen Videos zu löschen, „die den Anschlag gefilmt haben“. Begründung: Die Bilder sollten nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

 

Meldungen über Terroranschläge emotionalisieren: Haß, Wut, Angst, Trauer, Hilflosigkeit ­– es hätte jeden treffen können. Schlimme Details läßt man da am besten weg, die Leute sind ohnehin schon aufgebracht. Und doch verlangen die Bürger nach solchen Informationen. Sie sind wichtig. Ob das Foto eines Täters oder Hintergründe und Vorgehensweise: sie helfen, das sprichwörtlich Unbegreifliche greifbar zu machen.

 

 

Verschweigt nichts

 

Das Volk, das sich einem aufgezwungenen Terror stellen muß, kommt auch mit dessen Brutalität zurecht, ohne daß sich ein aufgebrachter Mob zusammenrottet und Unschuldige jagt. Terroranschläge, das zeigen die jüngsten Beispiele, können jeden treffen. Sie beängstigen gerade wegen ihrer Wahllosigkeit und Spontanität. Deshalb hat auch jeder das Recht, alle Details darüber zu erfahren.

 

Von Lukas Steinwandter