Der Syrien-Konflikt gehörte zu den wichtigsten Themen beim gestrigen russisch-türkischen Gipfeltreffen in St. Petersburg, schreibt die Zeitung „Wedomosti“ am Mittwoch.

 

default-1iq

 

Diese Frage wurde von den Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan sowohl unter vier Augen als auch unter Beteiligung des Leiters des türkischen Geheimdienstes MIT, Hakan Fidan, und des russischen Generalstabschefs Valeri Gerassimow besprochen.

 

In diesen Tagen finden in der Nähe von Aleppo erbitterte Kämpfe zwischen syrischen Regierungstruppen, denen die russische Luftwaffe zur Seite steht, und den Terroristen der al-Nusra-Front statt. Letztere sollen Waffenhilfen aus der Türkei erhalten.

 

Wie der russische Militärexperte Viktor Murachowski sagte, ist seit Ende der vorigen Woche, als die Kämpfer einen etwa einen Kilometer breiten „Korridor“ in den östlichen Teil Aleppos durchbrechen konnten, eine sehr instabile Situation entstanden: Die Armee bemüht sich darum, den Korridor zu beseitigen, während die Kämpfer versuchen, ihn noch breiter zu machen.

 

Eine dem russischen Verteidigungsministerium nahestehende Quelle verriet, es würden derzeit Kontakte zwischen russischen und türkischen Militärs zwecks Vorbeugung von neuen Zwischenfällen in der Luft geknüpft. Die gegenseitigen Militärverbindungen könnten nach dem Gipfel an Intensität gewinnen, vermutete der Direktor des Zentrums für Strategien- und Technologienanalysen, Ruslan Puchow. Denn wegen der negativen Reaktion des Westens auf Ankaras scharfes Vorgehen nach dem gescheiterten Putschversuch könnten die Türken auf Probleme beim Zugang zu westlichen Militärtechnologien stoßen. In dieser Situation könnte Moskau Ankara entgegenkommen, vermutete der Experte.

 

Unmittelbar am Tag des Gipfels hatte Präsident Putin das bereits im August 2015 unterzeichnete und im Dezember veröffentlichte Abkommen mit Syrien über die Nutzung des Stützpunktes Hmeimim zur Ratifizierung in die Staatsduma (Parlamentsunterhaus) eingebracht. Zwar sieht Artikel 23 des Gesetzes über internationale Verträge die provisorische Anwendung eines Abkommens ohne Ratifizierung im Laufe von sechs Monaten vor, doch danach muss das jeweilige Dokument vom Parlament abgesegnet werden. Wie ein Insider der russischen Militärbehörde vermutete, ist das Einbringen des Abkommens in die Staatsduma unmittelbar vor dem russisch-türkischen Gipfel kein Zufall, und das bedeute, dass Russland Syrien auch weiterhin unterstützen wird.

 

„Öffentlich wurde über Syrien kaum gesprochen, und meines Erachtens ist das ein Beweis dafür, dass die Kontroversen zwischen den Seiten akut bleiben“, meint die Beraterin des Direktors des Russischen Instituts für strategische Forschungen, Jelena Suponina. Und da Moskau seine Position offenbar nicht ändern werde, müsse also Erdogan einen Schritt entgegenkommen. „Er könnte Russlands Idee zustimmen, das politische Schicksal des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad derzeit nicht zu erörtern und sich auf andere Fragen zu konzentrieren, beispielsweise auf die Terrorbekämpfung.“

„Die türkische Führung verhält sich gegenüber Assad äußerst negativ, aber in letzter Zeit scheint sie zu verstehen, dass er für die Übergangszeit bleiben muss, denn das ist die einzige Institution, ohne die nichts erreicht werden kann“, erklärte die Orientalistin Irina Swjagelskaja.

Der Vorsitzende des Russischen Rates für internationale Beziehungen, Andrej Kortunow, sagte seinerseits, dass Erdogan angesichts der Situation um Aleppo und dem offensichtlichen Erstarken der syrischen Opposition die Frage nach der Suche eines Kompromisses aufwerfen könnte. „Früher konnte man in Damaskus mit einem K.o.-Sieg rechnen, aber jetzt könnte die Frage nach der Intensivierung des Genfer Dialogs gestellt werden“, betonte er. Eine andere für Ankara wichtige Frage hänge mit den syrischen Kurden und mit Moskaus Beziehungen zu radikalen kurdischen Gruppierungen in der Türkei zusammen: „Erdogan hätte gern, dass diese Beziehungen beendet oder wenigstens minimiert werden. Und diesen Trumpf sollte die russische Seite nutzen.“