Wenn die Plattform WikiLeaks etwas enthüllt, dann gefällt das nicht unbedingt jedem und Julian Assange sitzt seit Jahren in der Botschaft Ecuadors zu London fest, weil er sich mit dem Imperium USA angelegt hat, indem er Kriegsverbrechen, Grundrechtsverletzungen und Korruptionskandale aufklärte. Natürlich hat sich WikiLeaks dadruch nicht nur Freunde gemacht, sondern auch Feinde. Aber bis vor kurzem waren das Regierungen, Geheimdienste, aber Medien?
 

Was Journalismus oder Propaganda ist, darüber mag man sich streiten. „Journalismus heisst, etwas zu drucken, von dem jemand will, dass es nicht gedruckt wird. Alles andere ist Public Relations“, zitiert man gerne den Autor George Orwell. Ob dieses Zitat wirklich vom Verfasser des Romans „1984“ ist, ist ebenfalls umstritten. Denn andere schreiben das Zitat gerne dem US-Verleger William Randolph Hearst zu, der dieses Zitat ein wenig anders zuvor formulierte. Jeder kann dies im Internet leicht recherchieren und seine eigene Schlüsse aus den gefundenen Ergebnissen ziehen. Wobei ja Platon auch mal gesagt, haben soll, dass nicht jedes Zitat im Internet stimmen muss. Gut, das ist natürlich ein Witz.
 
Ein Witz ist aber vor allem auch, was so manche Qualitätsmedien oder ihre Schreiberlinge unter Journalismus verstehen. Immer fadenscheiniger wird es immer dann, je mehr sich ein solches Medium als Eckpfeiler des sogenannten Qualitätsjournalismus versteht und die Qualitätsstandards für sich gepachtet haben will. Man kann in der westlichen Medienlandschaft viele solcher Beispiele finden. In Deutschland ist es der Spiegel in Hamburg oder die Süddeutsche Zeitung in München, in Österreich will es die Wiener Tageszeitung „Der Standard“ sein. Alle drei haben sicher schon bessere Zeiten im sogenannten investigativen Journalismus gehabt, auch wenn sie ihren transatlantischen Bezug und eine gewisse Tendenz nicht leugnen können.
 
Auch die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ hat einen solchen Bezug, dessen Offenlegung mal die Gerichte beschäftigte, nachdem die Kabarett-Macher aus der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ dieses Thema aufgegriffen haben. Nun gut, wir akzeptieren mal die Entscheidung des Gerichtes und geben uns mit Selbstkritik des Zeit-Journalisten Bernd Ulrich zufrieden, der dann unbeschadet des Urteils das Eingebettetsein in die amerikanische Denkart der Außenpolitik bestätigte.

 

 

Das kann man schon als seriöse Haltung bewerten und zugegeben, die Hamburger Journalisten haben möglicherweise schon schlechtere Zeiten gehabt, was die Einhaltung ihres hohen Anspruchs betrifft. Ob der Standard auch mal bessere Zeiten, ist nicht unvorstellbar. Um nicht gleich alles schlecht zu reden, fangen wir mal mit einem Artikel an, der es sich zur Aufgabe gemacht hat die Plattform WikiLeaks auf ziemlich kruden Niveau zu diskreditieren. Im letzten streitigen Artikel mag wohl noch am ehesten stimmen, dass WikiLeaks und ihr Chefredakteur Julian Assange schon bessere Zeiten hatte.
 
Vor mehr als vier Jahren lebte ehemalige Hacker noch in Freiheit, wobei er nach den Enthüllungen des Whistleblowers Bradley Manning schon um seine Freiheit oder gar um sein Leben fürchten musste. Und sicherlich lieferte das Material des ehemaligen Soldaten Bradley Manning, der für die Offenlegung von Verbrechen des US-Miliärs im Irak mehr als 35 Jahre im Gefängnis verbringen muss, mehr Interesse bei den Zuschauern als die aktuellen E-Mail-Enthüllungen bezüglich der US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton und der Partei AKP, der politischen Heimat des türkischen Präsidenten Recep Erdogan.
 
Natürlich tangieren diese Enthüllungen auch Gesetze und Rechte der Betroffenen Parteien, wie der Autor der Medienschelte feststellen konnte. Aber verstoßen nicht irgendwie alle Enthüllungen der Plattform gegen sämtliche US-Gesetze?! Mit Sicherheit! Auch die Enthüllungen um die Schweizer Privatbank Julius Bär, das war der erste Coup der Plattform, dürfte gegen einige Gesetze verstoßen haben. Auch die sogenannten vermeintlich „wichtigen Leaks“ wie die Panama-Papers, die nicht von WikiLeaks enthüllt wurden, wie der Standard-Mensch investigativ feststellte, dürften Gesetze verletzt haben, die das Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Mandanten schützen. Auch wenn der oder die Journalisten vom Wiener Standard bald den Pulitzer-Preis für ihre Leistung bekommen werden, aber Gesetz ist Gesetz. Und die Gesetze der Schwerkraft entscheiden wie schnell und inwieweit eine Enthüllungsplattform vom „Tiefen Fall“ erschüttert wird.
 

Zugeben, den Pulitzer-Preis fürs Gendern dürften den Journalisten des Standards so gut wie sicher sein, wenn man sich den vorletzten Artikel durchliest und sich die Frage stellt, was ist hier Propaganda und was Journalismus? Oder was ist wahr oder falsch? Jedenfalls steht fest, dass viele Schreiberlinge gerne zur Antisemitismus-Keule greifen, wenn ihnen nichts einfällt oder man von der Materie wenig Kenntnisse hat. Dieser Vorwurf wurde gleich erhoben, wobei man sich auf die seriöse Quelle, nämlich den Haaretz aus Tel Aviv stützte, wobei allerdings im Dunkeln bleibt wie man darauf kommt, dass die angeblich antisemitisch verfassten Tweets, die plötzlich aber gelöscht wurden, von Julian Assange stammen. Vor allem, wie kommt man darauf, dass der Twitter-Account von WikiLeaks nur von Assange benutzt wird?
 
