Die Außenminister Russlands und der USA, Sergej Lawrow und John Kerry, werden sich in Genf zu weiteren Verhandlungen im Rahmen der Syrien-Regelung treffen, wie die Zeitung «Nesawissimaja Gaseta» am Freitag schreibt. Anlass ist die jüngste Operation der Türkei auf syrischem Gebiet.

 

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Medienangaben zufolge verbinden sich damit große Hoffnungen: Die arabische Zeitung „Al-Monitor“ schreibt, dass die Chefdiplomaten versuchen würden, „den Syrien-Deal nach den ursprünglichen russisch-amerikanischen Vereinbarungen abzuwickeln, die am 15. Juli bei einem Treffen in Moskau getroffen, doch wegen der Intensivierung der Kriegshandlungen in Aleppo auf die Kippe gerieten.“

 

Der frühere syrische Diplomat Bassam Barabandi, der jetzt mit dem Höchsten Verhandlungskomitee der syrischen Opposition zusammenwirkt, nannte die geplanten Genfer Beratungen „ein großes Treffen“ und betonte, dass Kerry im Kontext der schwierigen Situation in Aleppo Instrumente verliere, um Moskau unter Druck zu setzen.

 

Die Sprecherin des US-Außenministeriums, Elizabeth Trudeau, schätzte das bevorstehende Treffen positiv ein, weil es nach ihren Worten bei der Lösung vieler Fragen helfen und Fortschritte ermögliche.

 

Dem Außenminister-Treffen gingen russisch-amerikanische Expertenberatungen voraus, bei denen laut diplomatischen Quellen das Zusammenwirken Moskaus und Washingtons bei der Einrichtung sogenannter „humanitärer Pausen“ in Aleppo, der Gewährleistung der Sicherheit der humanitären Konvois sowie der Koordinierung des Vorgehens beider Seiten im Kampf gegen die Terroristen erörtert wurden. „In Syrien gibt es viele Kräfte, die gegen unseren gemeinsamen Feind, den ‚Islamischen Staat‘,  kämpfen“, sagte Trudeau. „Wir unterhalten enge Kontakte zu den Türken und den kurdischen Kommandeuren. Das ist eine schwierige Situation, die sich schnell entwickelt.“

 

Kerry hatte während seines jüngsten Besuchs in Kenia die Hoffnung geäußert, dass Moskau und Washington sich über die Syrien-Regelung noch bis Ende dieses Monats einigten. Im Pentagon ist man allerdings weniger optimistisch.

 

Zuvor hatten diplomatische Quellen in Genf bestätigt, dass das Lawrow-Kerry-Treffen tatsächlich vorbereitet werde, doch ob es tatsächlich zustande komme, hänge von der Situation in Aleppo ab. „Es ist offensichtlich, dass beide Seiten sich einigen wollen, doch das Misstrauen bleibt“, so ein Insider.

 

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, kündigte ihrerseits an, dass im Mittelpunkt der Genfer Gespräche „die Perspektiven der Syrien-Regelung, darunter die Koordinierung der Handlungen Russlands und der USA im Kampf gegen terroristische Gruppierungen in Syrien“, stehen werden. Die Seiten haben offenbar eine ganze Reihe von Kontroversen vom Tisch geräumt, aber wohl nicht alle. Russland ist in eine schwierige Lage geraten, nachdem die Türkei den Einsatz „Schutzschild Euphrat“ begonnen und fast Dutzende Panzer nach Syrien verlegt hatte. Ihre Truppen haben unter Mitwirkung der Freien Syrischen Armee (FSA) die syrische Stadt Dscharabulus erobert, die zuvor der IS kontrolliert hatte.

 

Bis zuletzt hatten die syrischen Kurden, die sehr effizient gegen den IS kämpften, Ansprüche auf die Bildung einer neuen Autonomie im Norden Syriens gestellt. Jetzt aber sind ihre Hoffnungen gescheitert, denn Dscharabulus war für sie strategisch wichtig. Jetzt mussten sich die Kurden ans östliche Euphrat-Ufer zurückziehen.

 

Russland hatte lange Zeit die Kurden unterstützt. Jetzt aber brachte das Außenministerium vorsichtig seine „Besorgnis um die mögliche weitere Eskalation der Lage im Konfliktraum“ zum Ausdruck. Die Kurden-Frage wird offenbar eine der wichtigsten bei dem Lawrow-Kerry-Treffen sein.

 

Experten zeigen sich derweil eher skeptisch bezüglich der Genfer Gespräche. „Ich denke nicht, dass in Genf ein Durchbruch möglich ist: Dafür gibt es einfach keine objektiven Voraussetzungen“, sagte der Leiter des russischen Zentrums für Konfliktanalysen im Nahen Osten, Alexander Schumilin. Im Grunde sei die türkische Offensive bei Dscharabulus die Umsetzung des „Plans B“ geworden, den Washington forcierte. Nach Auffassung der Amerikaner sollten den Syrien-Konflikt vor allem die dortigen Oppositionellen unter Mitwirkung der internationalen Koalition in den Griff bekommen. Die türkische Invasion bedeute, dass Präsident Assad den Norden Syriens nicht mehr kontrollieren werde, so der Politologe.

 

„Sollte diese Dynamik zu einem Trend werden, wäre für Russland die Hölle los“, warnte Schumilin. Moskau müsste sich dann zu „irgendwelchen noch wichtigeren Formulierungen und Fortschritten bei Verhandlungen entschließen, aber niemand weiß, zu welchen.“ Zugleich zweifelte der Experte, dass Washington zu irgendwelchen Zugeständnissen bereit wäre.