Die Bodenoperation „Schild des Euphrats“ der türkischen Armee im syrischen Grenzgebiet bringt der Region einen neuen Entwicklungsschub, wie die Zeitung „Wedomosti“ am Donnerstag schreibt.

 

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Ankara steht vor wichtigen innenpolitischen Aufgaben. Eine kurze und erfolgreiche Operation der Spezialeinheiten soll das eigene Volk vor den nach dem Putschversuch begonnenen massiven Säuberungen ablenken. Zudem ist es für Erdogan wichtig, sich als Beschützer der türkischen Bürger vor Terrorangriffen nach der jüngsten Bombenexplosion in Gaziantep, bei der 54 Menschen ums Leben kamen, zu präsentieren.

 

Der Kampf gegen die Kurden gehört ebenfalls zu den innenpolitischen Aufgaben. Türkische Truppen und Einheiten der Freien Syrischen Armee attackieren nahe Dscharabulus die Stellungen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS, auch Daesh). Allerdings beschweren sich auch Kurden über die Artillerieangriffe. Wegen der Einnahme von Dscharabulus durch die türkische Armee konnten die kurdischen Milizen die Stadt nicht unter Kontrolle nehmen und die Gebiete im Norden Syriens zusammenschließen, wie der russische Orientalist Leonid Issajew meint. Laut dem Experten Wladimir Frolow hat die Türkei mit der Eroberung von Dscharabulus an der Grenze einen Korridor beibehalten, über den sie die Turkmenen und andere protürkische Kräfte in Syrien mit Munition und Waffen versorgen kann.

 

Erdogan hat einen optimalen Zeitpunkt für die Offensive gewählt, an dem mit kaum Widerstand zu rechnen ist. Das syrische Außenministerium bezeichnete die türkische Operation als Verletzung der Souveränität, doch es ist nicht ausgeschlossen, dass es sich nur um eine offizielle Stellungnahme handelt, die inoffizielle Vereinbarungen zwischen Damaskus und Ankara überdecken soll.

 

Im Unterschied zur Situation im Winter 2015 bzw. Frühjahr 2016, als solche Handlungen der Türkei Vorwürfe seitens Russlands wegen Aggression und Verletzung der Völkerrechtsnormen hätten auslösen können, ist die Reaktion Moskaus jetzt zurückhaltend. Das russische Außenministerium ist „tief beunruhigt“ über die Zuspitzung der Situation an der syrisch-türkischen Grenze, unter anderem wegen möglicher Opfer unter der Zivilbevölkerung. Scharfe Kritik kam aber nicht aus Moskau. Diese Reaktion könne einen Kurswechsel bei den Prioritäten der russischen Syrien-Politik bedeuten, so Frolow. Moskau setzt nicht mehr auf die Kurden, nachdem man sich mit der Türkei und anderen Konfliktteilnehmern über die Trennung der Interessen in Syrien geeinigt hat. Russland und die syrische Regierung kontrollieren das Zentrum des Landes, Damaskus und die Küstengebiete, wo die Stützpunkte der russischen Fliegerkräfte und Flotte liegen. Der Norden des Landes gehört zum Einflussbereich der Türkei, die verpflichtet wurde, die Handlungen der Verbündeten gegen den IS zu intensivieren.

 

Russland und die USA spielen dabei weiterhin eine wichtige Rolle als Vermittler, die Konflikte zwischen Syrien, der Türkei und kurdischen Aufständischen verhindern, die die Hauptrolle beiden Kampfhandlungen gegen den IS im Irak und im Osten Syriens spielten. US-Vizepräsident Joe Biden sagte am Mittwoch bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem türkischen Premier Binali Yildirim, dass die Türkei weiterhin unterstützt werde.

 

Allerdings könnte die Effizienz der neuen Konstellation erneut infrage gestellt werden. Ein situationsbedingter Wechsel der Verbündeten in Syrien könnte zu Misstrauen unter den Konfliktteilnehmern führen.