Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat am Dienstag St. Petersburg besucht, wo er sich zum ersten Mal seit neun Monaten mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin traf, schreibt die „Nesawissimaja Gaseta“ am Mittwoch.

 

164-1-2

 

Nach einem Gespräch im kleinen Kreis diskutierten die beiden Präsidenten mit russischen und türkischen Unternehmern, die an der Abschaffung des russischen Lebensmittelverbots, der Wiederaufnahme der Charter-Flüge und der Umsetzung des Pipeline-Projekts Turkish Stream interessiert sind. Diese Themen sowie die Syrien-Regelung und der Antiterrorkampf wurden bei einem zwei Stunden dauernden Treffen erörtert, berichtete der Berater des russischen Präsidenten, Juri Uschakow.

 

Erdogan teilte auf der anschließenden Pressekonferenz mit, dass die Türkei bereit sei, die Projekte zum Bau der Turkish-Stream-Pipeline und des Atomkraftwerks Akkuyu umzusetzen. Diese Projekte zu beschleunigen, sei eine unserer Aufgaben, so Erdogan. Putin kündigte seinerseits eine baldige Wiederaufnahme der Charterflüge an und betonte, dass es jetzt nur noch um technische Aspekte ginge.

 

Putin zufolge hatten die bilateralen Beziehungen in den letzten Jahren ein beispielloses Niveau erreicht, allerdings verschlechterten sie sich nach dem Abschuss eines Su-24-Kampfjets durch die türkischen Luftstreitkräfte im November.

 

Der Vorfall löste einen „diplomatischen Sturm“ und Empörung im Kreml aus, berichtete CNN damals. Es schien, dass Putin und Erdogan nie wieder ihren Zorn überwinden werden, es sei ein Willenskampf zweier autokratischer Herangehensweisen bei der Syrien-Frage gewesen. Die Wiederaufnahme der Beziehungen zu Russland sei aus der Verzweiflung entstanden, meint der Türkei-Experte der Londoner Denkfabrik Chatham House, Fadi Hakura.

 

Allerdings kam die Annäherung nicht so unerwartet, wie es auf den ersten Blick scheint. Vor den Verhandlungen in St. Petersburg habe es geheime Vorbereitungen gegeben, berichtet die türkische Zeitung „Hürriyet“. Als Vermittler bei der Versöhnung traten der Geschäftsmann mit Verbindungen in Dagestan, Cavit Çağlar, und der Präsident Kasachstans, Nursultan Nasarbajew, auf.

 

Laut diplomatischen Quellen sagte der türkische Generalstabschef Hulusi Akar Erdogan, dass es einen Kanal gebe, der zur Lösung der bilateralen Krise genutzt werden könnte. Als „Kanal“ war der Chef des Unternehmens Nergis Holding, Cavit Çağlar, gemeint, der sich früher in der Politik engagiert hatte und seit langem den dagestanischen Republikchef Ramasan Abdulatipow kennt, der zur russischen Führung gute Kontakte haben soll, schreibt „Hürriyet“ weiter.

 

Über Chaglar und Abdulatipow wurden die Verhandlungen eingeleitet. Nasarbajew teilte Ankara am 22. Juni mit, dass Moskau bereit sei, auf eine Versöhnungsbotschaft Erdogans einzugehen. Zwei Tage später flog der Sprecher des türkischen Staatschefs, Ibrahim Kalin, auf Einladung des usbekischen Staatschefs nach Taschkent, wo er ein Schreiben an Uschakow übergab. Putin willigte in die Versöhnung mit Ankara ein, wonach die Botschaft offiziell veröffentlicht wurde.

 

Wie die Zeitung „Financial Times“ schreibt, ist der Westen über die Annäherung zwischen Moskau und Ankara beunruhigt. Russland habe sich als größter Begünstigter nach dem Putschversuch erwiesen, weil das Treffen zeitlich mit der Zuspitzung der Beziehungen zwischen der Türkei und dem Westen zusammenfiel.

 

Falls Putin Erdogan eine enge Kooperation anbietet, werde es dem Westen deutlich schwieriger fallen, die Türkei unter Druck zu setzen, sagte der Politologe Flemming Splidsboe der dänischen Zeitung „Nyheder“.

 

„Für Moskau und Ankara ist es wichtig, an Brüssel, Berlin, Paris und natürlich auch an Washington das Signal zu senden: Wir können sehr wohl ohne euch oder sogar gegen euch gute Freunde sein“, schreibt die Deutsche Welle. „Was besonders symbolisch ist: Der bevorstehende Austausch von Meinungen und Freundschaftsbekundungen wird nicht auf neutralem Terrain stattfinden“, so Deutsche Welle. „Erdogan kommt extra nach Russland, noch dazu in die Geburtsstadt Putins. Das verstärkt den Eindruck, dass der russische Präsident als Sieger aus diesem Konflikt hervorgegangen ist.“

 

Allerdings hob der Pressedienst der Bundesregierung am Montag hervor, dass Berlin nicht der Meinung sei, die Verbesserung der Beziehungen zwischen Moskau und Ankara würde Folgen für die Nato-Mitgliedschaft der Türkei haben.

 

Laut der stellvertretenden Direktorin des Russischen Instituts für strategische Studien, Anna Glasowa, ging es bei dem Treffen in St. Petersburg um die Wiederherstellung der früheren Beziehungen, die nach dem Abschuss des russischen Flugzeugs ihren Tiefpunkt erreicht hatten. Dabei sei nicht ausgeschlossen, dass Erdogan die Verhandlungen mit Putin im Kontext der antiwestlichen Rhetorik nutzen werde, wie es mit den Äußerungen zu einem möglichen Beitritt der Türkei zur SOZ und Eurasischen Wirtschaftsunion der Fall gewesen sei.