Über die streitige MH-17-Reportage des Berliner Recherche-Vereins sowie über den Rauswurf der beiden Reporter Billy Six und Graham W. Phillips berichtete Contra Magazin letzte Woche. Dabei wurde unter anderem auf die strittige MH-17-Reportage berichtet, über die nicht nur die beiden Kollegen, sondern auch zahlreiche Journalisten und Blogger sich wunderten.

 

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Zugegeben, es ist schon mutig eine Reportage über den bislang ungelösten Fall der abgestürzten malaysischen MH-17 in der Ostukraine am 17 Juli 2014 zu bringen, ohne sich dabei Kritik einzufangen. Stichwort Kritik: Damit scheinen die Damen und Herren vom Recherche-Kollektiv aus Berlin wenig anfangen zu können. Der Besuch von Phillips und Six veranlasste sie nicht nur zum Rausschmiss nebst Anzeige und Polizeiruf, sondern alle erdenklichen Massenmedien wurden mobilisiert, um den alleinigen Standpunkt von CORRECTIV wiederzugeben. Contra berichtetet hier bereits zum fünften Male über den Vorfall, wobei sich ein Artikel über zwei Seiten lang mit der strittigen Reportage aus dem Berliner Büro für Qualitätsjournalismus befasste.

 

Da es doch eine brisante Sache ist, um die es hier geht und es durchaus nachvollziehbar war, dass die beiden Reporter, die auch vor Ort waren, mit vielen Fragen das Büro aufgesucht haben, so ist es doch umso erstaunlicher, dass sich kaum ein Medium ob Radio, Fernsehen oder Online-Portal sich mit den Inhalten der Sache auseinandersetzen wollte. Im Gegenteil, vielmehr ging es darum den Standpunkt der Berliner Journalisten breit zu tragen. Einige nahmen den Vorfall auch zum Anlass, um die beiden Reporter in Artikeln schlecht darzustellen, was man bei Correctiv wohlwollend twitterte — sowas ist wahrscheinlich wahre Freundschaft.

 


Weiter ließ man auch über den Kurznachrichtendienst mitteilen, dass man sich gegen die Vorwürfe von Billy Six wehrt und Trolle künftig blockieren werde. Trolle sind natürlich immer diejenigen, die kritische Fragen stellen oder dem Recherche-Portal Kritik Gegenargumente um die Ohren wirft, die auf Fakten, Tatsachen oder Einwände beruhen, auf die man keine Antworten parat hat. Natürlich gibt sicher auch Fälle, wo es nachvollziehbar ist, dass man nicht mehr weiter diskutieren möchte. Und vielleicht wäre die Geschichte auch anders ausgegangen, wenn Phillips nicht gleich mit dem Vorwurf der „Lügenpresse“ gleich mit der Tür ins Haus gefallen wäre.

 

Aber die Betonung liegt hier beim „vielleicht“, denn es hinderte ja den Mainstream nicht daran Wörter wie „stürmen“ oder „eindringen“ zu verwenden, was dem Video zufolge nicht der Fall ist. Das Video des Briten Phillips spricht für sich. Auch die Tatsache, dass er wohl nicht der einzige ist, der sich über das Recherche-Ergebnis aus dem modernen Berliner Büro, um es mal zurückhaltend auszudrücken, wunderte.

 

Auch hier wunderte man sich über viele Fakten und Tatsachen, die man in der Reportage nachlesen konnte. Umso weniger, aber umso mehr beruhigender ist es, dass viele Einwände und Kritikpunkte bereits zuvor von Journalisten und Bloggern erwähnt wurden. In der Blog-Gemeinschaft vom Berliner Freitag bloggt ein ehemaliger Offizier der Nationalen Volksarmee, der sogar in der Luftabwehr ausgebildet wurde und damit auch ein gewisses Hintergrundwissen vorweisen kann. Dieser wunderte sich nicht in wenigen Punkten über die Recherche-Ergebnisse, die sogar mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurden und musste sogar über die Behauptung schmunzeln, dass sich kein russischer Panzer ohne eine Luftabwehr-Batterie aufs Gefechtsfeld traue.

 

Über vier Seiten hinweg, hatte er einiges an Einwänden vorzutragen, auf die Contra Magazin ebenfalls einging, aber hier ging man mehr auf die technischen Feinheiten ein. Auch der Berliner Journalist Matthias Bröckers, der für die Berliner taz und das Heise-Portal schreibt, hat einiges auf seinem Blog hinzuzufügen und kritisierte nicht nur einmal seine preisgekrönten Berliner Kollegen. Zuletzt tat er dies im Februar 2016 und konstatierte, dass nur die Ukraine ein Buk-System des Typen hatte, der die Boeing zu Fall gebracht haben könnte. Um der Korrektheit wegen, weisen wir darauf hin, dass sich Broeckers in einem Buch bereits als „Putin-Versteher“ outete.

 

Möglicherweise sieht sich deswegen auch Herr Bensmann als investigativer Ausnahmejournalist gezwungen, die Einwände von Broeckers zu ignorieren. Aber auf Heise.de hatte man auch einige Einwände gegen das CORRECTIV-Ergebnis vorzubringen, welche letztlich auch die ganze Reportage mehr als wackelig erscheinen lassen. Und vor allem bleibt zu sagen, dass sich diese Berichterstattung überwiegend auf das Jahr 2015 beschränkt, also überwiegend mehr als anderthalb Jahre alt ist. Und auf die internationalen Artikel wollen wir hier gar nicht erst eingehen, denn das würde doch den Rahmen sprengen.

 

Also hier drängt sich eine Kette von Fakten, Einwänden und auch Beweisen auf, die nicht gerade für die Reportage von CORRECTIV sprechen. Anscheinend sind doch nicht nur „Trolle“ und „Propagandisten“ am Werk, die hier die Stirn runzeln, wenn sie sich das Konglomerat an Daten, Bildern, Tönen und Text vor Augen halten. Umso erstaunlicher ist es doch, dass man in den vielen Interviews eher weniger auf die strittige Reportage einging, aber umso mehr auf den Hintergrund von Six und Phillips, der allerdings auch oftmals falsch dargestellt wurde.Aber wer kritische Fragen hat, der bekommt ja bekanntlich kein Interview von den investigativen Herrschaften von CORRECTIV, was aber nun auch keinen mehr verwundern darf. Derweil sieht man sich dort durch das Untersuchungsergebnis vom Dutch Safety Board, was lediglich auch nur den Punkt bestätigt, dass eine BUK-Rakete die Boeing vom Himmel geholt haben könnte. Mit dem Zeugen Harry Holdings will auf einmal Bensmann nicht selbst gesprochen haben, sondern man verweist auf die Kollegen vom Algemeen Dagblad, was sich aber so nicht aus der Reportage herauslesen lässt.

 

Von Christian Lehmann