Die »Werra« sollte vor der libyschen Küste den Menschenschmuggel bekämpfen. Inzwischen rettet das Schiff der Bundeswehr Flüchtlinge und schippert sie nach Europa. Das freut Schmuggler, die ihre Menschenmassen bloß noch ins Wasser schieben müssen. Außerdem: Um den Familiennachzug unserer Asylbewerber zu beschleunigen, schickt die Bundesregierung laufend neue Beamte in den Nahen Osten.

 

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Am Anfang wollte die Seeflotte »EUNAVFOR MED Operation Sophia« den Menschschmuggel vor der libyschen Seeküste stoppen. Am Anfang. Inzwischen sind ihre Schiffe längst Teil der großen Schlepperkette nach Deutschland. Schleuserbanden schieben Flüchtlingsmassen gezielt in winzige, seeuntaugliche Kähne. Sie erzählen den Menschen: »Seht ihr bereits die Lichter? Das ist Italien.« In Wahrheit sind es nur Gasflammen der Ölförderinseln vor der libyschen Küste.

 

Jeden Tag segelt also eine neue Flüchtlingsflotte in den sicheren Tod. Zum Glück kreuzt draußen vor der Küste ja die internationale EU-Flotte. Sie muss jetzt eine Seenotrettung einleiten. Anschließend geht es für die Geretteten aber nicht zurück an die nahe libysche Küste – nein, die Flüchtlinge haben es geschafft und segeln in das mehr als 330 Kilometer entfernte Italien.

 

Es klingt paradox: Eine EU-Seeoperation ist die unfreiwillige Transportflotte der Schlepperbanden. Die müssen nichts weiter tun, als ihre Menschenware ins Wasser zu schieben. Den Rest übernimmt Europa. Unter den fünf Schiffen sind auch zwei deutsche: das Transportschiff »Werra« und sein Begleitboot »Datteln«. Ein Reporter der Welt begleitete die Dauer-Seenotrettung auf der »Werra«. Die Heldin seines Stücks ist Youshra O., eine 31-jährige Bundeswehrsoldatin. Sie spricht dank ihrer tunesischen Wurzeln fließend Arabisch und spielt in den Rettungseinsätzen die »Hoffnungsträgerin«. Das schreibt zumindest der Welt-Journalist.

 

Hoffnungsträgerin? Ja, der Reporter schildert das Aufsammeln der Flüchtlinge im Mittelmeer wie eine Willkommensparty auf dem Wasser. Inzwischen feiert Deutschland nach dem Kölner Sex-Mobzu Silvester zwar nicht mehr, aber die Naivität geht auf dem Mittelmeer weiter. Eine Textprobe aus dem Stück spricht Bände:

 

 

Immer mehr im Mittelmeer: Schlepperbanden schieben Flüchtlinge zum Retten ins Wasser

 

Zehn Uhr an einem Julimorgen, 30 Grad Lufttemperatur, die Besatzung der »Werra« steigt in die Bundeswehrschlauchboote und fährt auf die Flüchtlingsflotte zu. Die Bundeswehrsoldatin Youshra O. ist »eine junge Frau im knallorangefarbenen Überlebensanzug, mit einem tarnfarbenen Piratentuch.« Sie ist »eine Eisbrecherin im Mittelmeer; eine Angstnehmerin auf dem Weg in die Fremde. Youshra ist für die hier treibenden Flüchtlinge der erste Kontakt mit Europa nach einem endlosen Weg von der Heimat in Ghana und Gambia und Bangladesch. Der erste Mensch, das spüren sie alle, der es wirklich gut mit ihnen meint.« Das sind hochtrabende Worte für eine deprimierende Dauerrettung.