Journalisten und Aktivisten, die sich eingehender mit der Materie und den Inhalten befassen, die auf der Plattform zugänglich und oftmals via Twitter angekündigt oder hervorgehoben werden, gehen davon aus, dass der Account des Kurznachrichtendienst dezentral oder von verschiedenen Mitarbeiten genutzt werden. Das ist bei den Social-Media-Accounts von großen und kleinen Portal nicht anders geregelt, aber der investigative Standard scheint es besser zu wissen. Wider besseres wissen wurde auch behauptet, dass die NSA-Dokumente von Edward Snowden nicht von WikiLeaks und Assange enthüllt wurden, sondern alleine von Glenn Greenwald und Laura Poitras, die ebenso nach Auffassung des Standard-Autors nichts mit WikiLeaks zu tun haben.
 
Also der NSA-Whistleblower Edward Snowden hat sich nie an WikiLeaks gewandt und es war auch nie eine Sarah Harrison an seiner Seite gewesen, die den Amerikaner monatelang betreute und mit ihm sogar Wochen im Transitbereich des Moskauer Flughafen verbracht hatte? In der Wiener Redaktion wird gerade die Geschichte eines der größten Geheimdienst-Skandale neu geschrieben. Das alleine ist schon eine Sensation – oder etwa nicht? Und natürlich „verurteilte“ Snowden die Plattform WikiLeaks natürlich mit seiner Aussage, nachdem er wie viele vor ihm kritisierte, dass WikiLeaks seine Dokumente nicht ausreichend redigiere. Zugegeben, es wurden alle Register gezogen, um WikiLeaks schlecht zu reden, wobei man sich am besten ein eigenes Bild vom Artikel machen soll.
 
Schrecklich finde man auch, dass die Journalisten von WikiLeaks im Hinblick auf die Anschläge in Frankreich Videos veröffentlichten und auch die Rolle Frankreichs angesprochen im Nahen Osten angesprochen haben, die im Übrigen nach den Anschlagen in Syrien mit ihren Bombern wild um sich gebombt haben sollen und das syrische Außenministerium daraufhin 120 Opfer beklagte. Ob darüber auch das kritische Wiener Qualitätsmedium berichtet hat? Man kann sich ja selbst auf der Plattform umschauen.
 
Ach ja, neuerdings ist die libanesische Hisbollah-Miliz ein Regime und keine Partei im Parlament mehr, wie man im politisch versierten Blatt lesen kann, wenn es darum geht den Journalisten Julian Assange zu kritisieren, der als erster Journalist aus dem Westen es geschafft hat, mit dem Anführer Sayyed Hassan Nasrallah über die Lage im Libanon zu sprechen, wie 2012 geschehen. Ob nun jetzt der Libanon ein „Regime“ ist oder der militärische Flügel der Hisbollah, lässt der qualitativ hochwertige Artikel nicht erkennen.
 
Jedenfalls dürfte das Wiener Außenministerium die „Schweiz im Nahen Osten“, wie der Libanon gerne genannt wird, das nicht so sehen, wenngleich das Bundesheer in der Region Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak betreut, die auch Schutz suchen, weil sie wegen den syrischen Milizen Al-Nusra und Al-Quaida in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten. Im Zweifel dürfte sich das auf Nasrallahs Miliz beziehen, welche von westlicher Seite als Terrormiliz tituliert werden, obgleich sie in Syrien gegen den islamistischen Terrorismus sunnitischer Ausrichtung bekämpft. Das Gespräch zwischen Assange und dem Shiiten Nasrallah kann man sich hier anschauen.
 

 

Am Ende drängt sich vielleicht die Frage auf, ob man die Plattform kritisieren darf oder nicht. Die Antwort ist einfach: Selbstverständlich, denn keine Plattform und kein Portal ist frei von Fehlern. Contra Magazin ist auch nicht frei von Fehlern. Auch hier wird nicht jedes Thema des Weltgeschehens aufgegriffen und ja, auch hier können Recherchefehler passieren und der eine oder andere Artikel mag vielleicht nicht jeden Geschmack treffen und hier werden eher Journalismus-Plattformen wie das Internationale Konsortium für Investigativen Journalismus kritisiert, die mit ihren Panama-Papers die große Enthüllung skandierten. Und möglicherweise fallen uns eher Artikel vom Wiener Standard unangenehm auf und vielleicht weniger die Artikel der Moskauer «Pradwa», was dann vielleicht nicht jeden intellektuellen Transatlantiker intellektuell bauchpinseln wird.
 
Aber Kritikpunkte an WikiLeaks werden auch genannt, da ihre Enthüllungen inzwischen auch eine Rubrik auf Contra Magazin füllen. Kritisiert wurde beispielsweise öfters die Tatsache, dass der Rechercheverbund des Norddeutschen Rundfunks und der Süddeutschen Zeitung oftmals lange vorab neue Leaks zugespielt bekommen, woraus sich ein Nachteil für andere Medien ergeben kann. Und wie dem Standard ist es uns auch nicht entgangen, dass die Enthüllungen um die Clinton-Mails auch einen persönlichen Beigeschmack haben können, wenngleich es doch relevant ist, wenn die US-Demokratin enge Verbindungen zu Terror-Unterstützern pflegt und wohl möglich selbst Waffenlieferungen an islamistischen Terroristen veranlasst hat.

 

Von Christian Lehmann