 

Was der Autor nicht erwähnt: Auch die Bundeswehrsoldaten machen sich wohl eher Gedanken über Sinn oder Unsinn des Ganzen. Die Schlauchboote der »Werra« retten Ende Juli wieder 122 Flüchtlinge – davon 93 »allein reisende Männer« und bloß zwei Kinder. Wieder geht es mit den Geretteten nach Italien. Anschließend geht es zurück vor die libysche Küste, um auf die nächste Seenotrettung zu warten. Die Schlepper haben bereits an der Küste gewartet – und schieben ihre nächste Flüchtlingsflotte ins Wasser. Ständig wird der menschliche Nachschub auf Lkws herbeigefahren; durch die Wüste, entlang der alten Karawanenwege.

 

 

Sie organisieren den Familiennachzug: immer mehr deutsche Staatsbeamte am Mittelmeer

 

Jede Rettungsmission ist lebensgefährlich für die Retter, doch das geht im Stück desWelt-Journalisten beinahe unter. Finnische Elitesoldaten sind immer an Bord der Schlauchboote; vermummt, mit Maschinenpistolen und Schutzwesten. Sie rechnen damit, dass sich Terroristen unter den Flüchtlingen verbergen, um die Retter mit dem Sprengstoffgürtel in die Luft zu jagen. Unter den Geretteten geht es alles andere als harmlos zu.

 

Der Text deutet das bloß an: »Konfliktstoff gibt es jetzt genug. Die Bangladeschis wollen nicht neben den Ostafrikanern liegen, die wiederum haben eine Abneigung gegen die Nordafrikaner. Unter den Afrikanern gibt es Rangordnungen. Je dunkler die Hautfarbe, desto weniger wert ist der Mensch in den Augen der Anderen.«

 

Deutsche Staatsbedienstete sind aber auch an anderen Stellen des Mittelmeers unterwegs, um mehr Menschen nach Deutschland zu holen. Das musste jetzt der Bundestag nach zwei Kleinen Anfragen der Linken einräumen:

 

In der ersten Antwort (18/9303) heißt es: Die Bundesregierung setzt »erhebliche materielle und personelle Ressourcen« dafür ein, damit Flüchtlinge in Griechenland das aktuelle Verfahren zum möglichen Familiennachzug nach Deutschland zügig durchlaufen. Das heißt: In Griechenland warten bereits die Frauen und Kinder der »allein reisenden Männer« auf ihre Weiterreise nach Deutschland. Bereits Ende März ist die deutsche Botschaft mit Beamten verstärkt worden, damit die Visastelle nicht unter dem Ansturm der Flüchtlinge kapitulieren muss.

 

Unsere Flüchtlingskrise ist nicht vorbei, sie macht nur eine Pause

 

In der zweiten Antwort (18/9264) heißt es: In allen Botschaften in Nahost stauen sich die Verfahren zum Familiennachzug. Mitte Mai gab es in Beirut 5650 offene Verfahren, beim Generalkonsulat in Istanbul waren es 4400, in Ankara 615, in Izmir 523, in Amman 1298 und in Kairo 350.

 

Weil Familien dort sehr groß sind, muss man die Zahlen mit fünf multiplizieren, um eine Ahnung zu bekommen, welcher Andrang dort gerade herrscht. Weil sich die Bearbeitung wegen fehlender Dokumente verzögert, entsendet die Bundesregierung noch mehr Beamte – außerdem will sie die Verfahren vereinfachen. Sie hofft außerdem auf Unterstützung durch die Internationale Organisation für Migration (IOM).

 

Dort unterhält man sogar ein eigenes Analysezentrum über Fluchtbewegungen. Anfang Juli schlug die IOM wieder Alarm: Unsere Flüchtlingskrise ist nicht vorbei, sie macht nur eine Pause. Die Lage am Mittelmeer bleibt »volatil«. Ein schönes Wort. Im Deutschen heißt es: »flüchtig«.

 

Derzeit sind etwa 65 Millionen Flüchtlinge auf der Reise. Hunderttausende warten in den Staaten Nordafrikas auf ihre Chance, um es über das Meer nach Europa zu schaffen. Immerhin warten bereits die Schiffe der Bundeswehr, um für eine sichere Reise zu sorgen.

 

 

Von Markus Mähler